Statistik vs. Mythos: Real braucht in München ein Wunder
Real braucht eine Premiere
Dass es für Real Madrid allein aus sportlichen Gründen enorm schwer wird, die Hinspiel-Niederlage im Viertelfinale der Champions League (1:2) gegen den FC Bayern im Rückspiel in München (Mittwoch, 21 Uhr, im REAL TOTAL-Liveticker, im Watchalong und im TV) noch umzubiegen und den Halbfinaleinzug zu schaffen, liegt auf der Hand. Auf der einen Seite scheint der deutsche Rekordmeister zu stabil, zu abgezockt und zu gut, um den Vorsprung vor heimischem Publikum noch zu verspielen, andererseits präsentieren sich aber auch die Königlichen selbst ausgerechnet in der entscheidenden Saisonphase so inkonstant und instabil wie schon so oft im Laufe der aktuellen Spielzeit. So patzte Real vor und nach dem Hinspiel gegen Bayern jeweils im Liga-Alltag (1:2 auf Mallorca und 1:1 gegen Girona), und hat sich bei neun Punkten Rückstand auf Tabellenführer Barcelona aus dem nationalen Titelkampf praktisch schon verabschiedet.
Der Blick in die Historie verdeutlicht indes noch mehr, wie generell unwahrscheinlich ein Weiterkommen in der Champions League nach einer Heimpleite im Hinspiel ist – Real Madrid gelang dies in der Königsklasse nämlich noch nie, auch nicht im Vorgängerwettbewerb Europapokal der Landesmeister. Nur einmal schafften es die Blancos überhaupt in einem europäischen Wettbewerb, einen Rückstand aus dem Hinspiel anschließend auf fremdem Rasen wettzumachen und das liegt mittlerweile knapp 56 Jahre zurück: In der ersten Runde des Europapokals der Pokalsieger 1970/71 verloren die Königlichen zunächst im Estadio Santiago Bernabéu gegen den damaligen FC Tirol aus Innsbruck mit 0:1, um anschließend in Österreich mit 2:0 zu gewinnen und doch noch weiterzukommen. Diesmal ist es aber die Champions League und der FC Bayern München, gegen den aus Real-Sicht fast schon ein kleines Wunder her muss.
Bayern schon einmal gescheitert
Im Gegensatz zu Real präsentieren sich die Roten aus München hingegen über die gesamte Saison enorm konstant und marschieren nur so auch durch die nationalen Wettbewerbe. Der nächste Bundesliga-Titel ist für den Rekordmeister nur noch reine Formsache und dennoch ruht sich das Team von Vincent Kompany keineswegs darauf aus. So setzte Bayern zwischen den CL-Duellen gegen die Madrilenen mit einem 5:0 beim FC St. Pauli das nächste Ausrufezeichen und scheint vor dem Rückspiel im eigenen Stadion mehr als gerüstet für Real.
Außerdem spricht auch die historische Statistik ganz klar für die Münchener, denn in seiner gesamten Europapokal-Geschichte kam der FC Bayern in 29 von 30 Fällen weiter, nachdem das Hinspiel auswärts gewonnen wurde, davon 21 Male im wichtigsten europäischen Wettbewerb und zwölf Mal in der modernen Champions-League-Ära seit 1992/93. Ein kleiner Hoffnungsschimmer für Real Madrid: Einmal verspielten die Bayern einen knappen Vorsprung aus dem Hinspiel doch noch im eigenen Stadion und schieden aus, und das ist nicht ganz so lange her. Im Achtelfinale der Champions League 2010/11 gewann das damals von Louis van Gaal trainierte Team das Hinspiel bei Inter Mailand mit 1:0, um anschließend auf dem heimischen Rasen mit 2:3 zu verlieren – aufgrund der damals noch gültigen Auswärtstorregel war die knappe Niederlage gegen die Italiener gleichbedeutend mit dem CL-Aus. Solch ein knapper Erfolg würde Real Madrid inzwischen bekanntlich nicht mehr zum direkten Weiterkommen, sondern nur zu Verlängerung reichen.
