Neuer Übersetzerpreis: Goethes "Ginkgo Biloba" treibt neue Blüten
Von Volker Oesterreich
Heidelberg. Es gibt rund 750 Literaturpreise und Stipendien im deutschsprachigen Raum. Zwei bis drei Dutzend davon haben ein gewisses Renommee, die allermeisten aber sind selbst in der kulturinteressierten Öffentlichkeit kaum bekannt. Dabei haben viele dieser Auszeichnungen eine große Bedeutung für die Literaturszene: als Zeichen der Anerkennung für eine bedeutende Leistung und als Förderinstrument für literarische Projekte.
Brauchen wir aber trotzdem noch einen weiteren Preis? Ja, unbedingt! Diesen Standpunkt vertreten die Mitglieder des sehr ambitionierten "Freundeskreises Heidelberger Literaturhaus". Und sie haben Recht damit. Denn bislang wird viel zu wenig für die Übersetzer von Lyrik getan. Das soll sich nun mit dem neuen "Übersetzerpreis Ginkgo-Biloba für Lyrik" ändern. In der literarischen Szene erlebt das Gedicht gerade einen enormen Aufschwung. Dies belegen etwa die Gründungen von "Häusern der Poesie" im In- und Ausland, mehrere neugestiftete Preise für Lyriker, aber auch die zahlreichen Poetry-Slam-Wettbewerbe.
Erste Preisträgerin der neuen Auszeichnung ist die in Karlsruhe und Athen lebende Übersetzerin, Lektorin und Publizistin Andrea Schellinger. In der Begründung der unabhängigen Jury heißt es, sie habe mit ihrem bisherigen Hauptwerk, der kommentierten Übertragung der drei "Logbücher" des griechischen Nobelpreisträgers Giorgos Seferis, "neue Maßstäbe gesetzt und ein zentrales Werk des Klassikers der neugriechischen Literatur für das deutschsprachige Publikum zugänglich gemacht".
Andrea Schellinger wurde 1953 in Karlsruhe geboren. Nach ihrem Studium war sie von 1987 bis 2012 am Goethe-Institut Athen tätig. Sie publiziert ihre Übersetzungen in namhaften Verlagen und Kulturzeitschriften. Gemeinsam mit Günter Dietz, dem ehemaligen Direktor des Heidelberger Kurfürst-Friedrich-Gymnasiums, übertrug sie auch die Gedichte von Jannis Ritsos. Sie ist Redaktionsmitglied des deutschgriechischen Kulturportals "diablog.eu" und Beiratsmitglied des "Germersheimer Übersetzerlexikons". Seit 2013 betreut Andrea Schellinger Nachwuchs-Literaturübersetzer in einem Trainingsprogramm der Petros-Charis-Stiftung.
Der Ginkgo-Biloba-Übersetzerpreis erinnert an das gleichnamige Goethe-Gedicht aus dem "West-östlichen Divan" (1819). Die Auszeichnung ist mit 5000 Euro dotiert und wird am 13. September in der Heidelberger Stadtbücherei überreicht. Stifter des Preises ist der Verein "Freundeskreis Literaturhaus Heidelberg". Künftig soll er jährlich an Übersetzerinnen und Übersetzer zur Würdigung ihres bisherigen Werks oder einer herausragenden Einzelübertragung ins Deutsche vergeben werden. Hauptsponsor ist der Software-Konzern SAP.
Für die Vergabe gelten folgende Regeln: Eine Ausschreibung findet nicht statt, Bewerbungen sind ausgeschlossen. Über die Nominierung entscheidet eine Jury aus sieben Mitgliedern (sechs Persönlichkeiten des literarischen Lebens und einem/r Vertreter/in des "Freundeskreises Literaturhaus Heidelberg"). Die Jury wählt den Preisträger nach Beratung aus einer Vorschlagsliste mit fünf Kandidaten. Die Vorschlagsliste wird von zwei Vertrauenspersonen erstellt und schriftlich begründet. Die Vertrauenspersonen sind Mitglieder der Jury und wechseln jährlich.
Info: Giorgos Seferis: "Logbücher". Gedichte. Griechisch - Deutsch. Übersetzt und kommentiert von Andrea Schellinger, Elfenbein-Verlag, Berlin 2017, ca. 250 S., 24 Euro.