Nach dem ersten Unentschieden und der ersten Niederlage hat Jürgen Klopp nun seinen ersten Sieg als Bundestrainer eingefahren. Den kostete er voll aus. Aus München berichtet Benjamin Zurmühl Um 22.39 Uhr machte Jürgen Klopp ihn ein letztes Mal, den Kreisel. Klopp hob die rechte Hand, streckte den Zeigefinger nach oben und wirbelte mehrfach kreisförmig in der Luft herum. Das Signal: macht weiter so. Während des Spiels beim 2:0-Sieg gegen Serbien zeigte er den Kreisel, wenn seine Spieler einen Ball erobert oder eine Torchance kreiert hatten. Diesmal aber galt der Kreisel den Fans. Die mehr als 66.000 Zuschauer in der Allianz Arena feierten die deutsche Mannschaft ausgiebig. Es war ein ganz anderes Bild als noch vor vier Tagen in Augsburg, wo es nach dem 0:1 gegen Griechenland sogar ein paar Pfiffe gab. Jürgen Klopp saugte den Jubel in München auf, strahlte über das ganze Gesicht. Die gute Laune und die Erleichterung über den ersten Sieg als Bundestrainer waren ihm anzumerken. Einen Spieler nach dem anderen nahm er während der Ehrenrunde durch das Stadion in den Arm. Ob Debütant Mika Baur, Stürmer Jonathan Burkardt oder Verteidiger Philipp Treu, Klopp gab ihnen allen noch einmal ein paar Worte mit. Kurz vor dem Gang in die Kabine drehte er sich dann noch einmal zu den Fans und schickte Luftküsse in Richtung Tribüne. Klopp ist sich seiner Stärken bewusst "Es war ein Traumbild", sagte Klopp auf der Pressekonferenz nach dem Spiel und schwärmte: "Die Fahnen, die La-Ola-Welle, es war wundervoll. Schon vor dem Spiel reinzukommen und Schwarz-Rot-Gold zu sehen, da ist mir das Herz aufgegangen." Wer das ein oder andere Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft besucht hat, weiß, dass weder wehende Deutschland-Fahnen noch La-Ola-Wellen unüblich sind. Auch unter Julian Nagelsmann waren sie zu sehen, vor allem bei Heimsiegen. Aber die Beziehung zwischen den Fans und dem Trainer war eine andere. Mit Julian Nagelsmann fremdelten viele DFB-Anhänger. Zu oft wirkte er oberlehrerhaft und unnahbar. Mit seiner holprigen Kommunikation verbaute er sich einige Sympathien. Weil im Final Four der Nations League und der WM im Sommer auch die Ergebnisse nicht mehr stimmten, war das Verhältnis endgültig zerrüttet. Das hat auch Jürgen Klopp mitbekommen. Der 59-Jährige weiß um seine Stärke in der Außenwirkung. Seine mitreißende Kommunikation, seine kumpelhafte Ausstrahlung und sein intensiver Fußball sind das Rezept, mit dem er die Fans auf seine Seite zieht. Die Erfahrung hat er bereits in Mainz, Dortmund und Liverpool gemacht. Seine anderthalb Jahre beim unter Fußballfans ungeliebten Red-Bull-Konzern haben ihm viele bereits verziehen. Zukunft noch ungeklärt : ZDF-Experte arbeitet offenbar ohne Vertrag "Mit welchem Recht?" Serbien-Trainer redet sich nach Pleite gegen Deutschland in Rage Mit seiner Aussage vor wenigen Wochen, die deutsche Fahne "zurückholen" und nicht den Falschen überlassen zu wollen, machte Klopp klar, dass er sich der Strahlkraft seiner Rolle als Fußball-Bundestrainer bewusst ist. Wohl auch deswegen genoss er den Anblick nach dem Sieg über Serbien so ausgiebig. Jürgen Klopp: "Es war ein perfekter Abend" Es waren aber nicht nur die deutschen Fans, in die sich Klopp verliebte. Es war auch seine Mannschaft, die die Partie gegen Serbien über die vollen 90 Minuten dominierte. Bis auf eine gute Chance nach etwas mehr als einer halben Stunde ließ die DFB-Elf nichts zu. Jeder serbische Angriff verpuffte. Beim deutschen Team funktionierte vor allem das Gegenpressing – also das sofortige Attackieren nach einem eigenen Ballverlust – so, wie es sich der Bundestrainer vorgestellt hatte. "Wir können uns alle Freiheiten, alle Risiken leisten, wenn wir gemeinsam die Kugel zurückerobern. In unseren Pressingmomenten waren alle da. Die letzte Linie hat super nach vorne verteidigt", lobte er seine Mannschaft. "Das hat totalen Spaß gemacht, den Jungs dabei zuzugucken, wie sie das Spiel angenommen haben und den Gegner bearbeitet haben", sagte Klopp im Anschluss. "Es war ein perfekter Abend." Egal auf welchen Spieler der Bundestrainer auf der Pressekonferenz angesprochen wurde, er fing sofort an zu strahlen. Tom Bischof bezeichnete er als "tollen Jungen" und "geilen Kicker". Derry Scherhant bescheinigte er ein "unglaubliches Spiel". Bambasé Contés Arbeit gegen den Ball war aus Klopps Sicht "Wahnsinn". In Mika Baur sah er einen "wunderbaren Spieler". Und auch Aleksandar Pavlović hob er nochmal hervor: "Ihr habt euch vielleicht schon daran gewöhnt, dass der so kickt, ich kenne ihn noch nicht so lange. Der kann auch Ball spielen." Die Mannschaftsleistung war für Jürgen Klopp nah am Ideal. "Das kommt in mein Archiv. Damit machen wir jetzt ein Video", sagte er am ZDF-Mikrofon. Eine Großchance nach der anderen spielte sich seine Mannschaft heraus. Deutschland hätte sein Heimspiel aber auch gut und gerne mit drei, vier oder sogar fünf Toren Unterschied gewinnen können. Aleksandar Pavlović hatte in der ersten Hälfte gleich zwei gefährliche Schüsse aus der zweiten Reihe, Serge Gnabry und Florian Wirtz scheiterten nur knapp am serbischen Schlussmann Djordje Petrović. Nick Woltemade schoss den Ball kurz nach der Pause aus drei Metern über das Tor, Saïd El Mala fehlte nach seiner Einwechslung auch nicht viel zu seinem ersten Tor im DFB-Trikot. Am Ende trafen nur Tom Bischof und Florian Wirtz. Zugleich war sich Jürgen Klopp aber auch bewusst, dass Serbien der bisher schwächste Gegner dieser Länderspielphase war. Das Team von Trainer Veljko Paunović war mit zwei Niederlagen gegen Griechenland und die Niederlande angereist. Klopps erster Sieg bedeutet auch nicht, dass die Mannschaft sein Spielsystem bereits vollständig verinnerlicht hat und es konstant auf dem Platz umsetzen kann. "Auf unserem Weg darf es Highlights geben. Ich fürchte, es wird auch Rückschläge geben, hat es auch schon gegeben, aber das ist für mich kein Riesenproblem", erklärte er. Am Sonntag in Thessaloniki will er einen weiteren Rückschlag vermeiden. Das wird gegen die ungeschlagenen Griechen aber schwer genug. Das weiß Klopp spätestens seit dem Spiel in Augsburg.