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Sportsgeist | Vergesst die Angst

Ohne einen Ruf der Parteibonzen kandidiert Simone Lange als SPD-Chefin. In Hannover begeistert sie die Basis

Odeonstraße, Hannover. Dort, wo nach dem Krieg die „Westzonen-SPD“ entstand, wird sich jetzt gleich „die Frau aus dem Osten“ vorstellen. Der kleine Saal im Kurt-Schumacher-Haus ist überfüllt, die Eingangstür bleibt offen, damit die Luft im Raum nicht zu dick wird. Selbst hinten an der Wand stehen die Genossen dicht an dicht.Simone Lange tritt vor das Stehtischchen, auf dem ihre Rede liegt, um näher an „der Basis“ zu sein. Sie spricht eine Stunde lang frei. So als würde sie ein paar Freunden erzählen, warum sie heute hier ist. Sie habe sich nämlich „wahnsinnig geärgert“, als Martin Schulz Andrea Nahles am 12. Februar einfach zur nächsten Parteivorsitzenden ausrief. Ohne Debatte, im Widerspruch zur Satzung. Eine Unverschämtheit. Langes Kampfgeist war geweckt. „Entweder“, sagte sie sich, „du trittst jetzt an oder du trittst aus.“ Nach drei Tagen stand ihr Entschluss fest: Ich kandidiere. Dass sie damit die Machtverhältnisse in der Partei ignorierte, war ihr klar. Aber „immer wenn ich belächelt werde, löst das bei mir ein ‚Jetzt erst recht!‘ aus. Wäre eine andere aufgestanden, ich hätte es sein lassen.“

Es stand aber keine andere auf. Als die Öffentlichkeit von ihrer Bewerbung erfuhr, fragten sich viele, warum von den 460.000 Genossinnen und Genossen ausgerechnet sie Andrea Nahles herausfordert. Eine 41-Jährige, die erst seit einem Jahr Oberbürgermeisterin einer norddeutschen Provinzstadt ist? Doch je länger man ihr zuhört, desto klarer wird: Es konnte eigentlich nur sie sein. Keine andere hätte den Mut dazu gehabt.

Simone Lange wächst im thüringischen Rudolstadt auf, in „wohlbehüteten Verhältnissen“. In der politikfernen Familie gilt die Devise, sich bloß nicht zu weit aus der Deckung zu wagen. Die Eltern arbeiten im „Chemiefaserkombinat Wilhelm Pieck“, der Vater als Laborant, die Mutter als „Ingenieur-Pädagogin“. Die Wende überstehen die Langes nahezu bruchlos, der Vater kommt beim örtlichen Wasserwerk unter, die Mutter unterrichtet angehende Meister im neuen Berufsbildungszentrum. Auch die familiären Werte ändern sich nicht: Streng achten die Eltern darauf, dass es zwischen den Geschwistern „gerecht“ zugeht. Gerechtigkeit ist der Schlüsselbegriff in Simone Langes Leben.

Erfolgreich gegen drei Männer

Schon in der Schule weiß sie, dass sie einen Beruf ausüben will, in dem sie „für Gerechtigkeit sorgen“ kann. Zwei Wochen nach dem Abitur verlässt sie Rudolstadt, um in Kiel-Altenholz die Hochschule für Verwaltung zu besuchen, Fachbereich Polizei. Als Kriminalkommissarin kümmert sie sich um jugendliche Intensivtäter, im Flensburger Stadtrat leitet sie den Jugendhilfeausschuss. Nach und nach lernt sie die Schattenseiten der Gesellschaft kennen, ermittelt bei Raub-, Sexual- und Tötungsdelikten und qualifiziert sich schließlich für Wirtschaftsstrafsachen. Sie sei eben, sagt sie selbstironisch, „eine Kriminalhauptkommissarin mit großer Verwendungsbreite“.

Während dieser Zeit beschließt sie, in die SPD einzutreten. 2012 wird sie Landtagsabgeordnete mit den Schwerpunktthemen innere Sicherheit und sozialer Zusammenhalt. Als Angela Merkel im Herbst 2015 die Grenzen öffnet, erleben die Flensburger einen Massenansturm von Flüchtlingen. Der kleine Bahnhof wird zur Durchgangsstation für 60.000 Menschen, die nach Schweden wollen. „Es war die Flensburger Bevölkerung“, sagt Lange, „die in einer wahnsinnigen ehrenamtlichen Aktion die Menschen vier Monate lang rund um die Uhr mit Essen, Trinken und Kleidung versorgte. Tausende haben sich eingebracht. Wir hatten kein Budget, aber jeder hat was mitgebracht, alle haben gegeben. Und niemand hat gefragt: Was krieg ich dafür?“ Bis heute, sagt Lange, gebe es in Flensburg keine AfD. Was vor allem daran liege, „dass wir hier unser bürgerschaftliches Engagement immer wieder aktivieren“. Nach dieser „tollen Gemeinschaftserfahrung“ wird Lange 2016 – „gegen drei männliche Mitbewerber“, unterstützt von Grünen und CDU – im ersten Wahlgang zur Flensburger Oberbürgermeisterin gewählt. Anpacken und schnell entscheiden, das liegt ihr in den Genen.

