Trumps Feldzug gegen Drogenkartelle in Lateinamerika verschärft sich. Doch Experten zweifeln daran, dass die Strategie ihr erklärtes Ziel erreicht. Aus Mexiko-Stadt berichtet Marc Pfitzenmaier Ein von dichtem Grün umgebenes Gebäude im ländlichen Süden Venezuelas, aufgenommen aus der Vogelperspektive. Kaum sind die Umrisse zu erkennen, zerreißt eine Explosion die Anlage und eine gewaltige Rauchwolke steigt auf. Mit diesen Aufnahmen machte US-Präsident Donald Trump vor wenigen Wochen den Einsatz gegen den mutmaßlichen Anführer einer der mächtigsten Verbrecherorganisationen Lateinamerikas öffentlich. Trump sprach von einem "schnellen und tödlichen militärischen Schlag" gegen den Chef der Bande Tren de Aragua und erklärte, die Operation sei in enger Abstimmung mit Caracas erfolgt. Diese Aktion war die bislang demonstrativste in einer ganzen Reihe von Maßnahmen, die Washington seit über einem Jahr in der Region selbst durchführt oder unterstützt. Dazu zählen Bombardements mutmaßlicher Drogenboote, großangelegte Razzien gegen Drogenbanden und vertiefte Militärkooperationen auf dem ganzen Kontinent. WM-Proteste in Mexiko : "Zehntausende Tote liegen in Leichenschauhäusern" Trump feiert nächsten Sieg: Das Pendel schlägt hart zurück Offiziell steht der Kampf gegen den Drogenhandel im Mittelpunkt. Doch Recherchen und Experteneinschätzungen legen nahe, dass die Militarisierung den Schmuggel kaum eindämmt, während vieles darauf hindeutet, dass es längst nicht nur um Kartelle geht, sondern auch um den Ausbau amerikanischer Kontrolle über die südlichen Nachbarn. Trump gibt Milliarden für den "Krieg gegen die Drogen" aus Synthetische Drogen, allen voran Fentanyl, Methamphetamin, aber auch Kokain, sind jedes Jahr für den Tod Tausender US-Bürger verantwortlich. Trump hat den Kampf gegen diese Substanzen zu einer Frage der nationalen Sicherheit erklärt. Seit Beginn seiner zweiten Amtszeit wurden zahlreiche Drogenkartelle und Banden als Terrororganisationen eingestuft und bis zu fünf Milliarden Dollar in deren Bekämpfung gesteckt. Washington hatte selbst die Gefangennahme des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro im Januar mit dessen angeblicher Verwicklung in den internationalen Drogenhandel begründet. Seither zeigt sich der militärische Einfluss der USA in Lateinamerika nirgends so offen wie in Venezuela . Die gezielte Tötung des Anführers von Tren de Aragua ist das jüngste Beispiel für die zunehmend direkte Rolle Washingtons im Land. "Es gibt keine Belege dafür, dass weniger Kokain auf dem Markt ist" Doch Experten bezweifeln, dass Washington seinem Ziel bisher nähergekommen ist. Renata Segura von der International Crisis Group sagt t-online: "Weder die Bombardements der Boote noch die Angriffe auf dem Festland scheinen bislang irgendetwas gebracht zu haben. Es gibt keine Belege dafür, dass weniger Kokain auf dem Markt ist." Die Lateinamerika-Expertin verweist auf die schwierige Datenlage. Die US-Regierung veröffentlicht keinerlei Informationen über die Ergebnisse ihrer Operationen. Doch Experten vor Ort sowie Befragungen von Fachpersonal zeichnen laut Segura ein eindeutiges Bild. Demnach hat sich seit Beginn der Kampagne weder an der Verfügbarkeit noch an den Straßenverkaufspreisen etwas verändert. Eine Recherche der "New York Times", für die vor wenigen Wochen Suchtexperten und Gesundheitsforscher in verschiedenen Teilen der USA befragt wurden, kam zum gleichen Ergebnis. Kartelle weichen auf neue Schmuggelrouten aus Segura betont, dass der Schmuggel durch US-Interventionen und die Unterstützung lokaler Sicherheitsbehörden zwar erschwert und kurzfristig eventuell sogar weniger Kokain transportiert werde. "Aber die Schmuggler passen sich an – sie wechseln die Route, meiden die Karibik und weichen auf den Amazonasraum aus, es wird verstärkt auf Flugzeuge statt Boote für den Transport gesetzt. Das schränkt den Handel kurzfristig ein, aber die Netzwerke reagieren schnell." Verschiedene Recherchen bekräftigen diesen Befund, darunter etwa von der renommierten Investigativ-Plattform "InSightCrime", die mit Sicherheitsbehörden und Aktivisten vor Ort sprach. In Guyana, das an Venezuela grenzt, registrierten die Behörden etwa deutlich mehr nicht angemeldete Flüge, seit die US-Angriffe auf Boote begannen. Experten werten das als Indikator für die Verlagerung der Schmuggelrouten. Auch europäische Strafverfolgungsbehörden berichteten laut Segura, dass es bislang keinerlei Veränderungen beim Kokainfluss aus Venezuela in Richtung Europa gebe. Experten entkräften