Die Bundesregierung ringt mit der Frage, wie sie die Energiepreise für Haushalte abdämpfen kann. Experten haben eine klare Empfehlung. Die Energiepreise sind zuletzt durch den Iran-Krieg und die faktische Sperrung der Straße von Hormus deutlich gestiegen – und mit ihnen der politische Druck, die Bürgerinnen und Bürger zu entlasten. Seit Ende Februar hat sich etwa der Preis für Superbenzin von 1,83 Euro auf 2,25 Euro pro Liter erhöht, Diesel verteuerte sich sogar von 1,76 auf über 2,50 Euro . Auch Gaspreise zogen zwischenzeitlich stark an und liegen nun doppelt so hoch wie vor Kriegsbeginn. Auch wenn jetzt Feuerpause zwischen dem Iran und den USA verhandelt wurde, bleiben die Preise hoch. Entsprechend wächst der Druck auf Regierungen weltweit, dieser Entwicklung gegenzusteuern. In einigen Ländern sind bereits Maßnahmen wie Übergewinnsteuern oder Preisdeckel eingeführt, in Deutschland wurde bisher nur die Regel angepasst, nach der Tankstellen nur noch einmal am Tag die Preise erhöhen dürfen. Die EU prüft einer Sprecherin zufolge auch die Einführung einer Übergewinnsteuer für Energiekonzerne . Die Debatte über zusätzliche Entlastungsmaßnahmen geht aber weiter. Eine Energie-Taskforce der schwarz-roten Koalition will bis Freitag ein Bündel an neuen Maßnahmen vorlegen. Experten sind aber skeptisch, ob diese wirklich alle sinnvoll wären. Besonders betroffen: Menschen mit niedrigem Einkommen Die Belastung durch hohe Energiepreise trifft die Bevölkerung nicht gleichmäßig, mahnt etwa der Energieökonom Aaron Praktiknjo von der RWTH Aachen an. Dies sei eine Schwierigkeit bei der Entscheidung darüber, welche Entlastungen die Regierung wirklich anstreben sollte. "Entscheidend sind Härtefälle", sagt Praktiknjo zum Science Media Center (SMC). "Haushalte mit niedrigen Einkommen und gleichzeitig hohem Energiebedarf – etwa durch lange Pendelstrecken oder ineffiziente Gebäude – können sich kaum anpassen und sind besonders belastet." Gerade im Verkehrsbereich zeigen sich deutliche Unterschiede. Laut Verkehrsforscher Giulio Mattioli sind vor allem Menschen betroffen, "die eine intensive Autonutzung, ein geringes Einkommen und kaum Alternativen zur Nutzung eines Verbrenners haben". Dies betreffe vor allem ländliche Regionen in Bayern, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz und Teilen Ostdeutschlands. 13 Prozent der Deutschen besitzen trotz Armut ein Auto, viele von ihnen zahlen zu viel für Verkehrsausgaben. Auch strukturelle Faktoren spielen eine Rolle: "Haushalte, die mit den Kosten der Autonutzung zu kämpfen haben, sind oft erwerbstätig, mittleren Alters und haben Kinder", so Mattioli. Regierung sollte diese Menschen unterstützen Experten zufolge gilt es deshalb, diese Menschen zu unterstützen. "Aus ökonomischer Sicht spricht vieles für zielgerichtete Transfers an Haushalte mit hoher Belastung", sagt Praktiknjo. Auch Stefan Bach vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht hier den sinnvollsten Weg: "Statt breit streuender Preisinterventionen sollte stärker auf zielgerichtete Transfers gesetzt werden." Denkbar seien einkommensabhängige Pauschalen oder ein sogenanntes Mobilitätsgeld, das besonders Pendler im ländlichen Raum unterstützt. Mattioli argumentiert ähnlich: "Unterstützende Maßnahmen sollten auf Haushalte ausgerichtet sein, die aufgrund ihres geringen Einkommens besonders sensibel für Kraftstoff-Preissteigerungen sind." Eine pauschale Senkung der Preise für alle sei dagegen problematisch: "Diese Maßnahmen stehen in der Kritik, weil sie