Biografie "Geheilte Seele - befreites Ich": "Ich wäre schon als Kind lieber ein Mädchen gewesen"
Wiesloch. (agdo) Schon als kleiner Junge bastelte Valerie Schnitzer aus einem Puppenbettlacken ein Röckchen und band es sich um die Hüfte. "Ich wäre schon als Kind lieber ein Mädchen gewesen", erzählte Valerie Schnitzer, die bei einer Lesung in der Buchhandlung Dörner ihre Biografie "Geheilte Seele - befreites Ich" vorstellte. Die Lesung stieß auf großes Interesse. Valerie Schnitzer kam als Bub auf die Welt und ließ vergangenes Jahr eine geschlechtsangleichende Operation vom Mann zur Frau in einer Klinik in Essen vornehmen. "Ich hatte keine Kraft mehr, als Mann zu leben, den Wunsch, eine Frau zu sein, hatte ich mein ganzes Leben und hatte zunehmend Depressionen und Suizidgedanken", erzählte die 57-Jährige, die als Ralf Schnitzer in Waldshut im südlichen Schwarzwald geboren wurde.
Eigentlich sollte die Lesung im Garten der Buchhandlung stattfinden, doch kurz nachdem Valerie Schnitzer die erste Passage aus dem Buch vorgelesen hatte, fing es zu gewittern an und die Zuhörer begaben sich ins Innere. Seit 23 Jahren ist Valerie Schnitzer am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in Eppelheim als Musikpädagogin und Studiendirektorin tätig, seit über 30 Jahren ist sie verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.
Valerie Schnitzers Frau Monika, beide kennen sich seit fast 40 Jahren, sprach ihr letztendlich Mut zu, als Frau zu leben. "Er wäre mir sonst kaputt gegangen", sagte Monika Schnitzer, die während der Lesung neben ihrer Frau saß. "Uns beide verbindet eine tiefe Liebe, die an den Menschen und nicht an das Geschlecht gebunden ist", erzählten beide am Rande der Lesung.
Schon vor der Hochzeit hatte Valerie Schnitzer ihre Frau Monika in ihr Seelenleben eingeweiht und erzählt, dass sie gerne weibliche Kleidung trägt und sich schminkt, allerdings nur in den eigenen vier Wänden und nicht in der Öffentlichkeit. Zu groß sei die Scham gewesen, das öffentlich auszuleben, wonach ihr Herz schlage, erzählte Valerie Schnitzer, die zwischen den gelesenen Passagen Fragen der Zuhörer beantwortete. Monika Schnitzer nahm das hin und dachte: "Eigentlich tragen Frauen ja auch Männerkleidung, warum also nicht auch umgekehrt", erzählte sie. Dass ihr Mann aber das ganze Leben lang lieber eine Frau gewesen wäre, das habe sie nicht gewusst. Und auch Valerie Schnitzer traute sich aus Scham damals nicht, diese Gefühle einzugestehen, und wenn sie aufkamen, wurden sie verdrängt. Valerie Schnitzer wuchs mit einer älteren und jüngeren Schwester auf.
Valerie Schnitzer ging in einzelnen Passagen auf das Gefühlsleben in ihrer Kindheit, den Beruf sowie das private Leben ein. In einer Passage schildert die 57-Jährige, wie sie als Kind vor dem Fernsehen saß und das Travestieduo "Mary und Gordy" verfolgte und sich dachte: Das sei es, die beiden lebten das aus, was auch sie sei. Die Gedanken gingen damals aber noch tiefer, sich eben nicht nur als Frau zu verkleiden, sondern eine zu sein. "Wenn ich aber zur damaligen Zeit mich jemandem anvertraut hätte, dann wäre ich in die Psychiatrie eingewiesen worden", so die Autorin. Zudem stammt die 57-Jährige aus einem katholischen und sehr konservativen Elternhaus.
Als ihre Mutter vergangenes Jahr letztendlich von ihren Wünschen und Empfindungen und der geplanten Geschlechtsangleichung erfuhr, habe sie recht gelassen mit den Worten "Dann haben wir jetzt halt noch eine Tochter mehr" reagiert. Ihr Vater hingegen habe heute noch mit der Situation zu kämpfen, erzählte die Autorin. Valerie Schnitzers zwei Kinder, der Sohn ist 26 und die Tochter 20 Jahre alt, haben sie unterstützt. Auch das Umfeld sowie die Schule hätten positiv auf die Geschlechtsangleichung reagiert, erzählte die Autorin, die drei Jahre vor der Geschlechtsangleichung eine Psychotherapie sowie eine Hormontherapie machen musste, um den letzten Schritt, die Geschlechtsangleichung, durchführen zu können.
Die Hormone muss die 57-Jährige ihr Leben lang nehmen, erzählte sie, deren Stimme noch daran erinnert, dass sie einmal ein Mann war. An der Stimme werde sie operativ nichts verändern, denn die Operation sei zu riskant und man könnte die ganze Stimme verlieren, so Schnitzer. Auf dem Namen "Valerie" kam übrigens Ehefrau Monika Schnitzer, denn im lateinischen bedeutet "valere" gesund sowie stark sein. Aufgrund der großen Resonanz findet eine weitere Lesung am Mittwoch, 19. September, in der Bücherei Dörner statt.
Info: Die Biografie "Geheilte Seele - befreites Ich" erschien im Rabenwaldverlag mit der ISBN 9783 9611 1516 7.