Mannheimer Kunstverein: Einer Katastrophe auf der Spur
Von Milan Chlumsky
Mannheim. Susanna Hertrich hatte die Chance, von mehreren wissenschaftlichen IT-Gesellschaften in Japan und China eingeladen zu werden. So erhielt sie schon 1999 ein Stipendium in Japan, um Projekte durchzuführen, die im Bereich der Computertechnologie, Computerphilosophie, Medienkunst und Informatik angesiedelt sind. Als es 2011 zu der Katastrophe in Fukushima kam, fühlte sie sich stark betroffen. Später, erneut mit einem Künstlerstipendium in Tokyo weilend, sah sie mit eigenen Augen, wie dieser enorme Gau die Menschen verändert hatte.
Japaner haben eine besondere Erfahrung mit Tsunamis, Erdbeben und Vulkanausbrüchen, sie reagieren auf solche Naturereignisse anders als etwa Mitteleuropäer. Möglicherweise haben sie, im Laufe der Jahrhunderte, eine besondere Empfindlichkeit dafür entwickelt, auch bei den kleinsten Erdbeben alle ihre Sinne in Alarmbereitschaft zu bringen. Auf jeden Fall werden in den japanischen Großstädten präventive Schulungen durchgeführt.
In Susanna Hertrichs Ausstellung zeigt sie einen Film, in dem eine Person in weißem Schutzanzug (die ebenfalls in der Schau zu sehen ist) durch die leeren Straßen von Fukushima läuft. Mit einem Geigerzähler (ist es tatsächlich einer?) misst sie die Radioaktivität und bestätigt, dass die Gegend kontaminiert ist. Keine große Neuigkeit nach Tschernobyl, und was schließlich den künstlerischen Wert angeht, eher kein großer Ausschlag nach oben.
Ähnliche Zweifel entstehen, wenn man versucht, einige Objekte aus dem Bereich der optischen Wahrnehmung künstlerisch zu deuten. Ist die aufwendige Installation mit verschiedenen Linsen ein Versuch, das Sehen und die individuelle Wahrnehmung im Sinne eines Kunstexperiments auf ein neues Level zu hieven? Oder bloß Effekthascherei, wie in Zerrspiegeln auf Jahrmärkten? "Ob sich die Naturwissenschaften künstlerischen Methoden annähern, weiß ich nicht. Dazu kann ich keine Aussage machen, halte das aber für ein gewagtes Statement", so die Künstlerin.
Dies macht in ihren Projekten keinen Unterschied: "Alle meine Arbeiten sind Kunstprojekte. Einige sind im Rahmen von Forschungsaufenthalten entstanden, und damit erlangen sie noch eine Art ,zweite Existenz‘. Damit meine ich, dass sie eben auch noch als wissenschaftliche Publikation, zum Beispiel als Konferenzpapier existieren bzw. veröffentlicht wurden. Mit dem Papier oder der Publikation ist dann ein Prozess für die Forschungsinstitution abgeschlossen. Als ,Artwork‘ existieren dieselben Arbeiten aber weiter, zum Beispiel in dieser Ausstellung."
Nun ist es ein Irrtum zu glauben, dass es in der Forschungsarbeit keine Werteskala gibt und dass sie, einmal abgeschlossen, ad acta gelegt wird, um anderswo als Kunstwerk zu existieren. Eine Forschungsarbeit hat immer ein Ziel: das Existierende zu verbessern oder zu vereinfachen, es effizienter oder auch kostengünstiger zu erstellen. Kategorien, die in der Kunstdomäne nichts zu suchen haben.
Dafür aber bringt ein gelungenes Kunstwerk eine ganze Reihe von ästhetischen (oder auch poetischen) Funktionen ins Spiel, die, einmal entdeckt und verstanden, von einem Individuum als Bereicherung an Erkenntnis (oder auch Erfahrung) empfunden werden.
Die Ausstellung "Die Abhängigkeit unseres Weltbildes von der Länge unseres Moments" soll zwischen künstlerischer und naturwissenschaftlicher Forschung angesiedelt sein. Die Lektüre der beigelegte Aufsätzen von Mensch-Maschinen-Symbiosen über Signalwelten und künstliche Emotionen bis zur Kybernetischen Anthropologie verlangt nach profunden Kenntnissen in Psychologie, Kybernetik, Philosophie und Soziologie. Sind diese nicht vorhanden, bleibt vieles unverständlich.
Die Kunst beruft sich auf anthropologische Werte jedes Menschen und steht außerhalb jeder möglichen Mensch-Maschinen-Symbiose. Es genügt zu wissen, dass auch ein durch Alzheimer - oder auch durch schlimmere Schäden des Hirngewebes - geschädigtes Individuum auf Harmonie, Einklang und Ausgewogenheit (etwa farbliche) reagiert. Auf pragmatische, emotionslose und rein funktionale Reize reagiert es nicht. Die Kunst erfüllt diese erste Prämisse. Die Maschine nicht.
Info: Susanna Hertrich: "Die Abhängigkeit unseres Weltbildes von der Länge unseres Moments". Mannheimer Kunstverein, bis 13. Januar. www.mannheimer-kunstverein.de