Die Befüllung der Gasspeicher läuft nur schleppend. Das Ministerium gibt sich gelassen, die Gaslobby warnt vor Engpässen. Was, wenn sie recht haben? Seit Tagen wiederholt das Wirtschaftsministerium dieses Mantra: "Die Gasversorgung in Deutschland ist stabil und die Versorgungssicherheit gewährleistet." Es gebe keinen Grund zur Sorge, es gebe genug Gas auf den Weltmärkten, hier gibt es nichts zu sehen. Gut möglich, dass das auch richtig ist. Aber nur, wenn nichts schiefgeht. In den nächsten Wochen entscheidet sich, ob Deutschland seine eigenen Füllstandsvorgaben für den kommenden Winter erfüllen wird . Die Gasspeicher sind zum aktuellen Zeitpunkt zu nur 50 Prozent gefüllt, bis 1. November sollen es eigentlich 80 Prozent sein. Dass dies erreicht wird, daran glaubt in der Gasbranche niemand mehr. Teilweise glaubt man nicht mal mehr an einen Füllstand von 71 Prozent – obwohl die Gashändler eigentlich 74 Prozent der Kapazitäten gebucht haben. Diese Buchungen sind aber nicht mit einer Pflicht versehen. Das staatliche Gasunternehmen Sefe, das Deutschlands größten Gasspeicher Rehden betreibt, hat zuletzt am 2. Juli 2026 Speicherkapazitäten verkauft. Seither kommt turnusmäßig alle paar Tage die Meldung: "Sefe Storage konnte heute keine Rehden-Kapazität für das Speicherjahr 2026/27 allokieren". Das ist Behördendeutsch für: Kein Gashändler will sein Gas hier einspeichern. Ende August ist Rehden entsprechend auch nur zu 7,7 Prozent gefüllt. LNG ist keine Alternative zu Gasspeichern Dass hier offensichtlich etwas schiefgeht, ist in ganz Deutschland mittlerweile aufgefallen. Doch das Ministerium und die Bundesnetzagentur beharren auf ihrer Position: Die Gashändler sind dafür verantwortlich, die Gasversorgung im Winter zu gewährleisten . Der Staat werde nicht eingreifen und Gas einkaufen – was sehr teuer wäre –, deshalb sollten sich die Gashändler jetzt lieber eindecken, so die Botschaft. Der Energieverband BDEW betont dies auch in einer Mitteilung an die Presse am Donnerstag: "Gashändler und Lieferanten erfüllen ihre vertraglichen Lieferverpflichtungen. Darauf können sich die Kundinnen und Kunden verlassen. Im Zusammenspiel mit Speicher- und Netzbetreibern sorgen sie für eine sichere Versorgung mit Gas." Wenn die Händler das Gas nicht speichern, dann werden sie am Weltmarkt einkaufen müssen. Sie haben ihren Kunden gegenüber Lieferpflichten zu wahren, so der BDEW weiter. "Es besteht keine Pflicht, dies über Einspeicherung von Gasmengen zu gewährleisten. Gegenüber den vergangenen Jahren ist mit dem Aufbau der LNG-Terminals eine weitere Säule in der Versorgung hinzugekommen." Auch die Bundesregierung setzt auf LNG, also Flüssigerdgas . Die Bedeutung der Speicher nehme dadurch ab, die Terminals haben im ersten Quartal 2026 eine Rekordmenge an Gas angenommen und eingespeist. Doch auch diese Importkapazitäten haben Grenzen: Nach Angaben der Bundesnetzagentur können diese maximal 15 Prozent des Gasbedarfs im Winter abfangen. Matthias Jenn von der Vereinigung der Fernleitungsnetzbetreiber Gas mahnt deshalb in dieser Woche: "LNG allein reicht nicht aus. Bei kritisch niedrigen Speicherfüllständen steigt das Risiko von Leistungslücken im Winter deutlich an." Reiche und Merz könnten noch Glück haben Worauf steuert Deutschland also zu? Im Wesentlichen sind drei Szenarien möglich: Die Speicher werden doch noch befüllt, zum 1. November liegen sie bei 71 Prozent – ein Wert, der aus heutiger Sicht zwar noch möglich ist, aber in der Branche nicht mehr erwartet wird. Die LNG-Terminals laufen auf Hochtouren und können wie erwartet 15 Prozent der Gasversorgung abdecken. Die Gasversorgung knapp ausreichen – aber sie wäre gewährleistet, wenn der Winter nicht übermäßig kalt wird. Sobald die Temperaturen allerdings doch unter die Durchschnittswerte fallen oder der Winter besonders lang andauert, gibt es ein Problem. Die Speicher bleiben deutlich hinter den Füllstanderwartungen zurück, das LNG kann die Lücke nicht schließen. Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, muss die Bundesregierung Gas am Weltmarkt einkaufen und einspeichern. Gas wird dadurch viel teurer, was sich früher oder später auf die Verbraucher auswirkt. 2022, als der russische Konzern Gazprom den Speicher Rehden absichtlich leerlaufen ließ, musste die Bundesregierung einlenken und kaufte das Gas ein. Das kostete neun Milliarden Euro. Das schlimmste Szenario: Die Gasspeicher werden nicht richtig voll und es gibt ein Problem mit den LNG-Importen. Das könnte ein Anschlag auf ein Terminal sein, oder auf eine Pipeline. Oder US-Präsident Donald Trump schneidet Europa vom Gas ab. Oder die Ostsee friert zu, sodass die LNG-Schiffe nicht an die Terminals kommen. Dann müsste der Notfallplan Gas wieder aktiviert werden, der Staat müsste mit anderen europäischen Ländern koordinieren. In diesem Szenario steigen die Gaspreise sehr stark an. Im Extremfall müsste die Bundesnetzagentur die Lasten verteilen und Industriefirmen vom Gas trennen, um die Versorgung der Haushalte zu gewährleisten. Die Regierung pokert aktuell noch auf das erste Szenario und hofft, dass der Winter mild ausfällt. Belastbare Prognosen zum Winterwetter sind Ende August noch nicht möglich, noch dazu dürfte das Wetterphänomen El Niño eine Rolle spielen, was Vorhersagen erschwert. Würde die Regierung recht behalten und der Winter bliebe mild, dann hätte sie einfach nur Glück gehabt. Je mehr Zeit vergeht, desto wahrscheinlicher wird das Eintreten des zweiten Szenarios. Das wäre für Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) bitter, aber eines, das sie wohl lieber in Kauf nehmen würde, als sehenden Auges in eine Gasmangellage zu laufen. Denkbar wäre eine konzertierte Aktion auf EU-Ebene, da andere europäische Speicher ähnliche Probleme aufweisen. In den Niederlanden und Italien hat es deshalb auch schon staatliche Eingriffe gegeben, um die Befüllung der Speicher zu forcieren. Reform der Speichergesetze könnte Abhilfe schaffen Um den staatlichen Eingriff abzuwenden, könnten auch noch andere Maßnahmen vonseiten der Regierung ergriffen werden – wenn sie schnell sind. Denkbar wäre die von BDEW und Gasspeicherbetreibern geforderte Abschaffung von Netzentgelten und Umlagen, die bei der Einspeicherung von Gas anfallen. Das könnte es kurzfristig wirtschaftlicher machen, Gas zu speichern. Denkbar wäre auch eine Verschärfung der Speicherpflichten für die Gashändler. Aktuell müssen Gashändler nicht das einspeichern, was sie vorher gebucht haben. Sie zahlen zwar für die gebuchten Kapazitäten eine Gebühr, aber diese ist nicht an die tatsächliche physische Einspeicherung von Gas geknüpft. Diese Lücke könnte die Regierung schließen, dazu müsste sie das Energiewirtschaftsgesetz ändern. Ob das noch vor dem diesjährigen Winter gelingt, ist allerdings fraglich. Und was, wenn doch das dritte Szenario eintritt? Dann würde Deutschland zum zweiten Mal in vier Jahren den Notfallplan Gas aktivieren , man müsste von einer Energiekrise sprechen. Dies gilt aber nicht als das wahrscheinlichste Szenario. Der BDEW versucht Unternehmen jetzt schon einzuimpfen, dass sie selbst eingreifen könnten, um die Lage zu verbessern. Große Verbraucher, die an den Spotmärkten Gas einkaufen und noch keine Vorsorge geleistet hätten, sollten sich bewusst werden, dass sie sich einem Risiko aussetzen. "Das ist eine bewusste unternehmerische Entscheidung und sollte zum gegenwärtigen Zeitpunkt überdacht werden", schreibt der Verband. Damit stellt er sich schon auf Szenario zwei ein: einen teuren Winter.