Harry, Meghan und die Kinder haben Charles und Camilla getroffen. Nach Tagen voller Pannen wirkt das wie ein Durchbruch – doch drei Royal-Experten erklären, warum es trotzdem kompliziert bleibt. Offiziell war Prinz Harry nach Großbritannien gekommen, um den Countdown zu den Invictus Games 2027 in Birmingham einzuläuten – jenem internationalen Sportwettbewerb für verwundete, verletzte und erkrankte Militärangehörige und Veteranen, den er 2014 gegründet hat. Er besuchte ein Kinderkrankenhaus, würdigte die Arbeit der Kinderhilfsorganisation WellChild und warb für die Spiele. Doch gemessen wurde diese Reise vor allem an einer anderen Frage: Kommt Harry seiner Familie wieder näher? In Highgrove House, dem privaten Landsitz des Königs, empfingen der Monarch und Königin Camilla am Freitag den Herzog von Sussex, Herzogin Meghan sowie die beiden Kinder Archie und Lilibet. Für Charles war es das erste Wiedersehen mit seinen Enkelkindern seit vier Jahren. Nach Tagen voller Pannen wurde aus Harrys Großbritannienbesuch im letzten Moment doch noch ein familiäres Signal. Aber reicht das schon für eine echte Versöhnung? Für Julia Melchior ist die Zusammenkunft auf Highgrove mehr als nur eine höfliche Geste. "Das Wiedersehen mit König Charles und Königin Camilla in aller Abgeschiedenheit macht klar, dass es hier um die Familie geht", sagt die Adelshaus-Expertin und ZDF-Dokumentarfilmerin im Gespräch mit t-online. Das Treffen in Highgrove House war also der versöhnliche Moment. Doch der Weg dorthin machte sichtbar, wie fragil diese Annäherung bleibt. Ursprünglich sollten Meghan, Archie und Lilibet Harry nach Großbritannien begleiten. Wegen des Streits um staatlich organisierten Polizeischutz herrschte diesbezüglich zunächst Ungewissheit. Auch die Frage, ob Harry im Buckingham-Palast übernachten könne, endete im Durcheinander: Eine Anfrage beziehungsweise ein Angebot kam offenbar zu spät zustande, Harry musste sich anderweitig einquartieren. Treffen mit Harry: Warum Charles nach Highgrove House einlud Irrer Streit im britischen Königshaus: Was für eine Farce "Diese Reise ist für Harry im Grunde so schlecht verlaufen, wie sie nur verlaufen konnte", sagt Valentine Low im Gespräch mit t-online. Er war von 2008 bis 2023 Royalkorrespondent der "Times" und hat die Bücher "Power and the Palace" ("Die Macht und der Palast") sowie "Courtiers" ("Höflinge") geschrieben. "Es war ein ziemliches Durcheinander. Schlechter hätte es kaum laufen können." Der Wirbel im Vorfeld zeige, dass es zwischen Vater und Sohn nicht nur persönlich Gesprächsbedarf gebe, "sondern vor allem auch was den Umgang mit der Öffentlichkeit betrifft", sagt Melchior. Das sei seit dem Oprah-Interview, der Netflix-Serie und Harrys Memoiren ohnehin das Kernthema. Auch Low sieht ein tieferes Muster. "Das Muster liegt eher in der schlechten Kommunikation mit dem Palast", erklärt er. "Ob es um seine Sicherheit geht oder darum, ob er im Buckingham-Palast übernachtet: Es gibt ein klares Muster miserabler Abstimmung." Zusätzlich belastet sei die Zusammenarbeit durch Sir Clive Alderton, den wichtigsten Berater des Königs. Er habe "keine gute Vorgeschichte" mit Harry, so Low. "Die beiden mögen einander nicht und vertrauen einander nicht. Das ist nicht gut und hilft sicher nicht." Hinzu kommt: Jede organisatorische Frage wird sofort zur Symbolfrage. Jede private Geste steht unter öffentlicher Beobachtung. In Großbritannien wird kritisch über Kosten, Transparenz und öffentliche Akzeptanz der Monarchie diskutiert. Charles machte als erster regierender britischer Monarch die Höhe seiner persönlichen Steuerzahlungen öffentlich. In diesem Klima ist jeder Streit um Sicherheit, Kosten und Sonderregeln für Prinz Harry automatisch größer als nur eine Familienangelegenheit. "Wie schwer kann es sein, ein Schlafsofa bereitzustellen?" Harrys Versuch der Annäherung fiel also in einen denkbar ungünstigen Moment. Deswegen hält der britische Royalexperte Steve Hargrave die Erklärung der Krone, kurzfristig sei keine Unterkunft für Prinz Harry im Palast zu organisieren gewesen, für schwer vermittelbar. "Wie schwer kann es sein, kurzfristig ein Schlafsofa und ein paar Kissen bereitzustellen – erst recht in einem Palast mit Hunderten Mitarbeitern und zahlreichen freien Zimmern?" Für ihn steckt dahinter mehr als ein logistisches Problem. Charles achte sehr genau darauf, welche Signale öffentlich entstehen. "Charles weiß sehr genau, dass Harrys negative Presse oft aus dem Vorwurf entsteht, er sei privilegiert, spiele seinen royalen Status aus, wenn es ihm nützt, und weise ihn zurück, wenn es ihm beliebt." Charles sei entschlossen, genau diesen Eindruck nicht erneut entstehen zu lassen. Bis zu einem gewissen Grad habe der König damit das Narrativ zu seinen Gunsten verändert: Auch Royals wie