Dritte Staffel: „House of the Dragon“: Die wahre Magie zeigt sich abseits der epischen Schlacht
„House of the Dragon“ startet mit einem Gemetzel in die neue Staffel. So beeindruckend die Bilder auch sind – das, was darum herum passiert, ist mindestens ebenso dramatisch.
Die Furcht steht Alicent Hohenturm ins Gesicht geschrieben, während sie durch die düsteren Gänge des Palasts schreitet. Als sie den Thronsaal betritt, weiten sich ihre Augen: Auf dem königlichen Herrschersitz hat es sich ihr Sohn Aemond bequem gemacht. Im Gegensatz zu seiner Mutter lässt er keine Gefühlsregung erkennen. Kühl und distanziert erläutert er, dass sein Bruder – dem der Thron eigentlich gehört – aus der Stadt geflohen ist. Dann fragt er seine Mutter barsch, wo sie gewesen sei. Ganz kurz zögert sie mit der Antwort (schließlich kann sie schlecht zugeben, dass sie sich mit dem Feind verschworen hat). Als Zuschauer hat man das Gefühl, ihren rasenden Herzschlag zu hören.
„House of the Dragon“ liefert ordentlich Emotionen
Es sind genau solche intime Szenen, die in der ersten Folge der dritten Staffel „House of the Dragon“ eine mitreißende Wirkung entfalten. Im Vorfeld hatten Serienschöpfer Ryan Condal und die Schauspieler in Interviews vor allem über die Seeschlacht gesprochen, die als blutiges Ereignis den Auftakt für die kommenden Episoden bildet. Damit kommt der Krieg im Zentrum des „Game of Thrones“-Prequels endgültig in Gang. Und zweifelsohne ist der Kampf von epischem Ausmaß. Lord Corlys, Unterstützer der rechtmäßigen Königin Rhaenyra, befindet sich mit seiner Flotte bereits auf See, als der Gegner zum Angriff schlägt.
Welch blutige Szenen sich gleich abspielen werden, lassen die etlichen Schiffe erahnen, die im milchig-dunstigen Licht übers Wasser segeln, und das hektische Treiben, das alsbald unter der Crew ausbricht. Befehle werden gebrüllt, während im Hintergrund dramatische Musik spielt. Bevor es zum Zusammenstoß der Flotten kommt, schaltet die Serie jedoch zu einer Handvoll weiterer Charaktere, die jeweils ihre eigenen Kämpfe austragen. Und diese entfalten teils eine viel emotionalere Wirkung als die große Schlacht.
Da ist Rhaena, die sich in der zweiten Staffel auf die Suche nach einem wilden Drachen gemacht hat. Im grünen Tal ist sie zwar fündig geworden, noch überwiegt aber ihre Furcht. Vor Angst zitternd versucht sie, sich dem Drachen zu nähern. Als dieser ihr wenig später eine verbrannte Ziege – und damit ein gemeinsames Mahl – anbietet, isst sie mit ihm. Dabei lässt sie das Wesen trotzdem nicht aus den Augen. Eine Nahaufnahme von ihrem Gesicht zeigt: Rhaena schafft es kaum, ihre Beklemmung zu verstecken.
Da ist Alyn aus Holk, Offizier und unehelicher Sohn von Lord Corlys. Die Beziehung der beiden ist von Wut und Reue geprägt. Corlys' wiederholte Entschuldigungen dafür, dass er Alyn nicht als seinen Sohn anerkannt hat, treffen bei diesem auf taube Ohren. Die Gleichgültigkeit, die er seinem Vater entgegenzubringen versucht, kann er aber nicht immer aufrechterhalten. Als die beiden sich vor der Schlacht besprechen und das Thema auf Alyns Mutter kommt, verwandelt sich dessen Gesicht in eine von Zorn verzehrte Maske.
Da ist Alicent, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Frieden und der Liebe zu ihren beiden Söhnen. Einen davon, König Aegon, würde sie für den Waffenstillstand sogar an Rhaenyra ausliefern. Doch dazu kommt es nicht, er ist längst aus der Stadt geflohen. An seiner Stelle herrscht sein Bruder Aemond, der für sein kaltes und rücksichtsloses Wesen bekannt ist. Die Unberechenbarkeit ihres Sohnes macht auch seiner Mutter Alicent Angst. Im Gespräch der beiden kommt es zur wohl verstörendsten Sequenz der gesamten Episode: Aemond beugt sich zu ihr und küsst seine Mutter plötzlich auf den Mund. Eine Szene, die kein Zuschauer hat kommen sehen. Und auch Alicent nicht, gemessen daran, wie nervös ihre Augen während des Kusses zucken.
Die Bandbreite menschlicher Emotionen wird durch das fantastische Mienenspiel der Schauspieler hervorragend transportiert. Durch zahlreiche Nahaufnahmen wird jede einzelne Gefühlsregung sichtbar, was es für den Zuschauer praktisch unmöglich macht, sich dem Gefühlschaos zu entziehen. Lodernder Zorn, lähmende Angst, hoffnungsvolle Freude – und am Ende bleibt doch nur eine allumfassende Verzweiflung zurück, die von dem blutigen Gemetzel auf See bloß noch verstärkt wird.
Plötzlich kehrt eine tödliche Ruhe ein
In der nächsten Schlacht-Szene haben sich etliche Schiffe bereits in brennende Rauchsäulen verwandelt. Schiffsmasten brechen krachend ein, Kampfschreie ertönen, Stahl trifft klirrend auf Stahl. Der Kampf ist zu einem blutigen Chaos geworden, von dem am Ende nur noch eine gefährliche Ruhe bleibt. Und die Gewissheit, dass der Krieg gerade erst begonnen hat.
Schlussendlich ist es genau die Mischung aus epischem Entertainment und einfühlsam erzählten Einzelgeschichten, die beim Zuschauer Erschütterung zurücklässt – und Lust auf mehr macht. Ab dem 22. Juni erscheinen wöchentlich neue Folgen „House of the Dragon“ auf HBO Max sowie auf Sky und Wow.