Heidelberger Künstlerinnenpreis: Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt
Von Simon Scherer
Heidelberg. In eigene Welten entführt werden, die uns gleichzeitig den Spiegel vorhalten. Mit solchen Worten beschrieb Egbert Hiller (Deutschlandfunk) in seiner Laudatio das kompositorische Schaffen von Elena Mendoza. Richtig ins Schwärmen geriet er, als er von ihren pulsierenden Organismen erzählte, glühenden Fantasiegebilden, die immer der Macht der Gewohnheiten entfliehen und Grenzbereichen nachspüren.
Die künstlerische Befragung der Welt und das Infragestellen von Wirklichkeiten waren auch für die Jury Anlass, den 32. Heidelberger Künstlerinnenpreis an die gebürtige Spanierin zu verleihen, wie Kulturbürgermeister Joachim Gerner zitierte. Dass dieser Preis zunehmend international ausgerichtet wird, freute nicht nur Intendant Holger Schultze, der auch das weltweite Alleinstellungsmerkmal dieser Auszeichnung hervorhob: ausschließlich für Komponistinnen.
Hillers hervorgehobenes Motiv des Spiegels war bereits im Namen des Werkes enthalten, das den Mittelpunkt des 5. Philharmonischen Konzerts einnahm: "Salón de espejos" setzt sich akustisch mit dem "Spiegelkabinett" auseinander. Wurde im vorgelagerten Künstlerinnen-Dialog über das Dialogisieren zwischen links und rechts gesprochen, befand man sich im Werk selbst augenblicklich im Zustand der Verwirrung. Überall dieses wispernde Gehackere, verschiedenste Akzente aus allen Richtungen, was demonstrierte, aus welch konträren Strömungen sich ein Orchester zusammensetzt. Ohne speziellen Anlass entstand dieses Bild, dessen Bestandteile flüssig übereinander geschichtet wurden.
Entwicklungen gab es trotzdem: Es wurde dringlicher, massiver, konkreter. Während die zwei gegenüber positionierten Flügel stellvertretend für die Spiegel standen, veranschaulichte das Orchester die Folgen dieser Spiegelungen: ein diffuses Wirrwarr von allerlei Klangerzeugnissen, die unvermittelt ins Geschehen einbrachen. Doch immer stärker machte sich ein Bewegungsimpuls bemerkbar, der unaufhörlich weiter voranschritt und womöglich einen Ausweg aus diesem Chaos aufzeigte. Der Fantasie waren beim Zuhören keine Grenzen gesetzt.
Weitaus transparenter gestaltete GMD Elias Grandy zuvor den Einstieg in Bartóks 2. Klavierkonzert, in das sich Tzimon Barto wie ein weiteres Orchesterinstrument einreihte, an deren Stimmen er sich bisweilen geradezu anschmiegte. Mit einer lebhaften Blechtruppe und aufgewecktem Holz entstand ein Gesamtgebilde mit zahlreichen Stimmungsabschnitten, auf die sich Bartos Anschlagsimpuls vortrefflich einstellte. Zwischen schrillen Attacken mit Signalwirkung hätte Grandy lediglich die Ruhemomente stärker hervorkehren können, da er insgesamt äußerst zügig unterwegs war, was öfters zu einer Koordination auf dem Gradmesser führte.
Wesentlich inhaltsstärker als das Allegro ist das Adagio, wo bereits die Streicher für undurchsichtige Sphären hervorragende Klangarbeit leisteten. Kongenial fiel der Solist in diese Aura ein: suchend, reflektierend, nach vorne denkend. Eindrücklich auch sein unnachgiebiges Hämmern aus sichtbarer Muskelkraft. Ein ganz besonderer Moment kam, als seine an Wasserspiele erinnernden Triller auf wundersame Weise mit der restlichen Klangkulisse verschwammen. Brutal herausgerissen haben die Paukendonnerschläge des Allegros.
Verwöhnt wurde man abschließend mit Brahms’ 2. Sinfonie, die selten in so lieblicher Idylle erblüht. Süßlichste Streicherfarben entlockte Grandy seinem Orchester, lotete sämtliche Gefühlslagen aus, wenn er das melancholische Hauptthema ungewohnt zügig nahm und auch später nicht mit straffer Strenge geizte.
Hochemotional waren diese im wohlig-warmen Streicherklang nachskizzierten Gefühlswallungen. Für solch anrührende Spielkultur bewiesen die Philharmoniker ein glückliches Händchen, das tief im Herzen liegende Regungen erreichte. Nach Biss im Allegretto und voluminösem Finale blieb es weiterhin ein Brahms zum Wohlfühlen.