Das Portal "Nius" um Julian Reichelt bleibt ein wirtschaftliches Verlustgeschäft zur politischen Stimmungsmache. Eine gerade veröffentlichte Bilanz gibt Einblick ins Minus und verrät die geringe Zahl treuer Abonnenten. An prominenter Stelle am oberen Rand des rechten Krawallportals "Nius" hat sich in den vergangenen Wochen etwas Bemerkenswertes getan: Die Seite von Julian Reichelt nennt sich dort nicht mehr "Stimme der Mehrheit", wie sie es seit den Anfängen im Juli 2023 getan hatte. Das Motto dort wurde im März ersetzt durch "Verlässlich. Überparteilich. Populär". Und seit dem 1. Mai ist "Verlässlich" gestrichen. Was man aber verlässlich über das Portal sagen kann: Es türmt Riesenverluste auf. So laut wie das Portal bei der Stimmungsmache auftritt, so zurückhaltend sind die Macher mit Zahlen zum wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg. Doch es gibt Veröffentlichungspflichten zum Schutz von Gläubigern und Geschäftsverkehr. Und der jetzt abrufbare Jahresabschluss verrät: Das Portal hat im dritten Jahr seines Bestehens den Verlust noch ausgebaut. Gesundheitsdaten-Millionär Frank Gotthardt musste wieder einen zweistelligen Millionenbetrag nachschießen. Die Abo-Einnahmen sind dagegen vergleichsweise winzig, und die Zahl der Leser ist zuletzt auf ein Rekordtief gefallen. "Nius" wird von der Vius SE & Co. KGaA betrieben, eine Gesellschaft, an der eine Firma des Compugroup-Gründers Gotthardt 87 Prozent hält. Er und seine Galionsfigur Julian Reichelt sind nach eigenen Darstellungen mit dem politischen Ziel angetreten , ein Gegengewicht zu linken Medien zu schaffen und Deutschland nach rechts zu verschieben. Die Seite arbeitet mit rechtspopulistischen Skandalisierungen und auch frei erfundenen Behauptungen und Zitaten. Nius-Geldgeber mit KI-Projekt : In Deutschland kritisiert, in Italien geehrt Erfindungen zum Fastenbrechen : Kantinenpächterin zerlegt "Nius"-Lügen vor Gericht Gotthardt hält die Firma am Leben und hat sich dafür im Gesellschaftsvertrag zusichern lassen, dass ein eventueller zukünftiger Gewinn so lange nur an ihn fließt, bis von ihm zugeschossenes Geld zuzüglich sechs Prozent Zinsen ausgeglichen sind. t-online hat Vius Fragen zu der Bilanz geschickt und wollte wissen, was das Unternehmen zu den Zahlen und deren Interpretation sagt, hat aber keine Antwort erhalten. Minus von 16,2 Millionen Euro Doch wie mit "Nius" Gewinn gemacht werden soll, ist angesichts der Zahlen völlig unklar. Die Gesellschaft hat im Unternehmensregister ihren Jahresabschluss für 2024 vorgelegt, und der sieht tiefrot aus: Bei einer Bilanzsumme von gut sieben Millionen Euro lag 2024 das Minus, der Jahresfehlbetrag, bei knapp 16,2 Millionen Euro. Den Kosten stehen weiterhin kaum Erlöse gegenüber. In der Bilanz wird auch das Minus seit Gründung im Herbst 2022 mitgeschleppt als Verlustvortrag: 3 Millionen im ersten Rumpfjahr, 13,8 Millionen im Jahr 2023. Macht für die drei Jahre zusammen ein Minus von bislang 33 Millionen Euro. Mit den Banken hat die Firma aber keine Probleme, sie ist bilanziell nicht überschuldet: Gotthardt hat etwa in Höhe des Verlustes die Kapitalrücklage aufgestockt – ein Mittel, um einen Betrieb am Laufen zu halten. Dafür wurden bis Ende 2024 37,4 Millionen Euro in das