Prinz Harry hätten sich an Regeln zu halten und könnten sich nicht nach Belieben auf den weichen Schoß der Krone verlassen. "Die Erklärung, es habe an Zeit gefehlt, ist daher klar eine Botschaft für Öffentlichkeit und Presse", so Hargrave. Keine öffentliche Erklärung notwendig Für Julia Melchior zeigt das öffentliche Hin und Her zur Unterkunft vor allem, dass der Austausch zwischen beiden Seiten nicht in die Öffentlichkeit gehöre. "Weil es eben nur zu Spekulation, Missinterpretation und schlechter Presse führt, die dem eigentlichen Anliegen der Versöhnung nicht zuträglich ist." Noch dazu sei es überhaupt nicht notwendig, sich öffentlich zu den Modalitäten zu äußern, so Melchior, denn der Besuch von Prinz Harry habe keine institutionelle Bedeutung. "Hier ist eine private Person in privater Angelegenheit unterwegs." Zu allem Übel folgte am Dienstag der juristische Rückschlag. Vor dem High Court verlor Harry gemeinsam mit weiteren Klägern, darunter Elton John, seine Zivilklage gegen Associated Newspapers, den Verlag der "Daily Mail". Das Gericht wies zentrale Vorwürfe unrechtmäßiger Informationsbeschaffung zurück; auf die Kläger könnten hohe Prozesskosten zukommen. "Das Gerichtsurteil lag natürlich nicht in seiner Hand", betont Valentine Low. Außerdem habe Harry in anderen Verfahren gegen britische Medien bereits Erfolge erzielt. Dennoch dürfte ihn diese Niederlage schwer getroffen haben. "Er wollte auch diesen Fall unbedingt gewinnen. Er hatte viel investiert – nicht nur finanziell, sondern auch emotional", erklärt Low. "Es bedeutete ihm sehr viel." Harrys PR-Offensive Umso wichtiger waren die Gegenbilder, die Prinz Harry während seines Besuchs in Großbritannien produzierte, sagt Hargrave. So merkwürdig es angesichts der Niederlage vor Gericht und der Sicherheitsdebatte klingen möge: "Harry und sein Team verstehen das PR-Spiel sehr gut." Hargrave verweist auf zwei öffentliche Auftritte, die nach seiner Einschätzung bewusst gut gesetzt waren: Harrys Besuch in der britischen Sendung "This Morning" mit Alison Hammond und sein Auftritt im Podcast des früheren Rugby-Stars Joe Marler. Beides seien "kluge und durchdachte Schritte" seines Teams gewesen. Solche Auftritte lieferten Bilder, die in sozialen Medien funktionieren: "Man sieht den glücklicheren, humorvollen Harry, der für seine Invictus Games wirbt", sagt Hargrave. Das eigentliche Drama bleibe dagegen hinter verschlossenen Türen. "Streitigkeiten darüber, wo Harry übernachtet, Fragen der Sicherheit oder auch seine Niederlage vor Gericht werden dadurch zu Geschichten ohne Bilder. Harrys Team weiß, dass heute entscheidend ist, was Menschen sehen können. In diesem Sinne haben sie zumindest in den Augen der Öffentlichkeit wieder etwas Boden gutgemacht." Meghan bleibt bewusst im Hintergrund Dass bislang kein Foto des Königs und der Königin mit Meghan und den Kindern veröffentlicht wurde, hält Hargrave für einen klugen PR-Schritt. "Sie wissen, dass Meghan in der öffentlichen Wahrnehmung stärker polarisiert." Es bestehe kein Zweifel daran, dass "Harry und Meghan" als Paar oder Marke weiterhin schwer in einem durchweg positiven Licht zu verkaufen seien. Gemeinsam stünden sie für eine Marke, die sich – ob man das gut oder schlecht finde – von der Königsfamilie entfernt habe. "Im negativsten Fall werden sie mit Anspruchsdenken verbunden. Und das ist für alles, was mit den Royals zu tun hat, wohl die schlechteste PR-Linie." Wie geht es weiter? Bleibt die Frage, ob die Zusammenkunft von Prinz Harry, Herzogin Meghan und ihren Kindern mit König Charles III. und Königin Camilla ein Durchbruch war. "Harry selbst hat vor einiger Zeit gesagt, dass er sich eine Versöhnung mit seinem Vater wünscht, und von König Charles weiß man, dass er ein absoluter Familienmensch ist", sagt Melchior. "Darum ist das Wiedersehen zumindest als echter Versuch der Annäherung zu werten." Hargrave sieht zumindest für diesen Moment eine vernünftige Linie: "Es gibt derzeit größere Themen: die laufende Krebsbehandlung des Königs und das Bewusstsein, dass Familie in diesem Moment wichtiger ist als Eigenwerbung." Am Ende sei positiv, dass sich beide Seiten – zumindest vorerst – offenbar darauf verständigt hätten, das Wiedersehen privat zu halten. Low bleibt trotz des Treffens vorsichtiger. Er glaubt nicht, dass Harry schon an dem Punkt sei, "alles Notwendige zu tun", um daraus einen ernsthaften Versöhnungsprozess zu machen. Das größte Hindernis sieht er ohnehin nicht beim Vater. "Das große Problem bleibt natürlich sein Verhältnis zu seinem Bruder, Prinz William ." Diese Beziehung sei weit von dem entfernt, was sie sein könnte. "Deshalb bin ich im Moment nicht besonders optimistisch." Die Zusammenkunft der Familie hat die Deutung dieser Reise verändert. Aber sie hat wohl nicht alle Probleme gelöst.