Es ist die „Generation Giffey“, die jetzt in der Politik von sich reden macht und einen neuen Ton in die SPD trägt. Simone Lange, Franziska Giffey, Manuela Schwesig – sie repräsentieren die letzte Generation, die den Alltag in der DDR noch bewusst erlebt hat. Alle drei sind in den 1970er Jahren im Osten geboren und machten in den 1990er Jahren ihr „West-Abitur“. Sie studierten an Fachhochschulen und wählten gezielt die staatliche Verwaltung als Karriere-Sprungbrett. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie war für sie keine Frage, sondern „Erfahrungstatsache“. Manuela Schwesig, Diplom-Finanzwirtin, wurde Steuerfahndungsprüferin, Franziska Giffey, Diplom-Verwaltungswirtin, konzentrierte sich auf das Management, Simone Lange, Diplom-Verwaltungswirtin, ging zur Kriminalpolizei. Alle drei reizte die kommunalpolitische Praxis. Sie wollten, wie der einstige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel mahnte, auch dorthin gehen, „wo es brodelt, riecht und stinkt“. Die klassische Sozialisation bei den Jusos vermieden sie. Schwesig und Giffey traten erst mit 29 in die Partei ein, Lange mit 27. „Was wir mitbringen“, sagt Lange, „ist ein Bewusstsein dafür, wie Gemeinschaft funktionieren kann.“ Als Change-Managerinnen des Staates verbreiten sie einen optimistischen „Yes, we can“-Spirit. Auf die selbstverliebten Enkel Willy Brandts folgen die gemeinschaftsorientierten Enkelinnen Regine Hildebrandts. In der Tradition der „Mutter Courage des Ostens“ stehen sie für eine neue Art, Politik zu machen: lösungsorientiert und bisweilen unbekümmert und frech.

Mit jeder Minute, die Simone Lange im Kurt-Schumacher-Haus redet, entspannen sich die Gesichtszüge ihrer Zuhörer. Ein Hauch Glückseligkeit liegt auf ihren Wangen. Es ist, als würde mit Langes Auftritt eine Riesenlast von den Genossen abfallen. Sie redet darüber, wie sie sich die ideale SPD vorstellt. „Jeder soll etwas einbringen“ ist einer ihrer Kernsätze. Ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl müsse entstehen, denn eine Partei lebe „vom Mannschaftssport“, nicht vom Niederboxen innerparteilicher Rivalen. Sie weiß, wie viel Kopfnicken sie mit solchen Sportvergleichen auslöst. Sie braucht gar nicht zu sagen: Ich bin eine von euch. Jeder hier spürt das.

„Selbermachen. Wir können das“

Die Veranstaltung wandelt sich zur Gruppentherapiesitzung. Vorne die Motivationstrainerin, voller Mitgefühl und Begeisterung, eine Trösterin, die Mut macht und „positive Energie“ verströmt. Lange verspricht, „die unsägliche Angstkultur“, die den Genossen das Selbstdenken austreibt („Wenn ihr dem Koalitionsvertrag nicht zustimmt, bricht alles zusammen“), aus der Partei zu verbannen. Sie will auch den Satz „Das geht nicht, weil ...“ nicht mehr hören. Ihre Zuhörer fordert sie auf, wieder „mit Lust etwas Neues auszuprobieren“, denn dafür sei die Partei doch da! Nein, Simone Lange ist nicht „die Sahra Wagenknecht der SPD“, wie die Welt sorgenvoll schrieb, sie ist eine Lady Di im Königshaus der SPD. Sie will die verknöcherten Strukturen aufbrechen, indem sie der Partei die einfachen Wahrheiten in Erinnerung ruft und einen warmherzigen Redestil pflegt.

