Heilbronn: Wie das "Haus des Jugendrechts" arbeitet
Von Brigitte Fritz-Kador
Heilbronn. In den Sommerferien gehen Abgeordnete und Minister gerne auf sogenannte Sommertouren durchs Land. Der Termin, den Sozialminister Manne Lucha und die Heilbronner Grünen-Abgeordnete Susanne Bay jüngst in Heilbronn absolvierten, hatte nichts von Ferienstimmung, dafür aber viel mit dem Alltag derer zu tun, die sich im "Haus des Jugendrechts" mit straffällig und auffällig gewordenen Kindern und Jugendlichen beschäftigen. Polizeipräsident Hans Becker hatte in die Runde, neben dem Minister und Oberbürgermeister Harry Mergel, vor allem auch jene gebeten, die sich tagtäglich mit den Problemen dieser Gruppe beschäftigen. Dass die Jugendkriminalität in Stadt- und Landkreis, nach absoluten Zahlen nicht gestiegen, man hier im Landesvergleich am "sichersten" ist, ist ein erfreulicher Aspekt. Dass gleichzeitig die Zahl von Kindern und Jugendlichen steigt, die mit psychischen Probleme auffallen, muss zu denken und zu handeln geben.
Das sah auch der Minister so: "Kinder, die Gewalt und Missbrauch erfahren, werden schneller zu Tätern." Seine Feststellung war der "rote Faden", der sich durch das Treffen zog. Polizeichef Beckers Aussage dazu, wie man Jugendliche "zurück auf die richtige Bahn bringt", umriss das Ziel; was dann Kriminalhauptkommissar Dieter Ackermann in aller Ausführlichkeit und auch mit großem emotionalem Engagement schilderte, war die Realität. Es gibt, gerade angesichts jüngst publik gewordener Fälle, wieder die Diskussion um die Senkung der Strafmündigkeit, vor allem mit dem Argument "die gehören eben weggesperrt". Die übereinstimmende Aussage von Mergel wie auch Becker und Ackermann lautet dagegen: "Wir kämpfen um jedes Kind."
Was Ackermann nicht ausdrücklich sagt, aus seiner Erfahrungen heraus aber immer wieder anklingen lässt, ist, dass dieser Kampf oft auch vergeblich ist. Eines seiner Resümees: Kinder machen immer früher Erfahrungen mit Drogen, Alkohol, Sexualität, Missbrauch und Gewalt - und die Elternhäuser versagen immer mehr. Dabei gebe es, betont er, keine Klassenunterschiede, das heißt, auch wohlhabende Eltern prügeln ihre Kinder und auch Kinder und Jugendliche aus gehoben-bürgerlichen Kreisen können früh straffällig werden. Es gibt eine wachsende Klientel, die Ackermann "extrem abgehängt" nennt und damit andeutet, dass vielen von ihnen schon deshalb kaum mehr zu helfen ist, weil sie sich außerhalb der Gesellschaft sehen. Er spricht hierbei von einem herrschenden "Nichtzuständigkeitssyndrom", von "Grenzgänger oder Systemsprenger".
Eines der Projekte, die gerade anstehen, hat den Titel "Die Kurve kriegen". Das beschreibt am besten, wofür sich die 14 Beamten und weiteren Kräfte im "Haus des Jugendrechts" einsetzen und vernetzen, auch mit den Schulen und deren Beauftragten - bei gleichzeitiger wissenschaftlicher Evaluierung der Maßnahmen und ständiger Fortbildung. Das beginnt bei Gesprächen, auch in freundlich-kindgerecht eingerichteten Räumen des Hauses für Befragungen und Täter-Opfer-Ausgleichsgesprächen. Die Staatsanwaltschaft ist um eine zeitnahe Reaktion auf Vorfälle bemüht. Etwa 18 bis 20 Prozent der Tatverdächtigen sind noch strafunmündig, vielen von ihnen ist nicht einmal bewusst, was sie tatsächlich angestellt haben.
Zusammen mit Staatsanwaltschaft und Jugendhilfe erfolgt hier eine Risikoeinschätzung anstelle einer Vernehmung, es werden weitere Beratungsstellen der sozialen Dienste bis hin zur Psychiatrie in Weinsberg einbezogen und vor allem: Jeder Fall ist in der Behandlung ein Einzelfall. "Ampel" nennt man diese Beratung aller mit den Jugendlichen befassten Institutionen und erzieherischer Maßnahmen. Jugendämter, Sozialdienste, Suchthilfeorganisationen, Staatsanwaltschaft, Amtsgericht - sie alle gehören diesem Netzwerk an.
Wenn es ein Fazit des Treffens und der Darstellung des Arbeitsfeldes im Heilbronner "Haus des Jugendrechts" gibt, dann dieses: Es gibt keinen Anlass für Illusionen. Zahlen sind schwierig zu ermitteln beziehungsweise darstellbar, Becker nennt für das letzte Jahr 860 "Beschuldigte", das sind die, denen ein Verfahren droht. Ziel der Mitarbeiter ist es aber, Kinder und Jugendliche schon vorher aufzufangen. Das ist nicht einfach. Ackermann nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er schildert, wie schon Kinder der Gesellschaft gegenüber einen Standpunkt außerhalb von ihr einnehmen, bereits schwer abhängig sind von Alkohol und Drogen, sexuelle Macht ausüben und wie viel davon schon in den Schulen passiert. Für OB Mergel ist das dann aber auch der Einstieg dazu, wieder einmal den "Heilbronner Weg" zu loben, und darin stimmt dann auch der Minister mit ein: eine flächendeckende Versorgung mit Ganztagsschulen und Ganztagesbetreuung anzubieten. Dass dadurch manches verhindert werden kann, sieht auch der Polizeipräsident so, muss aber dennoch feststellen, dass alle Prävention - und da sei man in Heilbronn so breit wie nie aufgestellt - sich nicht erkennbar in Zahlen zeigt.
Sozialminister Lucha, der aus seiner früheren, langjährigen Tätigkeit mit psychisch auffälligen Jugendlichen weiß, wovon hier die Rede ist, findet lobende Worte für die Heilbronner und nimmt Anregungen dafür mit, mit welchen weiteren Maßnahmen und Einrichtungen das Land noch weiter tätig werden kann - oder auch muss.