Reisemagazin und Musik-Experiment: Rea Garvey auf Reisen für "Song Trip" im ZDF: "Ich habe mich damals in Deutschland verliebt"
"Song Trip" im ZDF ist eine Art Reisemagazin und musikalischer Selbsterfahrungstrip deutscher Musikpromis: In Staffel zwei reist unter anderem Rea Garvey nach Lappland zum Volk der Sami. Im Interview erzählt Deutschlands populärster Ire, wie er einst mit seinem Gastland warm wurde.
In "Song Trip: Rea Garvey x Sápmi" mit Rea Garvey reist der in Deutschland lebende irische Musiker nach Lappland zum Volk der Sami. Dort arbeitet er mit einheimischen Musikern – unter anderem in Schnee und Eis – an einer Version seines Songs "Halo". Drei weitere Reisen von Yvonne Catterfeld nach Kap Verde, Nico Santos nach Vietnam und Peter Maffay nach Nashville umfasst die aktuelle Staffel. Im lineren ZDF-Programm folgen Rea Garvey bei den Sámi noch Yvonne Catterfeld (Freitag, 31. Juli, 23.30 Uhr) auf den Kapverden und Peter Maffay (Freitag, 7. August, 23.30 Uhr) in Nashville. Bereits am 17. Juli lief die Episode mit Nico Santos in Vietnam. Alle vier "Song Trip"-Folgen sind seit 29. Juni in der ZDF-Mediathek verfügbar.
teleschau: "Song Trip" ist eine Mischung aus Reise-Erfahrung und Musik-Experiment. Welcher Aspekt hat Sie mehr berührt?
Rea Garvey: Ich finde, man kann die beiden Erfahrungen gar nicht trennen. Ich liebe Kultur. Als Tourist ist es aber nicht selbstverständlich, dass man mit der einheimischen Bevölkerung authentisch in Kontakt kommt. Musik ist aber etwas sehr Authentisches. Lappland, beziehungsweise das Volk der Sami, hat mich schon immer interessiert. Deren Joik-Gesang ist eine der ältesten Volksmusiken Europas. Deshalb war es mein Wunsch, dorthin zu gehen. Dafür habe ich die wärmeren Gegenden gern den anderen Musikern aus der Show überlassen (lacht).
teleschau: Was interessiert Sie an fremden Kulturen?
Garvey: Alle Kulturen wollen teilen. Es ist etwas sehr Menschliches, dass man Besuchern mitteilen möchte, wie man lebt, wie man das Leben sieht und warum einem bestimmte Dinge wichtig sind. Ich weiß das, weil ich viele Jahre in Ecuador für meine Wasser-Stiftung mit indigenen Stämmen gearbeitet habe und dort immer wieder war. Es ist eine wunderbare, sehr berührende Erfahrung, sich auszutauschen und dabei Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu entdecken. Es bringt beide Seiten weiter und die Welt insgesamt näher zueinander – im guten Sinne.
"Lange Zeit haben uns die Engländer verboten, in unserer Sprache zu singen"
teleschau: Man sagt, Musik sei eine universelle Sprache. Seit es Pop und Rock gibt, scheint dies umso mehr zuzutreffen. "Song Trip" sucht explizit besondere Musik bestimmter Regionen. Sind Klänge nur noch in der regionalen Nische überraschend und neu?
Garvey: Wenn man die internationale Sprache des Pop oder Rock außen vor lässt, geht es in der Musik immer ums Erzählen von Geschichten zu Musik. Das sage ich als Ire aus voller Überzeugung. Folk-Musik ist uns ungeheuer wichtig, denn lange Zeit haben uns die Engländer verboten, in unserer Sprache zu singen. Wir durften auch nichts aufschreiben, deshalb sind mündlich überlieferte Songs und Gedichte so wichtig für unsere Identität. Man muss als Land nicht besetzt gewesen sein oder Erfahrungen von Diskriminierung gemacht haben wie im Blues, um diese regionalen Geschichten nachzuempfinden. Im Folk geht es um Leid, Freude und alle Gefühle, die unser Leben ausmacht. Wir finden uns auch in Musik aus anderen Regionen als Menschen wieder. Manchmal gibt es dort interessante neue Geschichten zu hören. Deshalb finde ich solche "Song Trips" faszinierend.
teleschau: Darf man sich musikalisch alles aneignen?
