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Mittelfinger und Iran-Vergleich: Tom Gerhardt verharmlost Sexismus-Debatte

Kann ein Mann verstehen, wie sich eine Frau fühlt? Der Comedian Tom Gerhardt kann es offensichtlich nicht und verstrickt sich in eine Reihe von Absurditäten. Tom Gerhardts Karriere als Comedian ist beispiellos. Mit Kunstfiguren wie Tommie Krause oder Hausmeister Krause beeinflusste er die deutsche Humor-Branche maßgeblich. Der Film "Voll normaaaal" verhalf ihm 1994 zum endgültigen Durchbruch. Was der mittlerweile 68-Jährige nun allerdings in einem Interview von sich gibt, ist eher voll unnormaaal. Konkret geht es um Vorwürfe, die im Rahmen der Dokumentation "Was haben wir gelacht" geäußert wurden. Bekannte Frauen aus der Unterhaltungsbranche äußerten sich darin über Dinge, die sie in den 90er und 00er Jahren aushalten mussten. Stars wie Hella von Sinnen oder Esther Schweins kommen darin zu Wort. Letztere spricht zum Beispiel über ihre Erfahrungen bei "Wetten, dass..?", über sexistische Kommentare und zu viele Berührungen vor einem Millionenpublikum. 30 Jahre später kritisiert sie diese Szenen. Mittelfinger im Interview Und wer fragt da jetzt ausgerechnet Tom Gerhardt nach seiner Meinung? Nun ja, streng genommen niemand. Im Video-Podcast "Hafenbar" will die Journalistin Nicoletta Knust eigentlich nur wissen, ob er nach seinem Auftritt bei "Wetten, dass..?" vor fast 40 Jahren berühmter war als vorher. Bei Gerhardt scheint das aber etwas loszutreten, denn plötzlich beginnt er, sich über die Vorwürfe der Frauen, um die es in dem Gespräch überhaupt nicht ging, aufzuregen: "Dass sie sich jetzt entblöden, den armen Thomas Gottschalk in den Dreck zu ziehen, nur weil er mal einer Frau an die Schulter gefasst hat, ist so lächerlich." "Abstoßend": Szene mit Thomas Gottschalk löst Empörung aus Kann Gerhardt nachempfinden, wie sich eine Frau in dieser Situation fühlte? Nein. Und er versucht es auch gar nicht. Offenbar machen die Frauen, die sich jetzt äußern, den Komiker sehr wütend. So wütend, dass er auf Nachfrage von Knust den Mittelfinger zeigt. Im Verhalten einem Kleinkind ähnelnd, kratzt er sich derart merkwürdig mit besagtem Finger im Gesicht, dass man kaum glauben mag, dass, was danach kommt, noch schlimmer kommen kann. Aber, so viel sei schon einmal verraten: Es kommt schlimmer. "Wenn ihr doch so starke Frauen seid, warum wart ihr denn nicht damals stark?", fragt Gerhardt dann nämlich. "War das zu viel verlangt?" Erst 30 Jahre danach mit der Sprache herauszurücken, bewertet er so: "Mein Gott. Was ist das für eine verklemmte Scheiße und vor allem eine riesige Heuchelei." Außerdem fallen die Wörter "gehirnkrank" und "bescheuert". Sollten sich Gerhardt die Gründe dafür tatsächlich nicht erschließen, seien sie ihm hier einmal kurz erklärt: Die äußeren Rahmenbedingungen waren in den 90er Jahren gänzlich anders. Eine Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen in der Unterhaltungsbranche gab es vor allem auf dem Papier. Frauen blieb der Weg auf die ganz große Bühne meistens versperrt. Akteure waren fast ausschließlich Männer, Frauen waren Beiwerk und hatten vornehmlich die Aufgabe, gut auszusehen und nett zu lächeln. Zudem waren sie abhängig von männlichen Führungspositionen, Machthabern und Entscheidern. Abgesehen davon, dass es meist unmöglich war, solches Unbehagen zu äußern – weil es gar keinen Raum dafür gab – wären sie ohnehin überhört worden. "Wir wissen ja, was in Afghanistan mit den Frauen passiert" Sich heute hinzustellen und zu fragen, warum denn früher nichts gesagt wurde, beweist die Fülle von Gerhardts Losigkeiten: Empathielosigkeit gesellt sich zu Respektlosigkeit und paart sich mit Ahnungslosigkeit. Vor dem Bildschirm bleibt man mit Hoffnungslosigkeit zurück, die auch der weitere Verlauf des Gesprächs nicht mindert. Denn eigentlich, so Gerhardt, dürften sich die Frauen in Deutschland doch wohl gar nicht beschweren, immerhin gehe es denen doch gut. Jedenfalls, wenn man mal in andere Länder schaue – und so macht Gerhardt ein weites Feld auf: "Wir wissen ja, was in Afghanistan mit den Frauen passiert, die werden über die Straße gepeitscht, wenn sie irgendwas gemacht haben", sagt er. "Wenn du im Iran gesungen hast, dann bekommst du 120 Peitschenhiebe und wirst zum Tode verurteilt." DAS gehöre seiner Meinung nach auf die Titelseiten der Magazine. Was möchte uns Gerhardt mit solch absurden Vergleichen sagen? Inwiefern relativieren die Zustände in Afghanistan und dem Iran die Empfindungen deutscher Frauen in der Unterhaltungsbranche? "Andere waren wirklich aufdringlich" Für Gerhardt ist es "sowas von lächerlich", dass die Frauen bei "Gottschalk gesessen und Tausend Tode starben". Man solle den "armen Gottschalk" in Ruhe lassen, da habe es auch noch "andere gegeben, die wirklich aufdringlich waren". Ach sooooo. Gerhardt vermittelt den Eindruck, als habe er einfach keine Lust, sich mit der Vergangenheit und mit dem, was möglicherweise schiefgelaufen ist, auseinanderzusetzen. Er selbst lasse sich von den "moralinsauren Heuchlern" nichts vorschreiben, kündigt er an. Im Gegenteil: Er ändere gar nichts und werde im gleichen Ton weitersprechen, wie er es schon immer getan hat. Seine teilweise 40 Jahre alten Figuren oder Gags werde er nicht überarbeiten. Da schließt sich der Kreis. Würde er nämlich den Frauen heute eingestehen, dass sie damals nicht richtig behandelt wurden, müsste Gerhard sowohl sich selbst als auch seine von ihm geliebten Figuren überdenken, von denen so manch einem beispielsweise ein Dackel mehr wert ist, als die eigene Frau. Das würde Arbeit und vielleicht auch eine Art Umdenken bedeuten. Man müsste sich mit sich selbst auseinandersetzen, sich selbst infrage stellen. Dazu bedarf es Sichten: Weitsicht, Umsicht und Einsicht. Sichten vertragen sich meistens eher schlecht mit Losigkeiten und so ist das Unterfangen, Tom Gerhard ins Jahr 2026 zu befördern, verdammt zur Aussichtslosigkeit.


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