auch das Argument von US-Behörden, dass die sinkende Zahl der Toten durch Überdosen auf die Kampagne zurückzuführen sei. Dieser Trend hatte bereits im letzten Jahr der Biden-Regierung eingesetzt. Trotzdem, oder gerade deshalb, weitet Washington seine Militärpräsenz in der Region weiter aus. Da Venezuela bei der Produktion von Kokain kaum eine Rolle spielt und vor allem als Transitland für den Transport nach Europa und Afrika genutzt wird, versucht Washington seinen Einfluss in jenen Ländern zu stärken, die für Produktion und Transport besonders wichtig sind. Trump gründet "Shield of the Americas" Im März wurde bekannt, dass US-Streitkräfte die ecuadorianischen Sicherheitskräfte bei Angriffen gegen Trainingslager und Nachschubzentren krimineller Gruppen nahe der kolumbianischen Grenze maßgeblich unterstützt hatten. Man ergreife gemeinsam mit Ecuador "entschlossene Maßnahmen gegen Narco-Terroristen", schrieb das Pentagon. US-Soldaten waren wohl nicht direkt an den Auseinandersetzungen beteiligt. Laut Medienberichten sind jedoch seit Dezember Dutzende US-Militärs in Ecuador, die die Streitkräfte bei der Planung und Durchführung von Operationen unterstützen. Ecuadors rechtsliberaler Präsident Noboa hatte die Zusammenarbeit begrüßt. Damit ist er nicht der Einzige auf dem Kontinent, der sich Trumps Doktrin anpasst, laut der Kartelle gezielt vom Militär zu bekämpfen sind. Vor wenigen Monaten hat der US-Präsident mit der Militärallianz "Shield of the Americas" zwölf lateinamerikanische Staaten um sich geschart, die sich bei einer Zeremonie in Miami zu Trumps Methode verpflichteten und ihre Kooperation mit Washington bekräftigten. Einen Beitritt hat auch der neue, rechtsgerichtete kolumbianische Präsident Abelardo de la Espriella angekündigt – inklusive der Absicht, künftig deutlich enger mit dem US-Militär zusammenzuarbeiten. Dafür hatte es eine klare Wahlempfehlung von Trump gegeben. Die USA positionieren sich immer stärker als Vormacht und militärischer Bündnispartner in ihren südlichen Nachbarländern, und Washington verknüpft seine Antidrogenpolitik gezielt mit strategischen Interessen. USA wollen China in Lateinamerika zurückdrängen Die nationale Sicherheitsstrategie der USA, veröffentlicht im Dezember, fordert explizit die Wiederbelebung der sogenannten Monroe-Doktrin, mit dem erklärten Ziel, die westliche Hemisphäre als amerikanische Einflusssphäre zu sichern. Das richtet sich auch gezielt gegen einen Akteur, der in der Region an Einfluss gewinnt. Für viele lateinamerikanische Länder ist China inzwischen der wichtigste Handelspartner – gegen eben jene Entwicklung geht Washington mit militärischen Kooperationen und Sicherheitspartnerschaften zunehmend vor. Verteidigungsminister Hegseth brachte den Zusammenhang selbst auf den Punkt, als er auf einer in Anspielung auf Trumps Vornamen Konferenz scherzhaft von einer "Donroe-Doktrin" sprach. Diese sollte laut Teilnehmern auch den Grundstein für eine gemeinsame Anti-China-Agenda legen. US-Druck auf Mexiko – doch die Präsidentin sträubt sich Indem Washington Militäreinsätze und Kooperationen in der Region normalisiert, baut es zugleich Druck auf Mexiko auf. Der südliche Nachbar ist nicht nur das entscheidende Land für den Drogenschmuggel in die USA, sondern gleichzeitig auch wichtigster, wenngleich asymmetrischer Handelspartner der USA. Die "New York Times" berichtet unter Berufung auf in Militärverhandlungen eingeweihte Quellen, dass Washington Kooperationen mit Guatemala und Honduras gezielt nutzt, um sein Nachbarland Mexiko unter Druck zu setzen, über das maßgeblich Drogen in die USA geschmuggelt werden. Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum aber lehnt US-Bodentruppen und Drohnenangriffe auf mexikanischem Territorium bislang strikt ab. Die übergeordnete Strategie des Weißen Hauses sei es demnach, eine US-Militärpräsenz in der gesamten Region zu normalisieren, um so Hebel gegenüber Mexiko aufzubauen. Expertin Segura mahnt zur historischen Einordnung: Ja, der Tod des kolumbianischen Drogenbarons Pablo Escobar habe das Medellín-Kartell damals empfindlich getroffen. Doch die mexikanischen Kartelle hätten dieses Vakuum schnell gefüllt. "Seit den Achtzigerjahren hat der militärische Ansatz gegen den Drogenhandel fast nie funktioniert. Er fragmentiert die Organisationen und schafft Machtkämpfe. Aber er löst das Problem nicht." Was die US-Strategie bisher also vor allem bewirkt hat: nicht weniger Drogen auf Straßen in den USA, sondern mehr Einfluss der Vereinigten Staaten in Lateinamerika.