"Sweet Caroline", "God Save the King" oder "Flower of Scotland" – welche Hymne singt im Vereinigten Königreich welches Team? Der Liederreichtum der Briten bei der WM erklärt. Wenn bei der Fußball-WM die Nationalhymnen erklingen, fällt bei Großbritannien eine Besonderheit auf. Während die meisten Staaten mit einer einzigen Hymne antreten, singen England und Schottland unterschiedliche Lieder. Dabei gehören sie doch beide zum Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland. Der Grund liegt in der Geschichte. Die vier Landesteile England, Schottland, Wales und Nordirland verfügen über starke eigene nationale Identitäten und treten in vielen Sportarten seit mehr als 150 Jahren mit eigenen Verbänden und Nationalmannschaften an. Besonders im Fußball, dessen moderne Regeln im Vereinigten Königreich entstanden, genießen die sogenannten "Home Nations" eine Sonderstellung. Die Nordiren und Waliser sind bei der diesjährigen WM nicht vertreten, aber England und Schottland spielen stark auf. Welche Lieder singen die Fans vor dem Spiel? Schottlands Hymne: Das Ritual entstand durch ein Missverständnis England-Sieg: Das brachte Thomas Tuchel bei der Hymne auf die Palme England: "God Save the King" – und die heimlichen Alternativen Die "Three Lions" verwenden vor Länderspielen offiziell "God Save the King". Das Besondere daran: Es handelt sich nicht um eine rein englische Hymne, sondern um die Nationalhymne des gesamten Vereinigten Königreichs. Das Lied entstand bereits im 18. Jahrhundert und zählt zu den ältesten Nationalhymnen der Welt. Im Mittelpunkt steht die Loyalität gegenüber dem Monarchen. Die zentrale Zeile lautet schlicht: "God save our gracious King" (zu Deutsch: Gott schütze unseren gnädigen König). Nicht alle Engländer sind mit dieser Lösung glücklich. Kritiker bemängeln seit Jahren, dass England als einzige der Nationen keine eigene Sporthymne besitzt. Deshalb wird regelmäßig über Alternativen diskutiert. Der bekannteste Kandidat ist "Land of Hope and Glory". Das patriotische Lied basiert auf einer Komposition des britischen Komponisten Edward Elgar aus dem Jahr 1902 und wird etwa bei den Commonwealth Games häufig als englische Hymne verwendet. Derweil haben die englischen Fans vor fünf Jahren bei der EM 2021 die Songfrage für sich ganz inoffiziell für sich selbst gelöst und den Neil-Diamond-Klassiker "Sweet Caroline" von 1969 zu "ihrem" Song erkoren. Das eigentlich romantische Lied lässt sich durch seinen eingängigen Rhythmus und die "Oh-oh-oh"-Rufe leicht mitgrölen und wurde so mehr als 50 Jahre nach seiner Veröffentlichung wieder zum Mega-Hit. Schottland: "Flower of Scotland" – und die Macht des Gesangs Keine Hymne sorgt derzeit für mehr Gänsehaut als "Flower of Scotland". Das Lied wurde überraschenderweise erst in den 1960er-Jahren von Roy Williamson von der Folkband The Corries geschrieben. Dennoch klingt es wie ein jahrhundertealtes schottisches Volkslied und wird von vielen Schotten als Ausdruck ihrer nationalen Identität verstanden. Inhaltlich erinnert der Text an die Schlacht von Bannockburn im Jahr 1314. Damals besiegten schottische Truppen unter Robert the Bruce ein englisches Heer und sicherten damit die Unabhängigkeit des Landes. Besonders bekannt ist die Hymne wegen eines einzigartigen Rituals bei Fußball- und Rugby-Länderspielen. Nach der ersten Strophe verstummen die Dudelsäcke. Die Fans singen die zweite Strophe allein weiter. Dieser Brauch entstand kurioserweise durch ein Missverständnis bei einem Rugby-Länderspiel im Jahr 2008 und entwickelte sich anschließend zur Tradition . Wales: "Hen Wlad Fy Nhadau" – die Hymne der Väter Die Waliser haben die Qualifikation für die WM in Kanada, Mexiko und den USA nicht geschafft. In Sachen Hymne sind sie aber auf Weltmeisterniveau. Ihre Hymne "Hen Wlad Fy Nhadau" bedeutet übersetzt "Land meiner Väter" und wurde im Jahr 1856 vom Vater-Sohn-Gespann Evan und James James geschrieben. Das Lied gilt als Ausdruck der walisischen Kultur, Sprache und Eigenständigkeit. Anders als in England oder Schottland spielt dabei die Sprache eine zentrale Rolle. Die Hymne wird auf Cymraeg (Walisisch) gesungen – einer keltischen Sprache, die bis heute von Hunderttausenden Menschen gesprochen wird. Für viele Zuschauer gehört der gemeinsame Gesang der walisischen Fans zu den eindrucksvollsten Hymnenmomenten im internationalen Fußball. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Wales eine ausgeprägte Chorkultur besitzt. Der Gesang wirkt oft weniger martialisch als andere Nationalhymnen, dafür besonders feierlich und emotional. Nordirland: Die komplizierteste Hymnenfrage Europas Keine der britischen Nationen hat eine so komplizierte Beziehung zu ihrer Hymne wie Nordirland. Der Hintergrund ist die politische Geschichte des Landesteils. Während sich die unionistische Bevölkerung als Teil des Vereinigten Königreichs versteht, fühlen sich viele Nationalisten kulturell und historisch mit der katholisch geprägten Republik Irland verbunden. Eine Hymne, die von allen gleichermaßen akzeptiert wird, gibt es deshalb bis heute nicht. Im Fußball singen die Spieler der nordirischen Nationalmannschaft traditionell "God Save the King". Damit unterscheidet sie sich von Schottland und Wales, die eigene Hymnen singen. Für viele unionistische Fans ist das selbstverständlich, weil Nordirland Teil des Vereinigten Königreichs ist. Noch komplizierter wird es im Rugby. Dort treten Nordirland und die Republik Irland gemeinsam als Mannschaft für die gesamte Insel Irland an. Um Konflikte zu vermeiden, entschied sich der Verband für eine besondere Lösung: Vor Spielen erklingt häufig "Ireland's Call". Das Lied wurde eigens für die Rugby-Nationalmannschaft geschrieben und soll Spieler sowie Fans beider Teile der Insel vereinen. Es verzichtet bewusst auf politische Botschaften und historische Streitfragen. Bei Heimspielen in Dublin wird zusätzlich oft die irische Nationalhymne "Amhrán na bhFiann" ("Das Lied des Soldaten") gespielt. "Danny Boy" drückt tiefe Liebe zum Kind aus Daneben besitzt Nordirland mit der berühmten Melodie "Londonderry Air" beziehungsweise dem darauf basierenden Lied "Danny Boy" noch eine weitere musikalische Tradition. Es geht um einen schmerzhaften Abschied. Ein Elternteil verabschiedet seinen Sohn ("Danny Boy"), der in den Krieg zieht oder auswandert. Der Text drückt tiefe Liebe, die Angst vor dem Tod in der Ferne und das Versprechen ewiger Verbundenheit aus – selbst wenn der Sohn erst zurückkehrt, als der Erzähler bereits gestorben ist. Das Stück wird zwar nicht als offizielle Hymne verwendet, gilt aber weltweit als eines der bekanntesten musikalischen Symbole der Region.