Rhein-Neckar Löwen: Kiel spukt schon bei der Weihnachtsfeier durch die Köpfe
Von Tillmann Bauer
Mannheim. Die dicke Winterjacke hatte Andy Schmid (35) schon an. Der schwarze Reißverschluss war bis oben zugezogen, in der Hand hielt der Spielführer der Rhein-Neckar Löwen einen kleinen Becher mit einem Espresso. "Sonst schlafe ich ein", lachte er in seinem Schweizer Akzent, als er sich den Fragen der Journalisten stellte. Ob dies einen direkten Zusammenhang zur Spielweise der Stuttgarter beim 34:29-Heimsieg der Löwen hatte oder es doch nur auf die hohe Belastung in den vergangenen Tagen zurückzuführen war, blieb offen.
Auch wenn die Szenerie mit Becher in der Hand ein bisschen an einen entspannten Glühweinumtrunk erinnerte, so richtig in Weihnachtsstimmung ist Schmid noch nicht. "Klar freut man sich ein paar Tage mit der Familie zu verbringen", sagte er, "aber es ist beschissen, dass das Kiel-Spiel jetzt so liegt." Denn wenn die Festtage vorbei sind, kommt es am 27. Dezember zum Spitzenspiel beim Rekordmeister. Das "Weihnachtsspiel" sei eh immer speziell, so Schmid - und dass gerade zu diesem Zeitpunkt die "schwierigste Auswärtsaufgabe der Saison" ansteht, kommentiere er so: "Da hat es uns wieder böse erwischt."
Dass man die Reise in den Norden mit zwei Punkten mehr im Gepäck antreten kann, hatten die Löwen auch einem starken Mikael Appelgren zu verdanken, der in der Schlussphase wichtige Bälle entschärfte und mithelfen konnte, den Erfolg gegen die Schwaben zu sichern.
"Das war ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk", sagte der Schwede, "an Heiligabend kann man sich bestimmt ein bisschen was gönnen, danach denken wir aber direkt an Kiel." Voller Fokus also auf das spezielle Weihnachtsspiel, das in diesem Jahr wahrscheinlich noch spezieller wird, weil Linkshänder Alexander Petersson verletzt ist. Nachdem der Mittelfinger an der Wurfhand des Isländers gegen Stuttgart kurzzeitig ausgekugelt war und folglich stark anschwoll, wagte sein Kapitän Schmid eine Ferndiagnose: "Ich kann mir kaum vorstellen, dass er spielen kann", sagte er, "der Finger war so dick wie mein Handgelenk."
Ob mit oder ohne Petersson - durch einen Sieg an der Ostsee könnte man, was die Minuspunkte angeht, die Kieler hinter sich lassen. "Das haben wir natürlich im Hinterkopf", gab Kreisriese Jesper Nielsen zu, der im Duell mit dem THW auf seinen Vorgänger Hendrik Pekeler, der seit diesem Jahr als Zebra aufläuft, trifft. Weil man ja zuhause gegen Kiel verloren habe, so Torhüter Appelgren, müsse man im Gegenzug dort nun die Punkte holen: "Die Kieler spielen eine gute Abwehr. Patrick Wiencek und unser lieber Hendrik Pekeler schlagen echt hart zu." Darauf müsse man sich einstellen.
Mental sollten die Gelben damit bestenfalls direkt nach der Bescherung beginnen, denn Andy Schmid weiß, dass man in der Ostseehalle "im Kopf voll da sein muss." Vielleicht tut es aber auch dem ein oder anderen Spieler mal ganz gut abzuschalten, auf andere Gedanken zu kommen und mit der Familie entspannt einen Glühwein - oder Espresso - unterm Weihnachtsbaum zu schlürfen, bevor dann die große Aufgabe ansteht. Also erst das Vergnügen, dann die Arbeit.