Kurioses: Zufall im Justizgebäude: Zwei Sprecher, ein seltener Name
Zwei Juristen in Nordrhein-Westfalen haben einen seltenen Nachnamen und arbeiten im selben Justizgebäude – sind aber nicht miteinander verheiratet oder direkt verwandt.
In einem Punkt sind sie sich ganz sicher: Verheiratet oder verwandt sind sie nicht. Warum überhaupt die Frage? Svenja und Daniel haben einen gemeinsamen und ungewöhnlichen Nachnamen: Große-Kreul. Aber damit nicht genug. Beide sind Pressesprecher von Justizbehörden in Nordrhein-Westfalen und arbeiten auch noch im selben Gebäude. Das kann doch kein Zufall sein. Oder doch?
Daniel Große-Kreul, der Pressesprecher des Oberlandesgerichts (OLG) Hamm, verweist auf seine Arbeit als Richter. Auch dort würden ja die verrücktesten Fälle über seinen Schreibtisch wandern. "So spielt nun mal das Leben", sagt er und vergleicht das mit dem Zufall bei ihm und seiner Sprecherkollegin der Generalstaatsanwaltschaft Hamm.
Aber sind die beiden wirklich nicht verwandt? Die beiden nicht. Das steht fest. Denn die 44-jährige Svenja Große-Kreul mit Mädchennamen Semke hat einen Große-Kreul geheiratet. Aber mit dem Ehemann sei der 42-jährige Daniel Große-Kreul auf jeden Fall irgendwie verwandt. Bei diesem Befund ist sich Rita Heuser ziemlich sicher. Sie forscht in Mainz an der Akademie der Wissenschaften und der Literatur zur Bedeutung und Entwicklung von Nachnamen.
Forschung zum Namen
"Nur ein Blick in den Stammbaum kann zeigen, welchen Verwandtheitsgrad Daniel und der Mann von Svenja haben." Da der Name aus dem südlichen Münsterland stamme und der Name Große-Kreul in Deutschland keine große Verbreitung habe, müsse es eine Verbindung geben, sagt Heuser. Die Frage ist dabei nur, um wie viele Ecken.
Heuser forscht zu Nachnamen und löst deren Bedeutung auf. Dabei greift sie auf eine Namensverbreitungskarte zurück. Datenbasis sind Festnetzanschlüsse der Telekom aus dem Jahr 2005 und Verlustlisten der Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg. Die alten Telekom-Daten sind Grundlage für einen Näherungswert, denn pro Anschluss gibt es mehrere Familienmitglieder. Die Kriegsdaten der Toten und Verwundeten enthalten die Geburtsorte der Gefallenen. Auch daraus lassen sich historische Verbreitungen ableiten.
Große-Kreuls tauchen da gehäuft rund um Gladbeck auf. Das deckt sich mit Daniel Große-Kreuls Lebensweg. Er wuchs in der Stadt zwischen Ruhrgebiet und südlichem Münsterland auf. "Es gab in Gladbeck damals noch ein Schuhgeschäft mit diesem Namen", erinnert sich der OLG-Pressesprecher.
Geboren wurden die beiden Große-Kreuls in Essen. Während Svenja Große-Kreul in Münster Jura studierte, ging Daniel Große-Kreul im Ruhrgebiet zur Universität. Zum ersten Mal liefen sie sich im Job im Justizzentrum in Bochum über den Weg. Dort fragte mal eine Protokollführerin in einer Verhandlung: "Sind Sie die Frau von unserem Daniel?". War sie nicht. "Fand ich aber witzig", sagt die 44-Jährige im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.
Später in Hamm, als beide bereits im selben Gebäude arbeiteten, kam ein Anruf bei Daniel Große-Kreul an. "Ich kann Ihre Frau nicht unter ihrer Nummer erreichen. Ist sie bei Ihnen?" War sie nicht. Dass die beiden kein Paar sind, hatte sich in der Telefonzentrale von OLG und Generalstaatsanwaltschaft bis dahin nicht herumgesprochen.
Eine Vorahnung hatte der Leiter der Generalstaatsanwaltschaft. "Ihr Name könnte zu Verwirrungen führen", sagte Michael Schwarz zu Svenja Große-Kreul vor ihrer Ernennung. "Mein Vorgänger hat sich kaputt gelacht, als er das gehört hat", erzählt die Oberstaatsanwältin. Sie wurde im Oktober 2025 Sprecherin ihrer Behörde. Daniel Große-Kreul übernahm seinen Posten im April 2025.
Was die Namen angeht, hat Daniel Große-Kreul irgendwie das große Zufallslos gezogen. Seine Mutter hat den gleichen Mädchennamen - wie das Leben so spielt - wie seine heutige Ehefrau.
Doppelname mit speziellem Dreh
Der Doppelname Große-Kreul ist übrigens kein typischer Doppelname wie jener der ehemaligen FDP-Politikerin und Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. "Dieser Name hat schon einen speziellen Dreh", sagt Heuser. Im Digitalen Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD) findet sich Große-Kreul 33 Mal. Er wurde im Ganzen weitervererbt und entstand nicht durch eine Hochzeit. Im Ranking der Verbreitung der Nachnamen landet Große-Kreul in Deutschland auf Platz 90.047. In Prozenten ausgedrückt, liegt der Name bundesweit mit 0,0002 im kaum messbaren Bereich.
Dabei steht das "Große" ursprünglich für den Ältesten auf einem Bauernhof, der den Betrieb übernommen hat. Oder aber den größeren Teil des Hofes. Erste Hinweise auf diesen Namenszusatz gibt es aus dem 15. Jahrhundert. Der jüngere mit dem kleineren Teil bekam den Zusatz Kleine oder im Plattdeutschen Lüttke. Das war typisch im Münsterland.
Bedeutung nicht eindeutig zu klären
Die Bedeutung von "Kreul" ist nicht ganz eindeutig zu klären. Auf jeden Fall war es der Name eines Hofes. Woher er seinen Namen hat, ist fraglich. Kräuel bedeutet Gabel mit hakenförmigen Spitzen oder Klaue und Kralle, was für eine verletzende, zornige, schroffe Person stand. Indirekt könnte es aber auch für einen Beruf stehen. Wer mit einem solchen Werkzeug arbeitete, könnte ein Gärtner oder Bergmann gewesen sein. Wird aus dem K in Kreul ein G wie Greul, wird aus dem Namensträger ein furchterregender Mensch.
"Im Mittelalter war es üblich, nach negativen Eigenschaften zu bezeichnen", erklärt die Forscherin. Am Ende müsse man offen lassen, wofür Kreul in diesem Fall gestanden habe. Daniel und Svenja Große-Kreul mögen ihren Namen. Für Daniel Große-Kreul steht er in Verbindung zu seiner großen Familie mit vielen Cousins und Cousinen. Die mögliche etymologische Herleitung, also über den Weg der Sprachentwicklung, kannte er bislang nicht. Einen furchterregenden Menschen verbindet er mit seinem eigenen Nachnamen nicht. Ihm war klar, dass der Name irgendetwas mit dem Thema Gehöft und Bauernhof zu tun haben muss.
Die Namen mit Große und Kleine gibt es laut Heuser in verschiedenen Varianten. Mit und ohne Bindestrich oder auch zusammengeschrieben. Die Verknüpfung mit einem Hofnamen ist laut der Forscherin typisch für das Münsterland. Das Motiv, nach seinem Hof benannt zu werden, ist besonders in Westfalen, aber auch in Bayern verbreitet. Im Rheinland oder in Rheinland-Pfalz gibt es dieses Benennungsmotiv dagegen kaum.