Die Geschichte der Menschheit strotzt vor "Anführern". Doch sind Einzelne tatsächlich in der Lage, die Geschichte zu beeinflussen? Und wann ist das der Fall? Jared Diamond, Geograf und Evolutionsbiologe, hat nach Antworten gesucht. Sind selbst die Mächtigen dieser Welt "Sklaven der Geschichte"? Oder können Männer wie ein Winston Churchill im Guten oder ein Adolf Hitler im Schlechten bisweilen den Ausschlag geben? Diese Frage stellt sich Jared Diamond, der zu den letzten Universalgelehrten unserer Zeit zählt, seit vielen Jahren. In seinem Buch "Anführer. Wann Einzelne den Lauf der Geschichte prägen" hat der amerikanische Bestsellerautor nach Antworten gesucht. Was wäre geschehen, wenn Adolf Hitler 1930 bei einem Autounfall umgekommen wäre? Welche Rolle spielten Wetter und Klima beim Aufstieg des Dschingis Khan? Was verhalf Amazon-Gründer Jeff Bezos zum Erfolg? Diese und andere Fragen beantwortet Jared Diamond im Interview. t-online: Professor Diamond, die Weltgeschichte wimmelt von Anführern wie Alexander dem Großen, Napoleon Bonaparte oder Winston Churchill. Aber sind solche Menschen tatsächlich treibende Kräfte der Geschichte? Jared Diamond: An dieser Frage scheiden sich die Geister. Der britische Historiker Thomas Carlyle sagte im 19. Jahrhundert: "Weltgeschichte ist die Biographie großer Männer." Das ist der eine extreme Standpunkt. Dann gibt es wiederum die gegenteilige Ansicht, dass Anführer immer wieder durch die Umstände ihrer Zeit eingeschränkt werden und sie nur einen verhältnismäßig kleinen Einfluss ausüben können. Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi gehörte zu diesen Zweiflern, er bezeichnete Führungspersonen als "Sklaven der Geschichte". Sie beziehen in dieser Streitfrage mit Ihrem neuen Buch "Anführer" Stellung. Wie kamen Sie darauf? Diese Frage beschäftigt mich seit Jahrzehnten: Wann prägen Einzelne den Lauf der Geschichte? Das war der Ausgangspunkt meines Buches. Aber ich habe die ganze Sache etwas modifiziert. Denn nun frage ich: "Unter welchen Voraussetzungen wird ein Herrscher mit der größten Wahrscheinlichkeit einen Unterschied machen?" Das ist nämlich die alles entscheidende Frage. Sie beginnen Ihr Buch mit einem Ereignis, das den Lauf der Geschichte tatsächlich hätte ändern können: Im März 1930 hatte Adolf Hitler einen Autounfall, der Chef der NSDAP überlebte. Es war der 13. März 1930. Ein riesiger Lastwagen rammte den Wagen, in dem Hitler als Mitfahrer saß. Hitler hätte damals – im Jahr 1930 – sterben können. Aber der Lkw kam zum Stehen, bevor er das Auto mit Hitler darin überrollte. Drei Jahre später wurde Hitler dann Reichskanzler, später löste er Weltkrieg und Holocaust aus. An diesem Punkt ist die Frage legitim: Wäre es ebenso zu den vielen Toten gekommen, wenn der Lastwagen das Auto zermalmt und Hitler getötet hätte? Die Suche nach einer Antwort ist mit meiner eigenen Biografie verbunden. Soll ich mehr darüber erzählen? Bitte. Ich bin im Jahr 1937 als Kind jüdischer Einwanderer aus Osteuropa in den USA geboren worden. Später habe ich in eine polnische Familie eingeheiratet, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in die Vereinigten Staaten ausgewandert war. Mein ganzes Leben habe ich im Schatten Hitlers verbracht. Denn manche meiner Verwandten konnten erfolgreich vor der deutschen Armee fliehen – oder sich verstecken. Aber nicht alle: Die Mutter meiner Frau landete schließlich in Auschwitz und überlebte. Andere Verwandte wurden ermordet. Gleichwohl lebten Sie später eine Zeit lang in Deutschland? Ich habe in Deutschland gelebt, ja. Ich liebe das Land, ich liebe die deutsche Sprache und die deutsche Musik. Meine deutschen Freunde liebe ich nicht weniger. Auch sie haben unter Hitler und seinen Folgen gelitten. Aber ich habe auch gelernt, was Deutsche, die der SS angehörten, und andere deutsche Soldaten, die nicht der SS angehörten, Schlimmes angerichtet hatten. War Hitlers Führung für die Taten dieser Deutschen verantwortlich? Oder war es