Garvey: Die Frage kann man nur individuell beantworten. Ich bin ein Radiokind, und damals in Irland hatten wir interessante Programme. Dort wurde Musik aus der ganzen Welt gespielt. Mich hat das sehr interessiert. Natürlich sollte man fremden Musikformen mit Respekt begegnen. Gerade, wenn man weiß: Dieser Sound ist den Leuten wichtig. Auch dann, wenn man die Musik anfangs nicht so recht versteht. Aber – fremde Sprachen versteht man ja auch nicht auf Anhieb. Es gilt, Dinge zu entdecken, das ist ein Lebensmotto von mir. Natürlich gibt es Menschen, für die ist bestimmte Musik heilig und in deren Augen vielleicht sogar verboten für Menschen, die nicht Teil der Community sind. Für mich ist Musik zum Teilen da. Ich möchte in einer freien Welt leben. Aber eben auch in einer, in der man andere Menschen und ihre Kultur respektiert.
"Die meisten Menschen in Deutschland sind zurückhaltender als ich"
teleschau: Sie sind als junger Mann von Irland nach Deutschland gekommen, um hier zu leben. Haben Sie einen Kulturschock erlebt?
Garvey: Schock trifft es nicht. Ich war mit einer Band unterwegs, die irischen Pop gespielt hat. Dabei merkte ich, dass den Deutschen meine Musik gefällt. Da ich auch Marketing studiert habe, wusste ich: Das hier ist die beste Zielgruppe für dein Produkt (lacht). Aber Spaß beiseite: Ich habe mich damals in Deutschland verliebt und fand es schön, dass Deutschland ein bisschen anders war. Das ist ja das Faszinierende am Reisen. Du willst keine 2.000 Kilometer fahren oder fliegen – und dann steigst du aus deinem Verkehrsmittel aus und alles dort ist so, wie du es bereits kennst. Das wäre langweilig – und es ist auch nicht so. Reisen inspiriert uns, weil wir neue Erfahrungen machen. So ging es mir mit Deutschland. Anfangs lebte ich sehr ländlich am Bodensee. Eine wunderschöne Gegend. Aber ich musste mich anstrengen und Dinge lernen, um von den Menschen dort angenommen zu werden. Für die war ich erst mal der Fremde, den man nicht so genau einschätzen konnte.
teleschau: Das klingt, als wäre Ihre ersten Erfahrungen mit Deutschen Begegnungen mit Skeptikern gewesen?
Garvey: Ich bin jemand, der sich gerne einmischt, der gern mit den Menschen in Kontakt kommt. Deshalb musste ich schnell die Sprache lernen, das war mir wichtig. Ich bin jemand, der Leute gerne anfasst, der etwas über sie wissen will. Ich bin gern Teil von Gemeinschaften. Das könnten einige Menschen damals auf dem Land als anstrengend oder anmaßend empfunden haben. Die meisten Menschen in Deutschland sind zurückhaltender als ich. Vielleicht haben sie ein anderes Bedürfnis nach Distanz oder sind einfach vorsichtig mit Menschen, die so noch nicht so gut kennen. Ich denke, die Deutschen gehen generell in diese Richtung – wobei Ausnahmen natürlich die Regel bestätigen.
teleschau: Fühlen Sie sich heute als Teil von Deutschland?