In solchen Momenten der Rührung stellt Simone Lange – wie eine Leadsängerin ihre Bandmitglieder – ihr kleines #teamsimone vor: jene Helfer, die sie auf ihrer Deutschlandtour begleiten. Ganz hinten („Kannst du bitte mal winken!“) steht der Koch, der den Tour-Bus fährt, links an der Wand lehnt die Friseurmeisterin, die alles organisiert, drüben der Postbote, „der mein Pressesprecher ist“, und links vorne („Stehst du bitte mal auf!“) der Student, „der mir Handzeichen gibt, wenn ich zu lange rede“. Wirkungsvoller kann man die neue Arbeiterbewegung nicht darstellen. „Das ist das, was Partei ausmacht“, sagt Simone Lange. „Selbermachen. Wir können das!“

Kevin Kühnert bleibt still

Hätte die Basis dabei mitzubestimmen, wer am 22. April Parteivorsitzende wird – hier in Hannover hätte Lange haushoch gewonnen. Es kann also durchaus von Vorteil sein, aus den hinteren Reihen zu kommen. Labour-Chef Jeremy Corbyn und Christophe Castaner haben es bewiesen. Castaner war, wie Lange, Provinz-Bürgermeister. Jetzt ist er Vorsitzender von Macrons Partei „La République en Marche“. Manchmal geht es schneller, als man denkt.

Aber wofür steht Lange jenseits der Seelenmassage und des „neuen Tons“? Kann man sie einem der traditionellen Parteiflügel zurechnen? Hat sie eine Hausmacht hinter sich? 80 Ortsvereine, verkündet sie stolz, unterstützen ihre Kandidatur, das ist gerade mal ein Prozent. Ihr Flensburger Kreisverband hat nur 300 Mitglieder. Und Kevin Kühnert, der Juso-Vorsitzende, bleibt auffallend still. Also, wo ist ihre Machtstrategie?

Simone Lange weicht geschickt aus. Sie gehe ganz bewusst nicht zu den Sprechern bestimmter Gruppierungen, sie gehe auch nicht in die Metropolen oder zu den Mandatsträgern, sondern zur Parteibasis in die Provinz. Ohne die Genossen dort seien Wahlen nicht zu gewinnen. Diesen Vergessenen will sie eine Stimme geben. Ihre Kandidatur würde beschädigt, wenn sie sich in die innerparteilichen Machtkämpfe einmischen würde. Das Amt, für das sie kandidiere, verlange schließlich Integration. „Ich tausche mich mit allen aus, mit den Jusos, mit Hilde Mattheis, mit Marco Bülow, mit Rudolf Dreßler, aber als Parteivorsitzende muss ich für alle da sein.“ Außerdem könne jeder auf ihrer Webseite nachlesen, wo sie inhaltlich stehe.

Lange will die Sozialdemokratie „sozialer und demokratischer“ machen. Das heißt: Hartz IV abschaffen, Grundeinkommen und Grundrente einführen, Rüstungsexporte verbieten, alle Atomwaffen aus Deutschland abziehen und eine neue Friedens- und Entspannungspolitik im Geiste Willy Brandts beginnen. Innerparteilich plädiert sie für eine strikte Trennung von Amt und Mandat – was bedeuten würde, dass die Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles nicht für den Parteivorsitz kandidieren könnte. Die Ämterhäufung müsse ein Ende haben. Alle Parteigremien will sie mit männlich-weiblichen Doppelspitzen besetzen, Urwahlen für den Parteivorstand und sämtliche Spitzenkandidaturen einführen, „Basiskongresse“ zu wichtigen Grundsatzfragen abhalten, einen europäischen Strategiekongress mit allen Schwesterparteien veranstalten und das „neoliberale“ Hamburger Grundsatzprogramm ablösen.

Ihr Erneuerungsprogramm fällt dabei deutlich kürzer aus als die Einleitung des Koalitionsvertrags, auch wenn es nicht ganz auf einen Bierdeckel passt. Lange ist eben keine Theoretikerin, sondern eine Frau der Praxis. Neben einigen ursozialdemokratischen Forderungen finden sich in ihrem Konzept auch linke, grüne und piratige Elemente. Man könnte es als Plädoyer für eine linke Sammlungsbewegung verstehen.

Die Basis jedenfalls ist an diesem Abend hellauf begeistert. Viele Genossinnen und Genossen sagen Lange „Aus ganzem Herzen danke“ und „Bleib, wie du bist!“. So froh hat man diese Partei schon lange nicht mehr gesehen. Beim Hinausgehen flüstert einer der beseelten Genossen: „Das war toll. Ich bin jetzt so richtig motiviert.“ Dann hält er kurz inne. „Wie lange wird die Stimmung wohl anhalten? Drei Tage?“

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