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Los! | Trau Gitte nicht

Die Philosophin Anne Dufourmantelle sprang als Retterin ins Meer, starb dabei und hinterließ uns ihr „Lob des Risikos“

Wenn Kerouacs On the Road aus dem Jahr 1957 das Kultbuch der Himmelsstürmer ist, darf Tolstois Der Tod des Iwan Iljitsch (1886) als Bibel aller Verzagten gelten. Sein Lebtag vegetiert Iljitsch klagend dahin bis zum Tage, an dem sich die Hinterbliebenen, ein elendes Häuflein missmutig Vereinter, am Grabe versammeln und sich Gutes – nur Gutes – eingedenk des Toten abringen. Der Tote aber liegt da unten in Samt und Seide gebettet und lässt einen letzten Seelenseufzer gen Himmel entfliehen: „Endlich ist es vorbei, dieses elende Dasein!“ Der da liegt, bereut, dass er das falsche Leben gelebt, sich selbst im Panzer der ewigen Wiederholung verschlossen hat, anstatt hinabzufahren in die Hölle, um tausend Tode zu sterben, sich dafür zeitlebens lebendiger gefühlt hätte.

Taut Eure Hirne ab

Iwan Iljitsch und uns anderen Zögerlichen und Zaghaften möchte man das Lob des Risikos in die Hand drücken. Anne Dufourmantelles Buch ist nicht einer von diesen Ratgebern, die den leuchtenden Horizont im sicheren Stand-by-Modus versprechen – solange man nur sein Karma pflegt und regelmäßig die (Selbst-)Achtsamkeits-Liste abarbeitet. Das unselige Gitte-Mantra „Ich-will-alles-und-noch-mehr“, und zwar bittschön ganz ohne Risiko, ist der größtmögliche Glücksverhinderer überhaupt. Es lässt uns ewiglich dem optimalen Lebensabschnittsgefährten oder dem bedingungslosen Grundeinkommen hinterherhecheln. Will ich noch ein Kind oder keins? Irgendwann ist man alt wie geplant, hat die Zeit aber mit Risikovermeidung vergeudet.

„Wie lassen sich tote Körper und eingefrorene Denkweisen wieder entbalsamieren?“, fragt die Philosophin Anne Dufourmantelle. In ihrem Plädoyer für das Ungewisse, so der Untertitel, leitet sie dazu an, den gebührenden Abstand sowohl zur Hoffnung als auch zur Niedergeschlagenheit zu halten. „Ataraxie“ heißt ihr Schlüsselwort, mit dem wir dem Leben begegnen sollen. Mit stoischer Entschlossenheit sollen wir das zulassen, „was hier und jetzt auf unser Begehren trifft“. Obwohl niemand gern daran erinnert wird, „dass die Freiheit hier und jetzt greifbar ist. Nicht morgen, nicht anderswo, sondern sofort.“ Dufourmantelles Lob des Risikos ist als Gegengift zur neurotischen Aufschieberitis gedacht und gegen die Angst, die Gunst der Stunde auch wirklich zu ergreifen, wenn sie schlägt.

Entgegen dem Zeitgeist spielt Anne Dufourmantelle mit dem Begriff des Risikos jenseits eines Risikomanagements, in dem wir so versiert sind. Anstatt alles Unvorhersehbare als Damoklesschwert zu betrachten, das jederzeit auf unsere Köpfe niedersausen könnte, sollten wir es als Bereicherung betrachten. Erst wenn wir uns das „Risiko“ einverleibten, gewännen wir an Souveränität. Dufourmantelle fordert uns auf, das Risiko als ein „reines Ereignis“ zu begreifen und die Schönheit und Tiefe des Ausdrucks „risquer sa vie“ zu erkennen und dessen Paradoxie: sein Leben zu riskieren bedeutet für Dufourmantelle nämlich, sich dem Sterben zu verweigern: „einem Sterben zu Lebzeiten, durch verschiedene Formen des Verzichts, schleichende Depressionen und Aufopferung.“

Die Leidenschaft verkörpert das Risiko, denn sie erfordert Hingabe und Schmerzbereitschaft. Dufourmantelle bricht mit der allgegenwärtigen Warnung vor Passion, sie plädiert für Liebe und Wahn und dafür, dem Diabolischen wieder einen Platz im Leben zu gewähren, denn es wird „ohnehin ein Platz für das Böse bleiben. Wir werden nicht im Voraus erlöst.“ Die Philosophin und Psychoanalytikerin feiert das Imperfekte. Wir sollen uns versöhnen mit unseren Ängsten und Abhängigkeiten – und anstatt sie zu bekämpfen, kunstvoll zu gestalten lernen. Die Liebe sei eine solche „Kunst der Abhängigkeit“. Dem Vernunft-Mantra des Loslassens, der Auslöschung der Sucht setzt Dufourmantelle eine „schwache“ Ethik entgegen, „Phasen der Mikro-Abhängigkeit“, „winzige Landschaften heftigster Verbundenheiten mit ein paar Luftblasen, leicht wie Libellenflügel“.

