Tagung von Corpsstudenten in Weinheim: Amtierender OB hielt letzte Rede zum "Großen Zapfenstreich"
Von Philipp Weber
Weinheim. Die Gäste kommen aus den Hotels, den Parkhäusern, den Kneipen. Einige machen sich - vorbei an Dutzenden OB-Wahl-Plakaten - gleich auf den Weg zum Marktplatz. Andere versuchen noch, eines der Kleinbus-Shuttle mit Dürener Kennzeichen zu erwischen. Die bis zu zehn Transporter und ihre zuvorkommenden Fahrer bringen Corpststudenten und Alte Herren das ganze lange Wochenende über auf den Wachenberg - und auf Wunsch auch wieder hinunter. Doch am Samstagabend, wenige Minuten vor 21 Uhr, muss man sich sputen: Sobald der Fackelzug sich auf dem Gipfel des Bergs formiert hat, wird die Straße hinauf bis 24 Uhr gesperrt bleiben.
Nach Veranstalter-Angaben nehmen rund 2500 Menschen an der diesjährigen Weinheim-Tagung teil. Diese richten der Weinheimer Senioren Convent (WSC/Aktive) und der Weinheimer Verband Alter Corpsstudenten (WVAC/Alte Herren) aus. Höhepunkt ist wie immer der Fackelzug der Studenten von der Wachenburg hinab auf den Marktplatz, wo die Tagung mit dem "Großen Zapfenstreich" beendet wird.
Während die Studenten vom Berg hinab in die Stadt schreiten, füllt sich der Marktplatz mehr und mehr. Michael Wiesenbach und Sonja Gölz haben sich schon um 20.15 Uhr einen der raren Außen-Tische vor den Restaurants gesichert. Sie sind aus Birkenau-Buchklingen hierhergekommen. "Ich bin bin begeistert, die Atmosphäre ist toll - und das vor dieser Riesenkulisse", so Wiesenbach, der zum ersten Mal den "Großen Zapfenstreich" sieht.
Stadtrat Gerhard Mackert dagegen ist Stammgast. Für ihn und seine Frau gehört der "Große Zapfenstreich" einfach dazu: "Meine Eltern haben früher in einem Haus hier am Marktplatz gewohnt, mein Bruder wurde dort geboren", plaudert er aus dem Nähkästchen. Waren früher denn mehr Corps-Studenten bei der Weinheim-Tagung? "Das würde ich so nicht bestätigen", meint Mackert. Ihm sei etwas anderes aufgefallen: Während früher nur die älteren Herren ihre besseren Hälften mitbrachten, sieht man heute auch viele jüngere Corpsmitglieder mit ihren Frauen und dem zum Teil noch ziemlich kleinen Nachwuchs. Allgemein gilt auch dieses Jahr: Wer am Samstagabend nach Christi Himmelfahrt den Marktplatz besucht, steht dem Corpsstudententum offen gegenüber.
Bernhard: "Bald bin ich offiziell ein Alter Herr"
So wartet man gespannt auf die Ansprache von OB Heiner Bernhard sowie die Abschluss-Zeremonie, die die Stadtkapelle sowie Student Christian Dertmann (Corps Delta Aachen) als Erster Vorort-sprecher gestalten. Und die - wie immer - mit dem gemeinsamen Absingen der deutschen Nationalhymne enden wird. Mittendrin ist ein Corpsangehöriger, der wohl der absolute Siegesfavorit bei der OB-Wahl wäre - wenn Weinheims Stadtoberhaupt von den Verbindungen gewählt würde: Stadtrat und OB-Kandidat Simon Pflästerer. Er klärt über die Corps und ihre Eigenheiten auf, zeigt seine Zipfel her, die er mit befreundeten Corpsmitgliedern getauscht hat - eine alte Art der Freundschaftsbekundung. Wenn der Stoffzipfel einen Knoten aufweist, hat der Tausch auf der Scheffelterrasse des Heidelberger Schlosses stattgefunden (Scheffelknoten).
Aber auch der amtierende OB, Heiner Bernhard, steht den WSC-Corps offen, ja freundschaftlich gegenüber - und warnt davor, ihre vorwiegend liberale Art des Verbindungswesens zu unterschätzen. Auch er erwähnt die Klinggräf-Wissenschaftsmedaillen, die hier Jahr für Jahr verliehen werden, dieses Mal an gleich neun Corps-Akademiker (weiterer Bericht folgt). "Im August endet meine Amtszeit", ruft er den Marktplatzbesuchern zu. "Dann bin ich also offiziell ein Alter Herr." Er werde aber weiter gerne auf die Wachenburg kommen: "Denn Sie, die Corpsstudenten, gehören zu Weinheim wie die Burgen und der Marktplatz." Applaus!