Wird alles teurer, wenn Kartenzahlung Pflicht wird? Ein Experte rechnet vor, warum viele Händler ganz anders kalkulieren müssten. Deutschland diskutiert, ob Verbraucherinnen und Verbraucher künftig überall auch ohne Bargeld bezahlen können. Skandinavische Länder wie Schweden oder Norwegen machen es vor: Viele Geschäfte dort akzeptieren nur noch Karten oder mobile Bezahldienste. Händler dürfen Bargeld ablehnen – völlig legal. Eine gesetzliche Pflicht zur Kartenzahlung gibt es zwar nicht, doch in der Praxis funktioniert der Alltag längst ohne Scheine und Münzen. Warum tut sich Deutschland so schwer? Nach Angaben von Zahlungsexperte Martin Damaszek verfügt hierzulande im Schnitt nur etwa jedes dritte Geschäft über ein EC-Kartengerät. Braucht es also eine gesetzliche Kartenzahlpflicht, wie sie von mehreren Bundesländern gefordert wird , um bargeldloses Zahlen überall zu ermöglichen? Damaszek erklärt im Gespräch mit t-online, was wirklich hinter der Debatte steckt – und warum viele Ängste unbegründet sind. t-online: Herr Damaszek, kommt die Kartenzahlpflicht in Deutschland noch 2026? Martin Damaszek: Ich habe mit einem CDU-Abgeordneten aus Hamburg-Mitte gesprochen. Seine Antwort war: Jein. Die Koalition ist darüber nicht zerstritten, aber es gibt noch keinen klaren Konsens. Dass eine digitale Bezahlmethode angeboten werden soll, ist wohl unbestritten – nur die Definition ist schwierig. Zählt etwa Paypal per QR-Code schon dazu? Zwischen den Zeilen höre ich: Man orientiert sich am skandinavischen Modell, wo praktisch überall Kartenzahlung möglich ist. Dahinter steht auch der Gedanke, Geldströme transparenter zu machen. In Polen etwa sind Online-Fiskalkassen Pflicht und direkt mit dem Finanzamt verbunden. In Deutschland verzögert sich der Fortschritt – nicht zuletzt, weil die Menschen hier das Bargeld lieben. Müssten dann wirklich alle Geschäfte Karten akzeptieren? Nach meinem Verständnis würde eine Kartenzahlpflicht auch Unternehmen betreffen, die bislang nur mit Registrierkasse arbeiten. Verbraucher sollen überall bar oder alternativ mit Karte zahlen können. Gerade jüngere Kunden zahlen bevorzugt bargeldlos. Wer etwa in einer Großstadt parkt, wo die Stunde drei Euro kostet, und der Automat keine digitale Option anbietet, steht schnell vor einem Problem. Muss sich dann jeder Händler ein digitales Kassensystem anschaffen? Man muss klar zwischen Kassensystem und EC-Gerät trennen. Eine Registrierkasse könnte erst ab einem Jahresumsatz von 100.000 Euro verpflichtend sein. Wochenmarkthändler etwa wären davon ausgenommen. Ein stationäres EC-Gerät kostet in der Regel 12 bis 15 Euro im Monat. Mobile Geräte starten bei etwa 16 Euro, da sie robuster sind und eine integrierte SIM-Karte besitzen. Die Einstiegskosten sind aus meiner Sicht überschaubar. Was kostet eine EC- oder Debitkartenzahlung die Händler? Neben der Gerätemiete fallen Transaktionskosten von etwa sechs bis sieben Cent pro Zahlung an. Hinzu kommt ein sogenanntes Bankenentgelt von 0,24 Prozent des Umsatzes. Dieses deckt die technische Prüfung ab: Ist das Konto gedeckt? Ist die Karte gesperrt? Wird alles freigegeben, reserviert die Bank den Betrag für den Händler. Bei einem Umsatz von 100 Euro entspricht das 24 Cent. Kostet ein Produkt zehn Euro, liegt die Gesamtbelastung bei rund acht Cent – inklusive Transaktionskosten. Und wie sieht es bei Kreditkarten aus? Hier steigen die Gebühren. Für Visa oder Mastercard berechnen Anbieter meist zwischen 0,85 und 1 Prozent des Umsatzes. American Express liegt bei etwa 1,5 Prozent. Gerade bei höheren Beträgen summieren sich diese Unterschiede. Händler sollten deshalb genau prüfen, welche Karten sie akzeptieren und zu welchen Konditionen. Was spricht gegen Bargeld? In diesem Zusammenhang verweise ich gerne auf die Hamburger Sparkasse . Die Haspa verlangt beispielsweise rund zehn Euro pro Bargeldeinzahlung. Wer seine Einnahmen täglich zum Kassenschalter bringt, muss mit zusätzlichen Kosten von 200 Euro rechnen. Selbst bei wöchentlicher Einzahlung entstehen spürbare Kosten. Hinzu kommen Zeitaufwand, Wege zur Bank und personelle Ressourcen. Kartenzahlungen landen meist am nächsten Tag auf dem Konto. Niemand muss Geld zählen oder Münzen rollen. Händler sollten daher beide Seiten nüchtern vergleichen. Aber solange die Menschen trotzdem zusätzlich auch mit Bargeld zahlen dürfen, ändert sich doch für die Händler nichts: Sie müssten neben den Kosten für