Garvey: Ja, irgendwie schon. Ich bin schon mehr als 25 Jahre hier. Ich wurde mit meiner Musik in Deutschland bekannt – oder die Leute kennen mich aus dem Fernsehen. Für mich ist es eine gute Sache. Nicht nur, weil ich mit meiner Musik und meiner Person Geld verdiene, sondern auch, weil ich es auf diese Weise nicht so schwer habe, mich anderen zu erklären. Durch die Medien kennen mich die Leute schon- und ich bin auch privat so, wie ich mich öffentlich gebe. Dadurch empfinde ich Prominenz auch nicht als Last und das Leben in Deutschland als sehr schön.
"Früher versammelte sich alles im Fernsehen, doch es gibt immer weniger Shows ..."
teleschau: Wie gut kannten Sie den Rest der Reisegruppe aus "Song Trip"? Also Yvonne Catterfeld, Peter Maffay und Nico Santos ...
Garvey: Wenn man schon länger Musik macht in Deutschland, kennt man sich. Von Tourneen und Festivals und aus den TV-Formaten. Popkultur hat sich über die letzten Jahre jedoch stark verändert. Die "Bubbles" werden immer kleiner. Bestimmte Menschen und Altersgruppen hören bestimmte Musik, die die anderen gar nicht kennen. Früher versammelte sich alles im Fernsehen, doch es gibt immer weniger Shows, bei denen Musik eine Rolle spielt. Es ist auch deshalb schade, weil man die anderen Leute nicht mehr trifft. Zum Beispiel junge, spannende Musiker, die Fernseh-Shows wie diese gar nicht mehr auf dem Schirm haben. Es fehlt also der Austausch, oder er findet nur noch unter Menschen statt, die sich schon länger kennen. So wie wir vier aus der "Song Trip"-Staffel. Es war sehr angenehm, sich über die Reisen, die wir vier gemacht haben, auszutauschen. Und man hat es der Runde angemerkt: Alle haben eine Menge an schönen Erfahrungen und Erinnerungen mitgenommen.
teleschau: Trauern Sie dem Musik- und Medien-Business, wie es noch vor 25 Jahren war, ein bisschen hinterher?
Garvey: Musik ist Kunst. Es wird sie immer geben, denn wir Menschen lieben und brauchen Musik. Was sich stark verändert hat, ist das Geschäft um die Musik herum. Vor 25 Jahren oder etwas früher schon fing mit der Digitalisierung der Niedergang der Musikindustrie oder besser gesagt der Tonträgerindustrie an. Die Umsätze gingen zurück, dann wurden Plattenfirmen verkauft und Buchhalter landeten auf den Chefposten. Das ist immer ein untrügliches Zeichen für den Niedergang einer Industrie. Man will durch Rechnen retten, was nicht mehr zu retten ist. Heute ist die Musikindustrie nur noch eine kleine Flamme. Viele Leute vermarkten sich selbst und verdienen fast ausschließlich durch Live-Konzerte. Die ganze Entwicklung hat auch etwas Gutes, denn es ist alles viel direkter geworden – und somit wieder näher dran an der Musik selbst.
"Ich erhalte viele Abschieds-Mails in letzter Zeit"
teleschau: Geht das Fernsehen auch gerade den Bach runter?
Garvey: Das Medium ist auf jeden Fall unter großem Druck. Ich erhalte viele Abschieds-Mails in letzter Zeit. Leute, die sich aus der Branche verabschieden müssen. Die Teams werden kleiner, die Produktionen weniger. Aber es ist wie mit der Musik: richtig gute Ideen werden sich immer durchsetzen. Wir Menschen wollen uns ausdrücken, wir wollen uns zusammen freuen und zusammen leiden. Und es wird immer Medien geben, die uns in diesem Sinne "connecten".
teleschau: Warum brauchen wir Menschen eigentlich Musik?
Garvey: Wir sind Gefühlswesen, und es gibt nichts Besseres als Musik, um Gefühle freizulegen und größer zu machen. Musik bringt uns noch besser drauf, wenn wir uns gut fühlen. Und sie hilft uns dabei, zu trauern, wenn wir traurig sind. Wenn wir das Leben feiern, steht Musik immer im Mittelpunkt.