Auf dem Weg zur größten Hochschule Deutschlands hat die International University (IU) ein rasantes Wachstum hingelegt, jedoch einige Studierende verprellt. Chef Sven Schütt verteidigt das Unternehmen im Interview. In zehn Jahren hat die IU Internationale Hochschule einen Sprung geschafft, für den andere Hochschulen Jahrzehnte brauchen: von 13.000 auf mehr als 130.000 Studierende. Keine Hochschule in Deutschland ist heute größer. Getragen wird das Wachstum vom Private-Equity-Investor Oakley Capital, der seit 2017 die Mehrheit hält und auf Rendite setzt – finanziert über einen Schuldenberg von zuletzt rund 790 Millionen Euro. 2024 schrieb die IU nach mehreren Verlustjahren erstmals wieder Gewinne. Das Tempo hat Spuren hinterlassen. Ehemalige Studierende berichten von schlechter Erreichbarkeit, mangelhafter Organisation und leeren Präsenzversprechen. Standorte wie Chemnitz eröffnete die IU und schloss sie kurz darauf wieder. Im Februar warf der "Spiegel" der Uni hartes Profitstreben vor und verglich Schütt mit Elon Musk . Im Interview mit t-online stellt sich der IU-Chef diesen Vorwürfen und erklärt, warum er den Vergleich zurückweist. Experte im Interview: "Steuerbetrug findet nicht nur bei den Großen statt" Christian Lindner: "Man fragt sich, was hat Friedrich Merz früher beruflich gemacht" t-online: Herr Schütt, die Forschungsministerin hat die schon beschlossene Bafög-Erhöhung wieder vom Tisch genommen. Können Ihre Studierenden das verkraften? Sven Schütt : Das ist sehr schade. Unsere Studierenden sind zwar hauptsächlich berufstätig, aber je nach Hintergrund auch auf Bafög angewiesen. Es ist eine politische Entscheidung, das ist das Primat der Politik. Aber wir bedauern sie, denn sie führt dazu, dass Menschen mit weniger Geld, die in der Regel bildungsferner sind, weniger Chancen haben, an Bildung teilzuhaben. Vor zehn Jahren studierten an der IU 13.000 Menschen, heute sind es 130.000. Ist Bildung für Sie vor allem ein Geschäft? Bildung ist für uns der wichtigste Faktor, um Aufstieg, Wohlstand und Demokratie zu sichern. Deutschland ist eines der bildungsungerechtesten Länder in Europa und der OECD, und wir leisten als private Hochschule einen Beitrag, das zu ändern. Natürlich müssen wir uns finanzieren. Ohne ein tragfähiges Geschäftsmodell geht es nicht. Aber im Vordergrund stehen der Zugang der Studierenden und ihr Erfolg, nicht das Geschäft. Sie werben mit Bildungsgerechtigkeit, gleichzeitig zahlen Ihre Studierenden Hunderte Euro im Monat. Wie passt das zusammen? An jeder staatlichen Hochschule können Studierende kostenlos studieren. Dass wir trotzdem die größte Hochschule Deutschlands geworden sind, geht nur, weil wir ihnen einen größeren Wert bieten. Eine aktuelle Studie zeigt: Unsere Studierenden bewerten ihre Investition an Zeit und Geld als lohnenswert, mehr als Studierende an staatlichen Hochschulen. Wir bereiten sie in ihrer speziellen Situation besser auf den Arbeitsmarkt vor. Wie viel größer soll die IU noch werden? In Deutschland werden wir nur noch moderat mit dem Markt wachsen. International sehen wir mehr Potenzial, allerdings nicht über die IU Internationale Hochschule, sondern über unsere Hochschulen in England und Kanada . Wir haben auch über die USA nachgedacht, aber wir konzentrieren uns auf westliche Länder in Europa und auf Kanada. Viele ehemalige IU-Studierende sind unzufrieden: mit der Organisation, mit dem Fernunterricht und mit ihrem Abschluss. Was ist da schiefgegangen? Das hängt mit unserem starken Wachstum zusammen. Während Corona sind wir um über 100 Prozent gewachsen und haben vielen Menschen ein