der oft diskutierte "deutsche Nationalcharakter", der die gleichen Dinge auch ohne Hitler hätte geschehen lassen? Wie sind Sie aber auf der Suche nach Antworten vorgegangen? Seit Jahrzehnten gehen zahlreiche Forscher diesen Fragestellungen nach. Ich habe mit Biografien und natürlichen Experimenten gearbeitet. Hilfreich war in manchen Fällen auch der "Hamlet"-Test. Ja, Sie hören richtig: William Shakespeares Meisterwerk. Dem "Hamlet"-Test liegt die Frage zugrunde, ob jemand anderes als Shakespeare imstande gewesen wäre, dieses Ausnahmestück zu schreiben. Denn wir müssen sichergehen, dass nicht andere "Anführer" die jeweils gleichen Ergebnisse unter den gegebenen Umständen hätten erreichen können. Ihre Antwort dürfte bei Shakespeare und Hamlet negativ ausfallen. Aber wie wollen Sie mit dem "Hamlet"-Test wissenschaftliche Aussagekraft entfalten? Nehmen wir den Fall, dass Shakespeare als Kind an den Pocken gestorben wäre. Dann hätte er weder "Hamlet" noch ein anderes Meisterwerk schreiben können. Seine Konkurrenz im Elisabethanischen Zeitalter – wie John Webster oder Christopher Marlowe – aber sehr wohl. Ihre Werke reichen aber nicht an Shakespeare heran: Er machte den Unterschied, denn er hatte ein einzigartiges Talent. Sein möglicher Tod hätte nicht dazu geführt, dass die anderen Dramatiker seiner Zeit bessere Stücke geschrieben hätten. Nun ist Talent das eine, die Umstände müssen es aber – im Guten wie im Schlechten – auch entsprechend zur Geltung kommen lassen. Da stimme ich Ihnen zu. Unter bestimmten Umständen machen dann bestimmte Personen den Unterschied. Nehmen wir an, dass Jeff Bezos oder Mark Zuckerberg nie gelebt hätten: Gäbe es den Onlinehandel? Gäbe es die sozialen Medien? Ja, es gäbe sie, wahrscheinlich in anderer Form, aber sie würden existieren. Das zeigt der "Hamlet"-Test. Wie ordnen Sie Bezos und Zuckerberg aber ein? Für die Wirtschaftsgeschichte sind Bezos, Zuckerberg und andere Tech-Unternehmer durchaus wichtig. Denn sie haben den Branchen ihren Stempel aufgedrückt. Bezos hatte eine Vision, er gilt als detailversessen, neugierig, rücksichtslos, risikobereit. Einer oder mehrere dieser Faktoren treffen auch auf Millionen von Amerikanern zu: Aber bei Bezos kam alles zum richtigen Zeitpunkt zusammen. Welche Rolle spielt also der Zufall in der Geschichte? Er spielt eine ziemlich große Rolle. Nehmen wir Attentate auf Anführer, die ich auch in der Kategorie "natürliche Experimente" für mein Buch herangezogen habe. Ein Beispiel: Idi Amin. Er war einer der bösartigsten Tyrannen Afrikas, seine Herrschaft kostete Hunderttausende seiner Landsleute das Leben. 1976 überlebte Amin ein Attentat. Die Handgranate, die ihn töten sollte, prallte ab und brachte andere um. Wie viele Ugander könnten noch leben, wenn Amin gestorben wäre? Aber teilweise kommt der Faktor Zufall noch früher zum Tragen. Inwiefern? Dschingis Khan wurde – aus seiner Sicht – exakt am richtigen Ort zur richtigen Zeit geboren. Denn damals herrschte das niederschlagsreichste Jahrzehnt der vergangenen 2.000 Jahre in den Steppen Zentralasiens. Das bedeutete mehr Regen, mehr Vieh, mehr mongolische Babys – alles Voraussetzungen für Dschingis Khans Karriere als Welteroberer. Wäre er zehn Jahre später oder Hunderte Kilometer entfernt geboren worden, wäre seine Geschichte anders verlaufen. Nun konnte Dschingis Khan die förderlichen Umstände seiner Geburt nicht ahnen. Das ist bei weiteren Ihrer Untersuchungspersonen anders? Dschingis Khan hatte sich sein Geburtsjahr nicht ausgesucht. Andere historische Persönlichkeiten warteten auf den richtigen Augenblick. Darunter befindet sich Winston Churchill, der seit Mai 1940 zu Hitlers Widersacher und Großbritanniens Kriegspremier avancierte. Churchill bekannte später, dass sein "ganzes vorheriges Leben nur die Vorbereitung auf diese Stunde und diese Phase der Prüfung gewesen" sei. Er hatte das Gefühl, zur richtigen Zeit an die richtige Position gekommen zu sein. Nun haben Sie sich bei Ihrer