Bad Rappenau: Sie hat Trisomie 21 - und arbeitet im Pflegeheim
Von Angela Portner
Bad Rappenau. "Ich will alles", sagt Theresa Hocher wenn man sie fragt, was sie sich für ihr Leben wünscht. Sie sagt es so kraftvoll und entschlossen, dass man keinen Moment daran zweifelt, dass ihr das gelingen wird. Zumindest im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Die 22-Jährige hat Trisomie 21, doch das hat sie nie abgehalten, ihre eigenen Wege zu gehen.
Im Rahmen eines zweieinhalbjährigen Inklusionsprojektes hat sie eine Ausbildung im Pflegeheim gemacht und ergänzt das Team seit 2015. Inzwischen lebt sie weitgehend eigenständig in einer Wohngruppe, reist gern, powert sich beim Karate aus, steigt aufs Pferd, jubelt im Fußballstadion ihrer Mannschaft zu oder tanzt mit Freunden die Nächte durch.
Theresas Freizeit ist durchgetaktet: Neben ihren ganzen sportlichen Aktivitäten geht sie Mittwoch und Donnerstag zum Treff bei den "offenen Hilfen". Gesellschaftsspiele, Basteln, Kino, vor dem Fernseher lümmeln, quatschen, Musik hören oder auch mal wandern. Dienstag ist Familientag. Da kommt sie zum Essen nach Hause und ihre Geschwister, so sie denn Zeit haben, sind auch dabei.
Theresa ist das Nesthäkchen. Die Eltern Chistiane und Heinz Hocher haben sie "werden lassen" wie die anderen auch. Das dafür notwendige Vertrauen hat sich gelohnt. Selbstsicher und mutig ist sie. Kurvt im Familienurlaub mit dem Rad durch Vancouver, schippert mit der Aida nach Norwegen, fährt auf dem Hausboot durch Brandenburg oder nimmt an Kanu- und Pferdefreizeiten über die "offenen Hilfen" teil.
Nicht alles war leicht, gibt die Mutter zu bedenken: "Wir mussten um vieles kämpfen." Das Wichtigste aber sei ein entsprechendes soziales Umfeld. Hier griffen viele Räder ineinander: die Nachbarn, an deren Tür Theresa immer klingeln konnte, ihre Freundin Klara, die Lehrer der Astrid-Lindgren-Schule, die sie förderten, ihr die Möglichkeiten zu sportlichen Erfolgen eröffneten, die große Familie, in der sie geliebt und angenommen wird und nicht zuletzt ihre Kollegen im Pflegeheim, die Theresa nicht nur als wertvolle Kollegin, sondern auch als Mensch schätzen.
Theresas berufliche Entwicklung ist eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht. Sogar das Fernsehen kam und berichtete. Eine anerkannte Berufsbezeichnung gibt es zwar noch nicht, aber eigentlich ist das für Theresa auch nicht so wichtig. Im DRK-Pflegeheim in Neckarsulm schiebt sie Schichten wie die anderen auch, leitet neue Praktikanten in ihrem Arbeitsbereich an und nimmt inzwischen sogar an Weiterbildungen teil. Ihre Arbeit ist anspruchsvoll und abwechslungsreich.
Aus dem Team ist sie nicht mehr wegzudenken. Sie hilft bei der Essensreichung, spielt mit einer Engelsgeduld "Mensch ärgere Dich nicht" und hat trotz eigener sprachlicher Barrieren einen guten Zugang zu Demenzkranken. Das Modellprojekt, das nach der Schule schrittweise über ein Praktikum ins Berufsleben führte, war ein Lernprozess für alle Seiten, bei dem Geduld an erster Stelle stand.
Nun hält sie ihr Ausbildungszertifikat in den Händen. Sie hat es geschafft. Der Auszug in die eigene Wohnung war ein weiterer wichtiger Schritt. "Alleine wohnen ist cool", sagt sie. Und auch wenn sie eigentlich gerade "überglücklich" ist, hat sie noch eine Menge Träume für ihr Leben. Irgendwann möchte sie gern im Krankenhaus arbeiten.
"Weil ich anderen Menschen helfen will", begründet Theresa. Für "jeden Tag" tun es aber sicher auch die kleinen Herzensdinge. Mit Papa ins Stadion gehen und über Fußball streiten zum Beispiel, ein schwarzes Glitzerkleid anziehen und sich vor versammelter Geburtstagsgesellschaft mit Helene Fischer atemlos tanzen, einen Riesenteller Käsespätzle futtern oder den Traummann finden und sich über beide Ohren verlieben.