Studium ermöglicht, das sie sonst nicht gehabt hätten. Das war aber eine immens große Herausforderung in dieser Zeit. Unsere Studierenden waren auch damals im Durchschnitt sehr zufrieden, aber im Einzelfall gab es Probleme, das will ich nicht verschweigen. Daraus haben wir gelernt, dass wir mehr tun müssen, um alle unsere Studierenden zufriedenzustellen. Vor rund zwei Jahren haben wir unsere Strategie deshalb verändert und unter anderem einen zweistelligen Millionenbetrag investiert. Was bedeutet das konkret? Wir haben deutlich mehr Lehrpersonen eingestellt und stärker in unsere IT-Systeme investiert. Zugleich haben wir unser Angebot dort zurückgefahren, wo die Gruppen zu klein wurden und die Komplexität die Qualität gefährdete. Vieles von der Unzufriedenheit stammt aus dem hybriden Format MyStudium, das wir während Corona entwickelt haben. Damals wollten die Studierenden eine Mischung aus Online- und Präsenzstudium. Nach der Pandemie wollten viele wieder ein klassisches Präsenzstudium. Das konnten wir aber so kurzfristig nicht liefern. Deshalb stellen Sie MyStudium jetzt ein? Ja, weil sich die Marktnachfrage so grundlegend verändert hat. Das Format hatte durchaus einen Vorteil, weil wir damit auch an kleinen Standorten ein Studium ermöglichten. Aber genau diese kleinen Gruppen haben die Probleme verursacht. Am Ende haben die Studierenden dort nicht das erlebt, was sie sich gewünscht haben. Trotzdem bleibt das Fernstudium Ihr Kern? Absolut. Die meisten unserer Studiengänge sind weiterhin reine Fernstudiengänge, das Hybridformat war immer die Ausnahme. Sie haben Philosophie, Physik und Neurowissenschaften studiert – Fächer, die es an der IU nicht gibt. Geht beim Fokus auf rein arbeitsmarktnahe Studiengänge ein Teil von Bildung verloren, der nicht nur auf Verwertung zielt? Arbeitsmarkt ist nicht Verwertung. Arbeit ist ein wesentlicher Teil unseres Lebens und damit unserer Sinnerfüllung. Etwas zu studieren, das mir die Tätigkeit ermöglicht, die ich mir wünsche, ist deshalb nichts Negatives. Wir sind eine Hochschule für angewandte Wissenschaften und dürfen regulatorisch nur angewandte Studiengänge anbieten. Und die Universitäten? Die sind sehr gut in forschungsnahen Studiengängen, das ist ihre Stärke. Aber ihr Modell ist darauf ausgerichtet, Forschungsnachwuchs auszubilden. Heute landen höchstens zehn Prozent der Universitätsabsolventen in Forschungseinrichtungen, der Rest macht ganz normale Jobs. Das Ausbildungsmodell hat sich nicht entsprechend weiterentwickelt. Genau diese Lücke füllen Hochschulen für angewandte Wissenschaften wie wir – mehr wollen wir gar nicht sein. Der "Spiegel" hat der IU ein fragwürdiges Geschäftsmodell unterstellt und Sie mit Elon Musk verglichen. Ist der für Sie ein Vorbild? Nein. Von allen Menschen kann man etwas lernen, auch von Elon Musk, der sicher viel erschaffen hat – ich habe seine Biografie gelesen. Aber ich finde es erschreckend und traurig, wie sich ein so talentierter Mensch politisch und gesellschaftlich in eine so schlimme Richtung entwickelt. Davon kann man höchstens im Negativen lernen. Ich hoffe, dass weder mir noch sonst jemandem so etwas passiert. Der Vergleich hat mich getroffen. Was stört Sie an dem Vergleich konkret? Musk steht für das Gegenteil dessen, wofür wir arbeiten. In einer Welt mit KI , Fake News und Deepfakes wollen wir Menschen beibringen, zu urteilen und die vielen Grautöne zu unterscheiden, nicht nur Schwarz und Weiß. Letzteres treibt Musks Plattform X und erzeugt dadurch Extremismus und Zwiespalt. Deshalb lehne ich diesen Vergleich ab. Herr Schütt, vielen Dank für das Gespräch.