Real mit einer 6,1-Prozent-Chance
Was dem spanischen Meister ebenfalls etwas Mut machen sollte, ist der Blick in die jüngere Vergangenheit und – Paris Saint-Germain. In der Vorsaison gewann der französische Meister nämlich im Achtelfinale nach einem 0:1 gegen den FC Liverpool im Hinspiel zu Hause ebenfalls mit 1:0 in Anfield und setzte sich anschließend im Elfmeterschießen durch, um schlussendlich die Champions League sogar zu gewinnen. Und nur ein Jahr zuvor gelang dem Team von Luis Enrique ein ähnliches Kunststück: PSG verlor das Viertelfinal-Hinspiel gegen den FC Barcelona im Prinzenpark mit 2:3, setzte sich aber nach einem deutlichen 4:1 in Katalonien am Ende souverän durch.
Dass ein knapper Auswärtssieg im Hinspiel in der Königsklasse nicht zwingend in die nächste Runde führen muss, hat Real Madrid vor gar nicht so langer Zeit schließlich auch am eigenen Leib erfahren müssen: Nach einem 2:1 im Achtelfinal-Hinspiel in Amsterdam wurden die Blancos im Rückspiel im Bernabéu von Ajax regelrecht vorgeführt (1:4) und mussten vorzeitig die Segel streichen. Die genannten Beispiele sind jedoch absolute Ausnahmen, wenn es in der Königsklasse darum geht, einen Rückstand aus dem Heim-Hinspiel noch umzubiegen. Nur sieben von 115 Teams kamen seit Einführung der Champions League (1992/93 weiter, nachdem sie das Hinspiel zu Hause verloren hatten. Rein statistisch beträgt also die Wahrscheinlichkeit, dass Real Madrid es am Mittwoch in München doch noch schafft, gerade einmal mickrige 6,1 Prozent.
Was noch für Real spricht
Angesichts der aktuellen Formschwankungen sowie der eher geringen statistischen Chancen zum Weiterkommen muss der CL-Rekordsieger sich an weitere Daten klammern, die eher für ihn sprechen, wenn es in der Allianz Arena gegen den favorisierten FC Bayern geht. So haben die Merengues beispielsweise in Bayerns Stadion, das 2005 eröffnet wurde, eine positive Bilanz, wärend man im alten Olympiastadion noch nie gewinnen konnte: Man verlor vor den Toren Münchens bisher nämlich nur zweimal, drei Spiele konnte Real für sich entscheiden und das vorerst letzte Aufeinandertreffen endete remis. Anders formuliert: Seit 2012 kam Real Madrid nicht nur jedes Mal in K.o-Duellen gegen Bayern weiter, sondern ist seitdem in München auch unbesiegt.
Dazu kommt auch die Tatsache, dass die Madrilenen die letzten neun CL-K.o.-Duelle gegen deutsche Teams allesamt für sich entscheiden konnten, außerdem konnten sich die Blancos in der Champions-League-Ära in allen sieben Viertelfinals gegen deutsche Vertreter durchsetzen. Es spricht also doch nicht alles gegen den spanischen Hauptstadtklub, der als aller letzten Strohhalm auch den eigenen CL-Mythos als Pluspunkt verbuchen kann. Wenn ein Verein für epische und rational kaum erklärbare Comebacks berüchtigt ist, dann ist es bekanntlich Real Madrid. Das hat nicht zuletzt auch der FC Bayern vor zwei Jahren selbst schmerzlich erfahren müssen, allerdings im Estadio Santiago Bernabéu. Letztlich wäre ein Weiterkommen unter aktuellen Umständen aus Real-Sicht ein historischer Meilenstein – ein weiterer in der Vereinshistorie und der erste ganz wichtige für die heutige Generation der Königlichen.
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