Bargeldeinzahlungen noch die für Kartenzahlung tragen, oder nicht? Korrekt. Es gibt aber bereits einige Restaurants, die kein Bargeld mehr akzeptieren, weil es zusätzlichen Zeit- und Arbeitsaufwand verursacht. Zudem bleibt der Mensch ein Fehlerfaktor: Es wird falsch herausgegeben, Geld geht verloren – etwa, wenn es unter den Tisch fällt – oder ein Wechselgeldfehler bleibt unbemerkt. Aus diesen Gründen haben sich manche Betriebe schon bewusst gegen Bargeld entschieden, insbesondere wenn die Kasse am Ende des Abends regelmäßig nicht stimmte. Die Folge: Jemand muss für die Differenzen geradestehen. Wo lauern weitere versteckte Gebühren und Vertragsfallen? Nicht jedes "kostenlose" EC-Gerät ist wirklich günstig. Komplettpakete mit einem festen monatlichen Preis sind in der Regel inklusive Service, Austausch bei Defekt innerhalb von 24 Stunden und Hotline. Andere Anbieter locken mit Gratis-Geräten, verlangen jedoch bis zu 1,29 Prozent pro EC-Transaktion. Fällt das Gerät herunter, können zusätzlich mehrere Hundert Euro fällig werden. Am Ende zahlen Händler oft deutlich mehr als bei einem transparenten Mietmodell. Sind die Preise verhandelbar? Der Markt ist in Bewegung. Es gibt sogar Anbieter, die für Kreditkartenzahlungen bis zu 3,65 Prozent berechnen – beinahe das Dreifache üblicher Konditionen. Viele Händler kennen die Unterschiede nicht. Daher rate ich Händlern, sich gründlich über Preise, Transaktionskosten und Vertragsbedingungen zu informieren – so wie man es vor einer größeren Anschaffung auch tun würde. Ein Kunde sagte mir einmal am Rande: Du kannst gerne zu mir kommen, wenn die EC-Geräte umsonst sind. Ich sagte ihm: Wenn ich den Baum in Vietnam finde, an dem die EC-Geräte wachsen, bringe ich ihm gerne ein kostenloses Gerät vorbei. Welche Folgen hätte eine Kartenzahlpflicht für kleine Läden – Kioske, Eisdielen, Friseure auf dem Land? Die entscheidende Frage ist doch: Wie viel von den Einnahmen landet offiziell beim Fiskus? Ich sehe es selbst beim Einkauf im Großhandel: Da kommen Paare, kaufen exakt dasselbe – 200 Würstchen mal zwei, 200 Brötchen mal zwei. Und ich frage mich: Warum getrennt? Offiziell weiß das Finanzamt vielleicht von 200 Würstchen. Verkauft werden aber 400. Oder gerade in Branchen wie Eisdielen ist Kontrolle schwierig. Wie will jemand nachprüfen, wie viele Kugeln tatsächlich verkauft wurden? Wasser und Pulver ergeben Eis. Aus 20 Litern können 200 Kugeln werden – oder angeblich nur 50. Mit Kartenzahlung wird es transparenter. Werden Händler damit "gläsern"? Wenn jede Zahlung in der Abrechnung auftaucht, macht das ein Geschäft natürlich gläserner – aber eben auch nachvollziehbarer. Gleichzeitig dürften offiziell ausgewiesene Umsätze und damit auch Steuerzahlungen steigen. "Schwarze Schafe" wird es immer geben – bar wie digital. Gleichzeitig berichten mir viele Händler, dass Kartenzahlung ihnen die Arbeit erleichtert. Buchhaltung und Belegsuche würden einfacher. Was war Ihre kurioseste Anfrage? Ich wurde tatsächlich einmal gefragt, ob man ein EC-Gerät so einstellen kann, dass zwei Konten hinterlegt sind – ein privates und ein geschäftliches. Die Idee war, nicht alle Umsätze auf dem Geschäftskonto erscheinen zu lassen. Da habe ich das Gespräch sofort beendet und gesagt: Vielen Dank, tschüss, ich bin weg. Wir sind nach dem Geldwäschegesetz verpflichtet, solche Unregelmäßigkeiten zu melden. Außerdem müssen wir jährlich Zertifikate erneuern – für Visa, Mastercard und die Deutsche Kreditwirtschaft. Wer so etwas ernsthaft anfragt, hat das System nicht verstanden. Wird durch eine Kartenzahlpflicht alles teurer? Kurz gesagt: Nein, Händler müssen ihre Preise nicht erhöhen, wenn sie Kartenzahlungen als zusätzliche Option anbieten. Viele Kosten der Bargeldabwicklung entfallen dabei ganz oder teilweise. Zudem steigt die Nachfrage nach Bezahlung mit Karte oder Handy. Das liegt auch daran, dass ein Päckchen Zigaretten im Kiosk beispielsweise nicht mehr nur sechs Euro kostet. Je teurer der Einkauf ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand bar zahlt. Darüber hinaus steigert Kartenzahlung den Service und zieht neue Kunden an. Wer seine Kunden zum Geldautomaten schickt, riskiert, sie zu verlieren. Ich verstehe die Ängste vor Veränderung. Doch ich sehe auch, dass Deutschland bei digitalen Zahlungen lange gezögert hat – selbst beim kontaktlosen Bezahlen. Die Kartenzahlpflicht wird Prozesse vereinfachen, nicht verteuern.