Rhein-Neckar: Viele Aufträge, aber zu wenige Fachkräfte
Von Carsten Blaue
Rhein-Neckar. Der Stammkunde aus Weinheim muss noch warten. Beim Installationsbetrieb seines Vertrauens aus der Region hat er den Einbau einer neuen Dusche in Auftrag gegeben. Am Dienstag sollte die Firma anrücken, wie er der RNZ schilderte.
Doch der Mitarbeiter, der auf die Montage des bestellten fugenlosen Wannensystems spezialisiert ist, verletzte sich. Und andere hätten damit nicht so viel Erfahrung, habe der Firmenchef gesagt. Also stellte sich der Kunde darauf ein, warten und sich in Geduld üben zu müssen. Denn auf einen neuen Termin ließ sich der Fachbetrieb nicht festlegen.
Man werde aber anrufen, sobald man es absehen könne, hieß es. Das ist kein Einzelfall: "Es gibt kaum eine Firma, die nicht nach Fachkräften sucht", sagt Detlev Michalke, Sprecher der Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar Odenwald. Auch der Nachwuchs ist rar.
Anfang der Woche schlug der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) Alarm und sprach von rund 150.000 offenen Stellen. Jedes Jahr würden zudem zwischen 15.000 bis 20.000 Auszubildende fehlen. "Derzeit sind die Auftragsbücher unserer Betriebe teils so sehr gefüllt, dass sie sogar schon Aufträge ablehnen müssen, weil sie schlicht nicht genügend Fachkräfte haben, um alles abzuarbeiten", berichtete der ZDH. Fast die Hälfte der Firmen habe Schwierigkeiten, Personal zu finden. Der Grund ist schon lange bekannt: "Über viele Jahre haben sich zu wenig Jugendliche für eine Lehre im Handwerk entschieden." Sie wollen nach dem Abi lieber studieren.
"Das, was der Zentralverband kundgetan hat, kann ich für unseren Kammerbezirk nur bestätigen", sagte Michalke auf RNZ-Anfrage. Es gebe allerdings zwischen einzelnen Berufen und einzelnen Betrieben Unterschiede. Der hiesige Kammersprecher stellte fest, dass immer weniger junge Menschen auch aufgrund der "Ausrichtung der Gymnasien" ins Handwerk streben würden: "Zwar versuchen wir, das Handwerk und seine Betriebe zu unterstützen, aber wenn Gymnasiasten erst das Abitur haben, ist der Weg an die Universität vorgezeichnet. Es wird wohl so kommen, dass man für eine Handwerkerstunde erst das Doppelte und Dreifache zahlen muss, damit die Wertschätzung fürs Handwerk steigt."
Bei den Kunden nehme der Frust vor allem aufgrund der langen Wartezeiten und gleichzeitig hohen Rechnungen zu, sagte Claus Michelsen, Konjunkturexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Die Handwerker könnten sich ihre Aufträge aussuchen und entsprechend hohe Preise aufrufen. Der jahrelange Unterbietungskampf der Betriebe habe sich inzwischen ins Gegenteil verkehrt. "Es gibt definitiv keinen Preiswettbewerb mehr", bekräftigt Jochen Stoiber von der Architektenkammer Baden-Württemberg.
Die Verbraucherzentrale im Land sieht allerdings keine negativen Folgen für den Ruf und die Arbeitsqualität des Handwerks. Dazu Matthias Bauer von der Abteilung Bau und Wohnen: "Dass da vermehrt geschludert wird, kann ich nicht bestätigen." Die Zahl der Beschwerden über Handwerkermängel oder Handwerkerrechnungen - rund 500 jährlich - sei in etwa unverändert. Der Weinheimer Kunde musste übrigens doch nicht so lange warten. Schon am Donnerstag schickte die Firma einen Installateur. Allerdings einen Kollegen des verletzten Experten.