Amon Göth-Enkelin in Mosbach: Der sadistische Massenmörder, der Großvater
Von Gabriele Eisner-Just
Neckarelz. Es ist ein besonderes Buch, es ist eine außergewöhnliche Geschichte: Vom Verein "KZ-Gedenkstätte Neckarelz" eingeladen, las Jennifer Teege am Sonntag aus "Amon - Mein Großvater hätte mich erschossen". Darin verarbeitet sie ihre eigene Geschichte: Die Autorin ist die Enkelin des KZ-Kommandanten Amon Göth, der im Konzentrationslager Plaszow bei Krakau Tausende Menschen quälte, ermordete oder ins Vernichtungslager Auschwitz schickte.
Die Stühle im Veranstaltungsraum der KZ-Gedenkstätte Neckarelz reichten bei Weitem nicht aus, so groß war das Interesse an der Veranstaltung der Gedenkstätte und des Vereins "Herz statt Hetze Neckar-Odenwald". Zurecht, wie sich zeigen sollte - denn die Geschichte von Jennifer Teege ist ungewöhnlich und hoch dramatisch.
Die dunkelhäutige Autorin - Vater Nigerianer, Mutter Deutsche - entdeckte im Jahr 2008 in einer Hamburger Bibliothek ein Buch mit rotem Einband, darauf das Foto ihrer leiblichen Mutter. Diese hatte sie zur Adoption freigegeben und ihr bei einigen spärlichen Kontakten nie etwas über die Familiengeschichte erzählt. Beim Bibliotheksbesuch vor etwa zehn Jahren fand Jennifer Teege also erst heraus, was bisher ein Geheimnis war: Amon Göth, der jähzornige, grausame KZ-Kommandant, bekannt aus dem Film "Schindlers Liste", war ihr Großvater!
Der jungen Frau zog es mit diesem Wissen erst einmal den Boden unter den Füßen weg. Nach der Entdeckung ihrer familiären Wurzeln stellte sie sich die Frage: "Was soll ich, mit meiner dunklen Haut, mit Freunden auf der ganzen Welt, bloß mit diesem Großvater? Kann es sein, dass ein Toter immer noch Macht hat über die Lebenden?"
Sie fuhr nach Krakau, besuchte die Kommandantenvilla im Lager Plaszow, legte einen Blumenstrauß am Mahnmal nieder, um die Opfer zu ehren. Sie setzte sich intensiv mit Amon Göth und ihrer Großmutter Ruth Irene Kalden auseinander, recherchierte, las, schaute Dokumentationen an. Sie ging auf Spurensuche, auch bezüglich ihrer Mutter Monika, die Jennifer mit vier Wochen ins Kinderheim abgegeben hatte.
Schließlich gab Jennifer Teege ihren Job in der Werbebranche auf und arbeitet seither als Rednerin und Autorin. Sie veröffentlichte 2013 ihr Buch, ist mit Lesungen, Vorträgen und auf Workshops unterwegs, um Menschen zu erreichen "Es genügt nicht, Fakten zu kennen, sondern Menschen müssen wirklich in der Tiefe verstehen, was in dieser Zeit geschehen ist", sagt sie.
"Als Botschafterin im In- und Ausland sehe ich mich in der Pflicht darauf hinzuweisen, was passieren kann." Zum Beispiel, dass Organisationen und Pressefreiheit in einigen Ländern ausgehebelt werden und der Rechtspopulismus wächst. Ihre Tätigkeit sieht sie als Beitrag zur Werteerziehung der jungen Generation.
"Was ist Familie - was wir erben oder was wir teilen?", dieser Gedanke zog sich durch die Veranstaltung wie ein roter Faden. "Es gibt kein Täter-Gen, keine biologischen Gründe dafür, wie KZ-Täter handelten", sagte Dorothee Roos, Vorsitzende des Vereins KZ-Gedenkstätte Neckarelz eingangs. "Dennoch gibt es ein tiefes Erschrecken über den sadistischen Massenmörder, den Großvater. Das Bild, das man von sich selbst hat, wird in Frage gestellt."
Jennifer Teege hat sich der Last der Vergangenheit gestellt. Ihr Rat an die Besucher: "Nehmen Sie heute eines mit: Familiengeheimnisse beeinflussen uns auf einer unterbewussten Ebene; Scham, Schuld und negative Gefühle wirken weiter. Lüften Sie Familiengeheimnisse, nutzen Sie Gelegenheiten, Ältere zu fragen!"
Ausführlich beantwortete die Autorin die Fragen des Publikums. Ob es auch negative Rückmeldungen gebe? "Im persönlichen Kontakt eher nicht, in den Social Media jedoch in erschütternder Weise." Ob sie Kontakte mit anderen Täter-Enkeln habe? "Ja, ich habe Kontakte, weil es so viele Täter gab", sagte sie. Die Nachkommen gingen unterschiedlich mit diesem Wissen um, einige hätten sich gar sterilisieren lassen, um die Blutlinie zu beenden.
Dabei sei Täterschaft nichts Genetisches und die Geschichte müsse sich nicht wiederholen. Teege erzählte, wie sie einige Zeit nach der erschütternden Entdeckung wieder Kontakt zu jüdischen Freunden aufnahm und sogar gemeinsam mit Schülern aus Israel das Mahnmal in Plaszow besuchte. Im Prozess der Aufarbeitung und Aussöhnung sei der Täter-Opfer-Dialog wichtig, aber auch das Benennen von Taten, Tätern und Mittäterschaften.
Zum Schluss las Jennifer Teege noch einen Abschnitt aus ihrem Buch vor, in dem es um ihre Großmutter Ruth Irene Kalden geht, die einzige verlässliche Bezugsperson der Autorin in ihrer frühen Kindheit. Diese lebte in den 1940er-Jahren in der Kommandantenvilla ein Leben im Luxus und verschloss die Augen fest vor alldem, was um sie herum vorging. Ein weiteres Drama nahm seinen Lauf, als sie nach einem Interview im Umfeld des Films "Schindlers Liste" die Vergangenheit nicht mehr leugnen konnte: Die schwer kranke Ruth nahm sich 1983 das Leben.
Jennifer Teege jedoch fand eine Lösung für das Gefühlschaos zwischen Identifikation und Abgrenzung, Scham und Zuneigung zur Großmutter: Sie konnte zu einer inneren Haltung kommen, die weder verleugnet noch schönredet, sondern einen gangbaren Weg weist. Beeindruckend.
Info: Zum Holocaust-Gedenktag (27. Januar) ist der neu aufgelegte Film "Schindlers Liste" im "Kinostar" Neckarelz zu sehen.