Heidelberger Literaturherbst: Einäugig, sexy und am Ende mit viel Blut
Von Franz Schneider
Heidelberg. Im DAI war so mancher noch in Gedanken beim Dalai Lama, aber dann riss man sich zusammen und öffnete im vertrauten Kreis den Erlebnisraum des 4. Heidelberger Literaturherbstes. Wahrnehmen, Begegnen, Flanieren darf man bis Sonntag, und alles aus Heidelberg wird dabei sein, nur mit einer einnehmenden Ausnahme - und die kommt eigentlich aus Odessa.
Marjana Gaponenko ist gemeint, sie schreibt seit ihrem 16. Lebensjahr auf Deutsch und bekam schon den Adelbert-von-Chamisso-Preis. "Der Dorfgescheite" heißt ihr neuer Roman, und der spielt passend zur DAI-Library als Veranstaltungsort in einer Bibliothek, aber der eines Klosters. Hier agiert die Leidenschaft der Autorin. Denn im Gespräch mit Jutta Wagner konnte Marjana Gaponenko in ihren Sinneseindrücken aus einem weltberühmten österreichischen Stift noch einmal dahinschmachten. Die seltenen Handschriften mit ihren unentzifferbaren Buchstaben, die sie exklusiv mit weißen Handschuhen befühlen durfte, und dann die engelsgleich schönen Franziskanermönche! Ein paar Burschenschaftlern sei sie auch begegnet.
Aber nach dem Papier das Fleisch, und so hören wir von Ernest Herz, der eigentlich Scherz heißen sollte, aber der Lektor wollte es ernsthafter. Ein Bibliothekar mit nur einem Auge und darum mit einer Augenklappe für den gesellschaftlichen Schliff. Gerade das macht ihn offenbar so sexy, und zu wenig Frauen hat er darum absolut nicht gehabt. Er hat sie sogar mit ihren Basisdaten alle auf Karteikarten notiert und jetzt über, weshalb ihm das Kloster mit seinen Büchern als Rückzugsort dient.
Es darf einen natürlich nicht verwundern, dass so etwas nicht gelingen kann, und am Ende gibt es, so verspricht die Autorin, ganz viel Blut, was uns aber im DAI erspart blieb. Davor drohte der Bibliothek die böse Digitalisierung und Frauennotierer Ernest Herz wird darüber auch noch mit einem Knall oder so ähnlich völlig konservativ, wie immer man dies verstehen mag.
Marjan Gaponenko jedenfalls gefiel im DAI mit Begeisterungsfähigkeit und ausgeprägt spielerischem Talent, Eindrücke frei zu formulieren. Tapfer lässt sie sich zudem auch von ihrem ersten Verriss von des "Dorfgescheiten" nicht einschüchtern. Jemand hätte in ihm nämlich lediglich eine "Attrappe des Hochmanierismus" gesehen. Auf welche Ideen so ein Kritiker bisweilen kommt, sollte er doch einfach nur begreifen, hier lebt eine junge Frau Buch für Buch ihr Leben als Schriftstellerin aus. Somit begann der 4. Literaturherbst frisch und unbefangen.
Info: Marjana Gaponenko: Der Dorfgescheite. Ein Bibliotheksroman. C.H. Beck München 2018, 287 S., 22 Euro.