Untersuchung nicht allein auf Führungspersönlichkeiten im Bereich der Politik beschränkt, sondern auch Religion, Wirtschaft und Sport hinzugezogen. Selbstverständlich wären auch Bereiche wie Kunst und Wissenschaft wichtig gewesen. Ich musste mich aber beschränken. Deswegen habe ich Geschichte, Wirtschaft und Religion als lebenswichtige Bereiche ausgewählt, dazu den Sport, weil er so viele Menschen bewegt. Im Bereich der Religion hat mich die Frage gereizt, warum das Christentum sich durchgesetzt hat. Ja, warum? Gab es etwas Außergewöhnliches an Jesus? Ja, natürlich gab es etwas Außergewöhnliches an Jesus. Aber zu seiner Zeit gab es auch andere Messiasse. Das Neue Testament nennt sechs. Warum begründeten diese sechs nicht die neue Weltreligion, sondern Jesus? Da kommen wir wieder zu Zeit und Ort: Das Römische Reich war die mächtigste politische Einheit in Westeurasien. Das war ein Vorteil. Außerdem war Jesus Jude, und Juden waren in der Regel gebildet. Hinzu kam, dass er im Gegensatz zu seiner Konkurrenz die bessere Botschaft hatte. Diese hätte nach seinem Ende aber schnell untergehen können. Da kommt der nächste Faktor ins Spiel: Jesus war kein Organisator, er wurde auch zu früh getötet. Aber Jesus hinterließ einen großartigen Organisator – und zwar den heiligen Paulus. Es klingt nun nahezu so, als ob Geschichte bisweilen nach einer Art Baukastensystem funktionieren würde. Oder nach einer chemischen Formel, bei der die richtigen Elemente zusammenkommen müssen. So einfach ist es aber doch nicht? Ich habe einem Teilaspekt der Geschichte nachgespürt. Einem Teilaspekt, der aufschlussreich ist. Kommen wir nochmals auf Hitler zurück: Er wies vier zentrale Eigenschaften auf: Antisemitismus, Redetalent, taktische Klugheit und Risikobereitschaft. Nichts deutete vor seinem 30. Geburtstag auf diese zentralen Elemente hin. Aber der junge Hitler entwickelte sich zum reifen Hitler – nach 1933 machte das den Unterschied aus. Allerdings zum Schlechten hin, zum Allerschlechtesten. Hitler war äußerst qualifiziert für das Furchtbare. Jetzt wäre es vielleicht an der Zeit, auch ein positives Beispiel zu nennen. Sehr gerne. Da ist Seretse Khama zu nennen. Khama wurde der erste Präsident Botswanas nach dessen Unabhängigkeit 1966. Er war damals einer von nur 22 Universitätsabsolventen in diesem jungen Staat, aber auch in dieser elitären Gruppe stach er hervor: Denn Khama gelang der Spagat zwischen der modernen westlichen und der traditionellen afrikanischen Gesellschaft. Beide Teile erkannten ihn schließlich an, denn er hatte nicht nur in Großbritannien studiert, sondern war auch Erbhäuptling der Bamangwato, der größten Volksgruppe des Landes. Kurz nach der Unabhängigkeit Botswanas wurden dort reiche Diamantenvorkommen gefunden. Khama tat etwas sehr Wichtiges. Und zwar sorgte er dafür, dass die Diamanten unter die Kontrolle der Regierung kamen und nicht der Bevölkerungsgruppe, auf deren Land sie gefunden worden waren. Das konnte er, denn es war das Land der Bamangwato. Khamas Handeln und Vorbild führten dazu, dass der Reichtum an Bodenschätzen allen Bevölkerungsgruppen zugutekam. Botswana erlebte keinen Bürgerkrieg, die Eliten plünderten nicht den Reichtum des Landes. Botswana ist heute wohlhabend. Nun kommt aber der entscheidende Punkt: In Botswana konnte Khama den Unterschied machen, in Somalia wäre er wohl gescheitert. Sie haben auch die ungewöhnlich lange Erfolgskarriere von John Wooden untersucht, der Basketballgeschichte schrieb. John Wooden ist eine Legende des Basketballs. Nicht nur hier an meiner Universität, der University of California, Los Angeles (UCLA), sondern überhaupt. 