Hirschhorn: Feines im Fachwerk ist bald Geschichte
Von Elisabeth Murr-Brück
Hirschhorn. Es ist endgültig. "Die Zeiten sind rum", sagt Ludwig Heyer. Nach dem 31. März wird es "Feines im Fachwerk" nicht mehr geben. Der Grund ist erschreckend einfach: Es lohnt sich nicht mehr. Zu wenige Kunden kommen in das kleine Geschäft am Anfang der Hauptstraße. Schwer nachvollziehbar, wenn man es betritt.
Was zuerst ins Auge fällt, ist eine Menge hübscher Kleinigkeiten: Deko-Artikel, hübsche Dinge, die man brauchen kann, Nützliches, das auch nett aussieht. Die Wand hinter dem Tresen: Tee in einer Menge und Vielfalt, die allein schon einen Besuch lohnt, in den Regalen kulinarische Spezialitäten. Je mehr man sich umsieht, desto mehr entdeckt man, wird überrascht von der Vielfalt des Angebots und einer Qualität, die sich auch in einer Großstadt nicht oft so konzentriert findet. Aber Hirschhorn mit 3600 Einwohnern ist keine Großstadt, was erst einmal kein Problem war.
Die leidenschaftlichen Teetrinker Hannelore und Ludwig Heyer, dachten irgendwann, dass ihr über die Jahre gesammeltes Fachwissen auch anderen zugute kommen sollte, am 21. Juni 2003 eröffneten sie in der Hirschgasse ihr Geschäft "Tee am Turm". Wer Tee braucht, braucht auch Tassen und Kannen und Kandis und was Gutes dazu. Hannelore und Ludwig Heyer fahren auf Messen und Märkte, immer auf der Suche nach neuen Geschmacks-Erlebnissen, im Sommer für das Weihnachtsgeschäft, gleich nach Weihnachten für die Sommer-Ware. Sie sind auf der "Bio-Fach" in Nürnberg, "weil wir selber so drauf sind", sie treffen Kollegen und Fachleute und lernen Hersteller kennen, die die gleiche Einstellung haben wie sie selbst: Hingabe und Leidenschaft für ihre Produkte und Anspruch auf höchste Qualität.
Das setzt eine Ketten-Reaktion in Gang: Eine kleine Manufaktur kennt einen Betrieb, der hochwertiges Olivenöl produziert, der ein Weingut mit Bio-Weinen, dort treffen sie einen Pesto-Hersteller, der weiß, wo es ganz besonderen Essig gibt… Das Sortiment wächst und mit ihm die Zahl der Leute, die das zu schätzen wissen. Stammkunden kommen jetzt schon aus Eberbach, Beerfelden, Neckargemünd und sogar aus Heidelberg. In Hirschhorn sind die Sachen im Schnitt ein paar Euro günstiger: "Auf dem Land ist die Schmerzgrenze niedriger."
2012 dann der Umzug in die Hauptstraße 24. Schon einmal war hier ein Traditionsgeschäft, "die Blumen-Else", eine Hirschhorner Institution. Nach der Renovierung ist das Haus ein Hingucker, die alten Gewölbe von aus dem 15. Jahrhundert das perfekte Ambiente für das Teelädchen, das längst mehr ist; "Feines im Fachwerk" ist angekommen.
Es lief gut die ersten Jahre, Hannelore und Ludwig Heyer wissen, was Menschen möchten, noch bevor die es selbst wissen. Bereits fertig zusammengestellte Geschenke, nett verpackt oder Hilfe beim Zusammenstellen haben so manches Schenk-Problem in reine Schenk-Freude verwandelt, passende Dosen, Gläser und Körbe konnte man hier auch finden: der Rundum-Schenk-Service kam gut an.
Doch bei allem Engagement gibt es Dinge, die man selbst nicht beeinflussen kann. In allen Städten kämpfen privat geführten Geschäfte ums Überleben. "Junge Leute erledigen ihre Einkäufe meist auf dem Arbeitsweg", sagt Ludwig Heyer. Oder im Internet.
Seine Stammkundschaft war immer schon etwas älter, aber jetzt sind viele so alt, dass sie aus dem Umland nicht mehr selbst mit dem Auto kommen können. "Hier gibt es keinen Wachstumsfaktor", sagt Heyer. Hirschhorn allein hat nicht genug Einwohner für einen ausreichend großen Kundenkreis. Überlebenswichtig sind die Touristen, die Sommersaison geht von Ostern bis Oktober, wenn das Wetter gut ist, dazu kommt noch das Weihnachtsgeschäft. Dazwischen ist tote Hose. Seit die Burg Hirschhorn renoviert wird, gibt es dort keine Hochzeiten mehr und keine Hochzeitsgäste, die durch den Ort flanieren; als Kunden fehlen sie nicht nur für "Feines im Fachwerk". Auch sie kauften hier gerne, es fand sich etwas für alle und für jeden Anlass.
"Schenken heißt, einem anderen etwas geben, was man am liebsten selbst behalten möchte": Das Zitat von Selma Lagerlöf auf der Homepage beschreibt den Charakter des kleinen Ladens, den es bald nicht mehr geben wird.