Unternehmen gesteckt. Vius ist zudem im Jahr 2024 mit 75 Prozent in das österreichische Portal Exxpress eingestiegen, das ähnlich auftritt wie "Nius". Die Portale kooperieren eng und sind vielfältig verflochten. Der Kauf belastet die Bilanz von Vius zunächst nicht direkt, weil der gezahlte Preis als Beteiligung an Exxpress auf der Vermögensseite erscheint. Eine Summe von 2,45 Millionen Euro findet sich in der Bilanz 2024 unter "Finanzanlagen". Der laufende Betrieb kann aber auch Kosten für Vius bedeuten: Exxpress verbuchte 2024 laut der österreichischen Zeitung "Standard" selbst einen Verlust von 6,92 Millionen Euro. Ob und in welchem Umfang Vius deshalb Zuschüsse nach Österreich überwiesen hat, ist aus der Bilanz nicht ersichtlich. Da es bei beiden Portalen aber keine erkennbaren Zeichen gibt, dass sich im vergangenen Jahr an ihrer Einnahmenseite etwas grundsätzlich verbessert hat, dürfte das für Gotthardt bedeutet haben, dass er auch im Jahr 2025 wieder zweistellig nachschießen musste, damit es weitergeht. Ob das stimmt, wird die Bilanz für 2025 zeigen. Es passt aber zu Angaben aus seinem Umfeld, laut derer von ihm bereits mehr als 50 Millionen für Vius geflossen sind. Im August 2024 hatte nius.de sein Hoch Doch wie wird das vom Publikum belohnt? Nach aktuellen Zahlen des Fachportals meedia.de ist die Seite nius.de im April so selten besucht worden wie noch nie in ihrer Geschichte. 3,5 Millionen Besuche sind sogar weniger als im Juli 2023 (3,65 Millionen), als "Nius" gerade online ging, berichtet meedia.de nach einer Auswertung des Analysedienstes Similarweb. Inzwischen ist "Nius" demnach abgerutscht auf Platz 177 unter den reichweitenstärksten Seiten mit inhaltlichem redaktionellem Angebot. Die beste Zeit hatte "Nius" demnach 2024, der Rekordwert von 9,54 Millionen Visits wurde im August jenes Jahres erzielt. Im Juli 2025 verkündeten die Macher dennoch: "Unsere Website NIUS.de entwickelt sich rasant: mehr als 5 Millionen Seitenaufrufe pro Monat." Damit wollten sie um Werbekunden werben, eine Erlösquelle. Doch in dem Umfeld wollen seriöse Unternehmen in der Regel nicht auftauchen, weil es der eigenen Marke schaden könnte. Zuletzt wurde bekannt, dass ein Redakteur bei einem Treffen von AfD-Politikern, Vertreterinnen der sogenannten "Neuen Rechten", rechten Aktivisten und militanten Neonazis eine Lesung gehalten hat. Ein anderer Mitarbeiter postete ein Bild eines Messers, einer Schusswaffe und eines blauen AfD-Kugelschreibers. Dazu schrieb er: "Falls jemand fragt, mit welchem Stift wir unsere Texte schreiben". Den Tweet mit dem nicht selbst aufgenommenen Foto löschte der Auto später. Er war verantwortlich für frei erfundene Behauptungen über ein angeblich vom Steuerzahler bezahltes Fastenbrechen für Bürgergeldempfänger. Diese erschienen auf der Seite, wurden aber auch in anderen Formaten wiederholt. Auf diese Formate verweisen Reichelt & Co. lieber anstelle der Homepage. Sie sprechen von den Millionen, die sie mit Beiträgen über Radio und auf YouTube oder in anderen sozialen Medien erreichen. Vius hält auch 75,1 Prozent an einer im Februar 2026 in Österreich gegründeten VIUS Radio FlexCo. Welche Pläne es damit gibt, ist offen. Werbung für "Nius" statt Werbung bei "Nius" Um im Netz