50 Jahre Ehe, mehr als 50 Jahre König – und Schweden fragt: Wann kommt Victoria? t-online spricht mit einer Expertin über Schwedens Krone – und Carl Gustafs letzten Amtstag. Er ist Europas dienstältester Monarch: Mehr als ein halbes Jahrhundert sitzt Schwedens König Carl XVI. Gustaf auf dem Thron. Die schwedische Monarchie steht heute deutlich stabiler da als zu Beginn seiner Regentschaft, sagt Leontine von Schmettow im Gespräch mit t-online. Die ARD-Königshausexpertin hat für ihre neue NDR-Dokumentation "König Carl Gustaf von Schweden – im Dienst der Krone" enge Vertraute des Königshauses getroffen. Dennoch wird die Frage nach der Zukunft der Krone immer vernehmbarer und führt zu einer Person: Kronprinzessin Victoria. 42 Prozent der Schweden sprechen sich für eine Abdankung zugunsten der Kronprinzessin aus. Für den König sei ein solches Ergebnis nicht einfach zu verkraften, sagt von Schmettow: Denn es zeigt: Das beliebteste Mitglied der königlichen Familie ist nicht er – sondern seine älteste Tochter. "Ihr fliegen die Herzen zu", sagt die Königshausexpertin. Denn Victoria habe eine außergewöhnliche Kombination geerbt, erklärt von Schmettow: "Von ihrer Mutter die Wärme, die Zugänglichkeit, die Nähe zu den Menschen – von ihrem Vater das Pflichtbewusstsein und die Geradlinigkeit. Ein wirklich guter Mix. Sie steht für die Zukunft der Monarchie." "Das endet mit dem Tod" Wann also übernimmt Victoria das Zepter? In schwedischen Medien kursieren Spekulationen, Carl Gustaf könnte im Februar 2030 abdanken – an dem Tag, an dem seine Enkelin, Prinzessin Estelle, volljährig wird. Von Schmettow sagt dazu. "Die Berichte, dass Carl Gustaf 2030 abdanken könnte, halte ich für sehr unwahrscheinlich." Denn: "Man muss ihn beim Wort nehmen. Er hat anlässlich seines 80. Geburtstags noch einmal betont, dass er weitermachen will, solange er die Kraft und die Gesundheit dazu hat." In seiner Generation werde das Amt nicht als Job verstanden, sondern als Berufung – wie bei Queen Elizabeth II. , die sich ebenfalls als von Gott eingesetzt verstanden habe. "Da geht man nicht einfach in Rente", so von Schmettow. "Das endet mit dem Tod." Victorias Stärken sehe der König durchaus, und er traue ihr die Rolle zu. "Er macht aber auch unmissverständlich klar: Er ist der Chef, und er entscheidet", fügt von Schmettow hinzu. Dabei habe Carl Gustaf das Amt über Jahrzehnte mit einem "immensen Pflichtbewusstsein" ausgefüllt – auch wenn er vielleicht nicht in jeder Hinsicht von Anfang an für diesen Job prädestiniert gewesen sei. Ihm sei es gelungen, trotz einiger Skandale eine Identifikationsfigur für die Schwedinnen und Schweden zu bleiben und ihnen ein Gefühl von Zusammengehörigkeit zu vermitteln. Gerade das, so von Schmettow, sollte man nicht unterschätzen. "Ihr macht der Job Freude" Kronprinzessin Victoria gewinne Menschen auf eine außergewöhnliche Weise für sich – eine Eigenschaft, in der sie stark ihrer Mutter ähnelt. Bei der Kronprinzessin hat von Schmettow eine Qualität beobachtet, die sie von ihrem Vater unterscheidet: "Bei ihr hat man immer das Gefühl: Ihr macht der Job Freude. Das strahlt der König nicht unbedingt aus. Victoria dagegen vermittelt die Ausstrahlung, dass das, was sie gerade tut, sie wirklich erfüllt. Und sie besitzt das Talent von Königin Silvia, ihrem Gegenüber jeweils das Gefühl zu geben, in diesem Moment ganz für ihn da zu sein", so von Schmettow. Dann setzt sie nach: "Das ist nicht die Art des Königs, hat aber auch etwas mit Charakter und Temperament zu tun. Und Kronprinzessin Victoria ist deutlich zeitgemäßer." Schwedens Königspaar feiert Goldhochzeit: Doch ein Royal fehlt 50 Jahre auf dem Thron: Palast begeistert mit Fotos von Königin Silvia Dass Victoria heute als beliebtestes Mitglied der Königsfamilie gilt, überrascht von Schmettow deshalb nicht. Die Kronprinzessin vereine die größten Stärken beider Eltern – und gelte vielen Schweden längst als Gesicht der Zukunft. Silvia: Die Frau, die die Tür öffnet Einen zentralen Anteil an Carl Gustafs Entwicklung zum König schreibt von Schmettow Königin Silvia zu. Nach außen wirke er reserviert und förmlich, nicht der Typ, der Räume spontan für sich einnimmt – vielleicht falle deshalb der Blick so schnell auf seine Frau. "Insofern hat er schon einmal alles richtig gemacht: nämlich diese Frau zu wählen", skizziert von Schmettow. Wie die Mechanik dahinter konkret aussieht, beschreibt sie so: "Er ist im Grunde ein scheuer, zurückhaltender Mensch. Königin Silvia geht auf die Menschen zu, öffnet die Tür – und dann tritt der König in die bereits vorbereitete Situation. Das macht sie so geschickt aus der zweiten Reihe heraus, dass sie den Fokus stets auf ihn lenkt, ohne selbst die Nummer eins sein zu wollen." Wie Désirée von Bohlen und Halbach, eine Nichte des Königs, von Schmettow berichtet habe, antworte Silvia auf Bitten aller Art stets gleich: "Da muss ich erst mal den Chef fragen." Doch hinter den Palastmauern sieht die Expertin eine andere Silvia: "Sie wirkt nach außen weich und zurückhaltend – innerlich ist sie eine außerordentlich starke Persönlichkeit", meint sie. In einigen Bereichen sei sie diejenige, die hinter den Kulissen die Fäden ziehe. Estelle und die nächste Generation Den Boden für die fernere Zukunft bereiten Victorias Kinder. Victoria und ihr Mann, Prinz Daniel, hätten die 2012 geborene Prinzessin Estelle von Anfang an selbstverständlich an ihre zukünftige Rolle herangeführt, erklärt von Schmettow – nicht durch strengen Drill, sondern durch natürliche Einbeziehung. Das ist eine bewusste Kurskorrektur: In Victorias eigener Kindheit habe die Monarchie noch auf strikte Abschirmung gesetzt. "Zwei Fototermine im Jahr für die Medien – und das war es", erklärt von Schmettow. "Victoria und Daniel machen ihre Kinder viel offener und unverkrampfter mit der royalen Rolle vertraut." Carl Gustaf jedenfalls denkt aktuell wohl nicht ans Aufhören. Was man ihm uneingeschränkt anrechnen müsse, so von Schmettow: "Er hat alles versucht, diese Rolle so gut wie möglich auszufüllen – mit einem immensen Pflichtbewusstsein." Zu sehen ist "König Carl Gustaf von Schweden – im Dienst der Krone" am 20. Juni um 20.15 Uhr im NDR .