1948 hatte Wooden den Trainerposten dort übernommen, er blieb bis 1975. Mit dem Team der UCLA gewann er die Meisterschaft der National Collegiate Athletic Association insgesamt zehnmal, davon siebenmal in Folge. Zu den Highlights seiner Karriere gehört außerdem eine Serie von 88 Siegen in Folge. Das ist wirklich außergewöhnlich. Wie hat Wooden das angestellt? Wooden konnte auf große Talente des Sports zurückgreifen, darunter einen gewissen Kareem Abdul-Jabbar. Aber das ist nur ein Teil der Erklärung. Wooden legte Wert auf Disziplin, er dachte groß- und kleinteilig. Er behandelte die Spieler so, wie es für sie individuell am besten war. Das sind aber wiederum nur Teile der Erklärung, auch andere Trainer agieren so. Ich denke, Woodens Erfolg basiert auch darauf, dass Basketball für ihn ein Teil einer weit gefassten Lebenseinstellung war. Das gab er seinen Spielern mit aufs Feld. Kooperation, Entschlossenheit, Aufrichtigkeit, Hartnäckigkeit, Übung, Respekt und Selbstdisziplin: Das sind die Begriffe, die seine Philosophie ausmachen. Gehört Bescheidenheit dazu? Über Woodens Bezüge würden heutige Trainer im US-Basketball die Nase rümpfen. Wooden startete 1948 mit einem Gehalt von 6.000 Dollar. Als er 1975 mit 64 Jahren ausschied, erhielt er 35.000 Dollar. Er selbst hat nie um eine Erhöhung gebeten. Als die UCLA ihren Basketballtrainer Steve Alford Ende Dezember 2018 wegen zu vieler Niederlagen entließ, erhielt dieser drei Millionen Dollar im Jahr. Vom Sport können wir viel über das Wirtschaftsleben lernen. Inwiefern? Tatsächlich wird an amerikanischen Business-Schools ein waches Auge auf den Sport gerichtet. Die Studierenden wollen gerne wissen, ob und wie ein CEO den Unterschied macht. Die Daten aus dem Sport sind viel aktueller und regelmäßiger, denn die Teams müssen sich ständig mit ihren Gegnern messen. Für CEOs wird es meist nur einmal im Jahr interessant, wenn die Zahlen ihres Unternehmens veröffentlicht werden. Die Methoden, die Business-School-Professoren verwenden, um herauszufinden, ob ein CEO einen Unterschied macht, wurden oft durch die Betrachtung von Sporttrainern entwickelt. Wahrscheinlich geht so gut wie jeder CEO eines Unternehmens davon aus, dass er den Unterschied macht. Das hat nicht zuletzt einen finanziellen Grund. Denn dadurch rechtfertigen sie ihr Einkommen. Das ist teilweise berechtigt, teilweise nicht. Einer meiner Freunde hat einen perfekten Riecher dafür, welche T-Shirts bald bei den Teenagern hier bei uns beliebt sein werden. Deswegen verdient er auch viel Geld. Hinzu kommt, dass T-Shirts von der US-Regierung nicht reguliert werden, aber Unternehmen in Branchen wie Wasser, Gas und Strom sehr wohl. Dort kann ein CEO weit weniger den Unterschied machen. Donald Trump macht heute in der Welt einen einschneidenden Unterschied. Ihn haben Sie nicht in Ihr Buch aufgenommen. Warum? Es ist noch zu früh für eine Bewertung. Aus diesem Grund erscheint Trump nicht in meinem Buch, aber auch keine Angela Merkel . Sie gelten als einer der letzten Universalgelehrten: Mehr als ein Dutzend erfolgreiche Bücher finden sich in Ihrem Œuvre, als Physiologe haben Sie die menschliche Gallenblase erforscht und auf Neuguinea die Vogelwelt. Was kommt noch? Ich hatte nie einen vorgefertigten Plan in der Tasche. Auch wenn die Leute das immer dachten. Irgendwie ergaben sich immer weitere Karrieren. Ich war zunächst mit meiner Forschung zur Gallenblase erfolgreich, aber irgendwann wollte ich neue Dinge entdecken. Da war dann 1964 meine erste Reise nach Neuguinea, für dessen Vögel ich mich bis heute begeistere. Kürzlich habe ich da eine Forschungsarbeit abgeschlossen. Das war Karriere Nummer zwei. Die dritte Karriere ist dann im Bereich der Geografie und Anthropologie, die mit meinem ersten Buch Anfang der 1990er Jahre begann. Hatten Sie nie Angst, eine sichere Basis zu verlassen? Aber ja doch. Jedes Mal, wenn ich die Karriere gewechselt habe, war es beängstigend. Zum Glück hatte ich immer Überschneidungsphasen. Was kommt jetzt? Mir wird nicht langweilig. Vor einem Jahr habe ich beschlossen, mich an allen Kantaten von Johann Sebastian Bach zu erproben. Ich liebe seine Musik, meine Mutter war Musikerin. Nun hat Bach aber mehr als 200 Kantaten hinterlassen. Ich habe also reichlich zu tun. Vielen Dank für das Gespräch, Professor Diamond.