morgenstern: Konbinis für Deutschland. Der Zauber der kleinen Läden aus Japan
Japan macht es vor: Kleine Läden und Restaurants sorgen für belebte Viertel. Deutschland kann davon lernen. Und: der schwarz-rote 1000-Euro-Bumerang. Die Lage am Morgen.
Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,
kürzlich war ich zum 80. Geburtstag in meiner hessischen Heimat. Das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, hat rund 1200 Bewohner. Mein Großvater war früher Besitzer des örtlichen Raiffeisen-Marktes, eines kleinen Gemischtwarenladens. Irgendwann in den 90er Jahren schloss er. Heute gibt es dort keinen Lebensmittelladen, keinen Bäcker und noch nicht mal mehr einen Geldautomaten. Will man ein Brötchen kaufen, muss man vier Kilometer fahren. Da reihen sich die betongrauen Supermärkte der großen Ketten aneinander. Das ist kein Einzelfall, so sieht die triste Realität in vielen Regionen Deutschlands aus.
Als wir bei Kaffee und Kuchen zusammensaßen, kam dieses Thema natürlich auf. Es wurde kräftig geschimpft, weil, wie viele sagten, das „Dorf tot“ sei und so niemand mehr hier leben wolle. Einer der Gäste, Karl-Heinz, der mit einem ehemals kleinen Müllunternehmen reich geworden ist, fragte: „Warum macht eigentlich der Staat da nichts? Er könnte doch eine Förderprämie für kleine Läden auf dem Land schaffen. Das macht die Dörfer doch attraktiver.“
Mit dieser Idee im Hinterkopf bin ich nach Tokio gereist. Klar, nicht wirklich eine ländliche Region mit ihren rund 37 Millionen Einwohnern. Aber die Stadt hat eine besondere Struktur. Außerhalb des Zentrums besteht sie aus vielen kleinen Nachbarschaften, sogenannten Mikrovierteln. Es sind Dörfer in der Stadt. Hier reihen sich die Wohnhäuser eng aneinander, manchmal ist nicht eine Armlänge Abstand zwischen den Hauswänden. Ich habe reine Bettenburgen erwartet, gebe ich zu. Also, eine Gegend, aus der die Bewohner morgens zur Arbeit fahren und abends nur zum Schlafen zurückkehren.
Aber ich erlebe das Gegenteil. Diese Stadtteile sind lebendig. Hier gibt es zahlreiche kleine Restaurants, Bäckereien und Supermärkte. Viele davon sind rund um die Uhr geöffnet. Alles ist in Laufnähe, kaum jemand benutzt Autos. Im Radius von etwa zehn Minuten habe ich abends die Auswahl zwischen handgezogenen Nudeln, Oktopus-Pfannkuchen oder Sushi. Die allermeisten Läden werden von Familien geführt und sind nur wenige Quadratmeter groß.
In Deutschland sterben kleine Läden aus. In Japan blühen sie auf
Diese Einkaufsstraßen, hier werden sie Shotengai genannt, sind mit dem Alltagsleben in den Vierteln gewachsen. Die Mieten für die Läden sind nicht sehr hoch. Vor allem gibt es hier, anders als in Deutschland, sehr flexible Bau- und Nutzungsregeln. Die bürokratischen Hürden sind niedrig. Auflagen wie eine Parkplatzpflicht gibt es nicht. Auch Fluchtwege müssen nicht überdimensioniert groß sein. Japan lässt einfach machen – und so sind diese vitalen Nachbarschaften entstanden. Das Angebot ist stark auf die Nachfrage angepasst. Das Prinzip ist auch erfolgreich, weil frische Lebensmittel für Japaner extrem wichtig sind.
Natürlich gibt es Geschäfte der großen Ketten, sie heißen auf Japanisch Konbini. Sie sind aber auch klein, mit nur ein paar Regalreihen, Kaffeemaschine, Grilltheke und Dampfnudeltruhe. Ein Anbieter heißt 7-Eleven und ist Kult – weltweit sogar. Dort treffe ich immer wieder Touristen, die auf TikTok oder Instagram von den tollen Snacks im Laden gehört haben. Stimmt, die Chips mit Edamame-Geschmack und die Krabben-Cracker sind großartig.
Viele Restaurants erfüllen in den Shotengais eine wichtige soziale Rolle. Gekocht wird meist hinter einer offenen Theke im Raum mit einer Bar davor. Ist man in der Millionenstadt Tokio einsam, bekommt man hier immer eine warme Suppe und ein Gespräch mit dem Koch oder der Köchin. Wenn es sein muss, rund um die Uhr. Irgendwo ist immer ein Licht an. Vielleicht sollten wir uns (mal wieder) an Japan ein Beispiel nehmen. Von diesen Dörfern in der Stadt.
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Herzliche Grüße
Alexandra Kraft