Innenleben des Protests: So wird eine Fridays for Future-Großdemo organisiert
Von Noemi Girgla
Aachen/Heidelberg. Viel verbindet Heidelberg und Aachen eigentlich nicht. Aber eine Gemeinsamkeit teilt man seit ein paar Tagen doch: beide Städte haben den Klimanotstand ausgerufen. Heidelberg unmittelbar vor der Internationalen Klimakonferenz im Mai, Aachen am Mittwochabend. Gerade rechtzeitig, bevor am Freitag Gruppen aus 17 Ländern zum ersten internationalen Klimastreik anreisten - darunter 19 Heidelberger.
Den Klimanotstand ausrufen, ist die eine Sache. Doch wie organisiert man so ein Riesenevent? Schließlich kamen über 40.000 Teilnehmer mit Sonderzügen nach Aachen. Schlafplätze mussten geschaffen, für Verpflegung gesorgt werden. Im Alleingang hätten das die Aachener nicht geschafft. Dazu mussten schon Arbeitsgruppen auf Bundesebene und auch international eingerichtet werden.
"Jeder macht das, was seine Kapazitäten hergeben", erklärt Line Niedeggen. Die 22-Jährige ist seit Kurzem Pressesprecherin der Fridays for Future-Ortsgruppe Heidelberg. Sie teilt sich die Aufgabe mit Florentin Hollert. "Es gibt keine feste Aufgabenverteilung", berichtet sie. Dennoch gibt es Einteilungen und Administratoren.
Jede Ortsgruppe stellt ein bis zwei Delegierte, die wöchentlich an moderierten, deutschlandweiten Telefonkonferenzen mit bis zu 200 Zuhörern teilnehmen. Die Tagesordnung steht vorher fest und wer etwas sagen will, muss das per Handy anmelden.
Fridays for Future ist eine "Graswurzelbewegung". Jeder hat das Gleiche zu sagen. Deshalb ist die Kommunikation über Plattformen wie WhatsApp, Telegram oder Instagram am einfachsten. So erreicht man schnell viele Leute. Auch mit Motivationsvideos oder Organisationstipps. Die Gruppen sind auf der offiziellen Homepage von Fridays for Future zu finden. Damit auch neu gegründete Ortsgruppen auf der Internetseite gelistet werden können, gibt es spezielle Ansprechpartner.
Der Vorteil der flachen Hierarchien ist auch gleichzeitig ihr Nachteil. Jeder kann den Ortsgruppen-Chats beitreten. Auch unerwünschte Werbung oder gar Hasskommentare finden ihren Weg dorthin. Ein Problem, um das sich die Administratoren der jeweiligen Chats kümmern. Sie entfernen Beiträge, moderieren und leiten wichtige Informationen weiter. Im Schnitt verwalten drei bis sechs von ihnen eine Gruppe. Allein in Heidelberg sind 1200 Mitglieder auf sechs Gruppen verteilt.
"Wir organisieren aber nicht nur die Demos, die schließlich angemeldet werden und deren Routen mit den Stadtwerken abgesprochen werden müssen", erklärt Niedeggen. Erst kürzlich beteiligten sich die Heidelberger auch an einer deutschlandweiten Müllsammelaktion. Das Ergebnis: zwölf große Müllsäcke in zwei Stunden.
Die Aktivisten stehen auch in engem Kontakt zu Politikern und Wissenschaftlern. Laut Niedeggen entwickelte sich die Bewegung zwar aus einem Bildungsstreik, Ziel ist es aber alle Schichten auf die Problematik aufmerksam zu machen. "Es ist uns wichtig, Transparenz zu schaffen. Gerade bei wissenschaftlichen Themen, damit sie auch jeder versteht", sagt die Physikstudentin.
Fridays for Future ist komplett parteiunabhängig. Niedeggen und ihre Mitstreiter möchten nicht instrumentalisiert werden. Selbst Spenden von Parteien lehnen sie aus Prinzip ab. Wird Geld benötigt, gibt es ein bundesweites Spendenkonto, aus dem kleinere Mittel beantragt werden können. Hin und wieder gehen die Schüler auch mit nachhaltigen Unternehmen Kooperationen ein oder sie nehmen das Angebot für ein Benefizkonzert an. Wie in Aachen, wo neben den Rednern auch Culcha Candela und Brass Riot auf der Bühne standen.