die Nachfrage in einer Zeit steigern würden, in der das Angebot knapp ist." Gleichzeitig mahnen die Forscher, dass der Staat nur begrenzte Möglichkeiten habe. "Der deutsche Staat kann hohe Energiepreise nicht im Alleingang beseitigen, sondern nur ihre Last umverteilen", betont Praktiknjo. Preise hätten zudem eine wichtige Funktion: Sie setzten Anreize zum Sparen. Auch Ökonom Stephan Sommer warnt vor Eingriffen: "Gerade in Zeiten von knappen Ressourcen ist es nicht zielführend, in den Marktmechanismus einzugreifen", warnt der Forscher von der Hochschule Bochum . Hohe Preise spiegelten Knappheit wider – staatliche Eingriffe könnten diese Signale verzerren. Absage an Tankrabatt und Pendlerpauschale Zu den klassischen Maßnahmen zählen Tankrabatte, Steuersenkungen oder eine Anpassung der Pendlerpauschale. Diese seien den Experten zufolge aber nicht zielgenau. "Beim Tankrabatt kommen weniger als sieben Prozent des Entlastungsvolumens Haushalten in Not zugute", so Praktiknjo. Auch DIW-Ökonom Bach warnt vor den Kosten: Ein Tankrabatt wie 2022 würde rund 3,2 Milliarden Euro pro Quartal kosten – bei gleichzeitig unsicherer Weitergabe an die Verbraucher. Hinzu kommt ein Verteilungsproblem. Sommer erklärt: "Die Rabatte kommen wegen des unterschiedlichen Mobilitätsverhaltens zu größeren Teilen Haushalten oberhalb des Medianeinkommens zugute." Ähnliches gilt für die Pendlerpauschale . Zwar adressiere sie Pendler, bleibe aber "aufgrund der steuerlichen Ausgestaltung eingeschränkt treffsicher", so Praktiknjo. Ein möglicher Mittelweg sind Einmalzahlungen oder Energiepreispauschalen. Diese schneiden laut Praktiknjo besser ab als Preismaßnahmen, weil sie breiter entlasten. Allerdings sind sie ebenfalls nicht perfekt zielgenau. Sommer hält pauschale Zahlungen vor allem für einkommensschwache Haushalte für sinnvoll: "Ein geeignetes Mittel zur Entlastung wären pauschale Zahlungen an diese Gruppe, etwa durch höhere Sozialleistungen." Regierung sollte langfristig denken Neben kurzfristigen Entlastungen rückt auch die langfristige Strategie in den Fokus. Eine Senkung der Stromsteuer könnte laut Sommer den Umstieg auf Elektroautos fördern. Gleichzeitig würden alle Haushalte entlastet – bei durchschnittlichem Verbrauch um rund 70 Euro pro Jahr. Auch das Deutschlandticket wird als vergleichsweise zielgerichtete Maßnahme gesehen. Praktiknjo verweist darauf, dass hier ein größerer Anteil der Mittel als bei Tankrabatten tatsächlich bei Bedürftigen ankommt. Darüber hinaus geht es um strukturelle Veränderungen: "Es wäre sinnvoller, den Umstieg auf fossilfreie Energieträger zu fördern", sagt Sommer. Dem stimmt auch Mattioli zu: Es müssten neben finanzieller Hilfe auch Alternativen zum Auto ausgebaut werden. Tempolimits oder Fahrverbote, wie man sie aus der Ölpreiskrise 1973 kennt, lehnen die Ökonomen eher ab – sie hätten kaum eine Wirkung, wären aber symbolischer Natur. Dadurch würden die Bürgerinnen und Bürger den Ernst der Lage verstehen. Fazit: Hilfe ja, aber gezielt Die Bundesregierung hat verschiedene Instrumente, um auf hohe Energiepreise zu reagieren. Doch die Experten sind sich weitgehend einig: Breite Preissenkungen sind teuer, oft ineffizient und sozial wenig treffsicher. Stattdessen gilt als sinnvollster Ansatz, gezielt besonders belastete Haushalte zu unterstützen, ohne die Preissignale komplett außer Kraft zu setzen. Oder wie Praktiknjo es formuliert: "Im Sinne der sozialen Marktwirtschaft sollte der Staat primär soziale Härten abfedern, nicht aber Preise breit korrigieren."