Das ist Poesie, das ist Leichtigkeit, das ist ein Lob des vermeintlich schwachen Charakters, der heute nirgends mehr en vogue ist, sondern meist ein Fall für die Psychotherapie. „Den Teufel zu unterschätzen, ist gefährlich; zu glauben, dass die Versuchung allein durch Willenskraft zu bändigen sei, vergeblich.“ Wenn wir diese Gewissheit zu unserem Glück in die Tat umsetzen wollen, müssen wir Ungehorsam erlernen und uns aus unserer freiwilligen Unterwerfung unter unser risikoloses Leben befreien. Die Sprache sei ein Mittel, ein wertvolles Instrument des Ungehorsams, sagt Dufourmantelle. Sie verleite uns jedoch dazu, im Sprachlichen gefangen zu bleiben. Die Überstrapazierung des Sprachlichen führe zu Scheinheiligkeit. Der couragierte Bürger predigt zwar Ungehorsam, handelt aber nach dem Prinzip der maximalen Sicherheit. So ungefähr, denkt man: Das Juste Milieu testet auf Facebook die Stimmung, Journalisten fischen Argumente, Ideen, um sich abzusichern bei der Hoheit der Community. Wer ganz auf Nummer sicher gehen will, kombiniert den herausgefilterten Trend mit dem wieder hoch im Kurs stehenden argumentum ad auctoritatem. Die Berufung auf Autoritäten in Kombination mit der Filterblase lässt das Risiko der „eigenen“ Meinung fast gegen null gehen.

Süße Unverschämtheit

Ein Beispiel: der Fall Avital Ronell (der Freitag, 34/2018). Die wegen sexueller Belästigung angeklagte, inzwischen suspendierte Harvard-Professorin war eine hochgeschätzte Kollegin. Dufourmantelle beschritt allerdings einen eigenen Weg, während Ronell eine dezidierte Derrida-Epigonin wurde. Wie sich Dufourmantelle in der Sache Ronell positioniert hätte, wer weiß. Dass sie sich proaktiv einem Trupp solidarisch sich gebärdender Postmodernen-Anhänger angeschlossen hätte, darf man bezweifeln. Dufourmantelle ermutigt uns, auszubrechen aus dem neuen Konformismus des Nonkonformismus: „Der Ungehorsam ist ein Durchqueren von Trugbildern.“ Diese „süße Unverschämtheit“ finden wir im Traum und im Humor. Die poststrukturalistische Differenz nahm Dufourmantelle beim Wort. Nicht die große Geste zählt. Das wirkt langweilig, auch sehr weiblich, katholisch wie ein Kinderstreich, dem man dem Leben spielt: Guck mal, da läuft es, das Leben, mit dem Kaugummi auf dem Popo!

Schaut man jedoch zurück ins Jahr 2017, als Anne Dufourmantelle, diese zarte, die Sanftheit preisende, starke Frau ins Meer sprang, um zwei Kinder vor dem Ertrinken zu retten und dabei selbst ihr Leben verlor, dann weiß man, dass jedes Wort in diesem posthum veröffentlichten Buch Wahrheit ist. Ein früher Tod, ein selbstloser Tod, ein furchtloser Tod im Angesicht der Unbeherrschbarkeit des Lebens: „In der Intensität des Gelebten aber liegt ein unendlicher Zugewinn an Zeit. Eine Gnade, a mercy.“

Info

Lob des Risikos: Ein Plädoyer für das Ungewisse Anne Dufourmantelle Nicola Denis (Übers.), mit einem Vorwort von Joseph Hanimann, Aufbau 2018, 315 S., 20 €

Zu den Bildern

Die Bilder dieser Beilage stammen aus dem Fotoprojekt „The Broken Sea“ von Nata Sopromadze und Irina Sadchikova.

Nata Sopromadze wurde in Sochumi geboren, das ist die Hauptstadt der Autonomen Republik Abchasien am Schwarzen Meer. Nata war 12 Jahre alt, als die Familie nach Tiflis floh und alles zurücklassen musste. Seither hat Nata die Orte ihrer Kindheit nie wieder gesehen, sie darf in ihre Heimat nicht einreisen.

Ihre Freundin Irina Sadchikova ist in der Ukraine geboren, sie lebt derzeit in Moskau. Irina hat die Orte von Natas Kindheit besucht und fotografiert. Nata benutzte die Filme, sie fotografierte damit ihr Leben, ihre Kinder und sich, ohne zu wissen, was sie doppelbelichtet. Entstanden sind traumschöne Zufallsaufnahmen, ein Manifest für die Freiheit.The Broken Sea ist nominiert für den Unseen Dummy Award, mehr Information gibt’s hier: www.brokensea.photoshelter.com

Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.



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