mehr wahrgenommen zu werden, wird für "Nius" kräftig Werbung gekauft: Die Transparenzdatenbanken von YouTube-Konzern Google und Facebook- und Instagram-Mutter Meta zeigen, dass die Mutter Vius von Juli 2023 bis Juni 2025 an die Tech-Giganten mindestens 1,4 Millionen Euro für politische Online-Werbung gezahlt hat. Neuere Daten sind so nicht mehr abrufbar, weil die Transparenzportale umgestellt wurden und Kosten nicht mehr ersichtlich sind. Werbung wurde für "Nius" aber weiter gemacht: Im Juli 2025 wurden für YouTube allein rund 150 Anzeigen erstellt, um eigene Beiträge sichtbarer zu machen. Nach dem 16. März 2026 gab es der Anzeigendatenbank zufolge keine Anzeigen mehr, "Nius" pausiert seitdem bei Werbung auf YouTube. In den vier Wochen davor hatte "Nius" allein zehn Anzeigen geschaltet, in denen über das ZDF kritisch berichtet wurde, fünf davon zeigten Dunja Hayali im Bild, die von rechten Medien zu einer Hassfigur aufgebaut worden ist. Die Beiträge laufen bei Google in der Anzeigenkategorie "Kunst und Unterhaltung", manche auch in "Schönheits- oder Körperpflege". Aus den Jahresabschlüssen lassen sich auch Rückschlüsse zu den Abonnenten ziehen: Die Bilanz weist passive Rechnungsabgrenzungsposten aus. Das meint: Geld an ein Unternehmen ist schon komplett geflossen, die Leistung aber noch nicht voll erbracht. Und 2023, als "Nius" noch sehr frisch war, schrieb Vius bei einem Betrag von 8.594,07 Euro, er betreffe "die jährlichen Vorauszahlungen von Abonnenten." Was die Bilanz über Jahresabos verrät "Nius" verkauft Abos, die Nutzern zusätzliche Inhalte und Funktionen wie etwa das Setzen von Lesezeichen ermöglichen. Und Jahresabos haben eine Besonderheit in der Bilanz: "Die Beträge werden auf den Zeitraum von 12 Monaten gezahlt und dementsprechend abgegrenzt." Das ist so zu verstehen: Wer zum 1. Juli ein Abo für 100 Euro abgeschlossen und bezahlt hat, hat für sechs Monate Leistung im Folgejahr bereits bezahlt. In einer Bilanz wird das so festgehalten, dass in dem Fall im neuen Jahr noch für 50 Euro Leistung erbracht werden muss. Dieser Anteil an bezahlten Abos, die über das Jahresende hinaus laufen, geht als Teil des passiven Rechnungsabgrenzungspostens in die Bilanz ein. 2024 verfünffachte sich der betreffende Posten auf 45.405,55 Euro. Für Abo-Erlöse bedeutet die Summe: Wenn man unterstellt, dass jeden Monat gleich viele Abonnements abgeschlossen wurden, dann haben diese Abos zum Jahreswechsel im Durchschnitt noch 5,5 Monate Restlaufzeit. Wenn für diese noch laufenden Abos in der Bilanz eine Verpflichtung von 45.406 Euro steht, dann flossen so im Jahr 2024 100.000 Euro und es gab weniger als 1.000 Jahresabos. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Dazu kommen zwar noch die Einnahmen von Monats- und zeitweise angebotenen Wochenabos, auf die die Bilanz keinen Rückschluss zulässt. Ein geleakter interner Datensatz zeigte, dass "Nius" zwischen Juli 2023 und Juni 2025 insgesamt rund 350.000 Euro Einnahmen durch Abonnements generierte. Und zusätzlich wirbt das Portal des Millionärs Gotthardt noch um Spenden. Aber vielleicht gibt es auch Vorstellungen, wie das Portal doch irgendwann nicht nur für Geld Stimmung macht, sondern Gewinn abwerfen könnte. Vius verrät es bisher nicht.