Neujahrsempfang der "Schlaraffia Heidelberga": Ein Spiel ohne Drehbuch
Von Jonas Labrenz
Handschuhsheim. "Ich habe nichts verstanden und war trotzdem fasziniert": Ritter Hackteufel von Nie-Wo erinnert sich noch gut an seine erste "Sippung" bei der Schlaraffia. Etwa 30 Jahre ist das nun schon her. Ritter Hackteufel heißt eigentlich Herbert Rabl und ist heute über 60 Jahre alt. Bei dem Neujahrsempfang der "Schlaraffia Heidelberga" gab er "bey Kerzenschein und Schaumlethe" im Keller der Handschuhsheimer Tiefburg einen Einblick in das Leben der Vereinigung zur Pflege von Freundschaft, Kunst und Humor.
Es geht bunt zu in der "Schlaraffenburg", die mit ihren Wappen und dem alten Holz an einen Rittersaal erinnert: Ritter Hackteufel und die anderen Schlaraffen werfen sich zu den wöchentlichen Treffen während der Wintermonate, den "Sippungen", ihren in Schwarz und Rot gehaltenen Talar über und setzen sich große Mützen auf, die ebenso wie der Umhang - Rüstung genannt - mit vielen Ansteckern geschmückt sind. Haben sie sich vor dem Uhu, dem schlaraffischen Symbol, verneigt und damit alles "Profane" vor der Tür gelassen, kann ihr Spiel beginnen.
Die Schlaraffen interessieren sich nicht für den Beruf, die religiösen oder politischen Ansichten der Teilnehmer. "Es bleibt alles draußen", sagt Mehmet Ercik. "Das macht es einfacher". Während der Sippung hat er keinen Namen, sondern wird nur "Knappe 405" gerufen. Er ist damit der 405. Mann, der in das "Reych Heidelberga" aufgenommen wurde. Eine Menge Regeln gilt es nicht nur für ihn nun zu befolgen. Wie bei allen Spielen brauche es davon einige, "wie bei Mensch ärgere dich nicht", erklärt Rabl. Dazu gehört erst einmal der Ablauf: Nach der Begrüßung folgen die "ambtlichen Geschäfte" und nach einer "Schmus- und Atzungspause", besteigen die Gewillten, die "Rostra", das Rednerpult, um ihre "Fechsungen", also selbst geschriebene Lyrik oder Prosa zum Besten zu geben. Dazu kommt die Sprache: Eine "Quasselstrippe" ist ein Telefon, das "Benzinross" das Auto und nicht zuletzt werden die Ehefrauen der Schlaraffen liebevoll "Burgfrau" gerufen.
1859 wurde die erste Schlaraffia in Prag gegründet und diente seitdem dazu, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu persiflieren. All die Titel und Orden - Ritter Hackteufel ist überdies auch Pfalzgraf und trägt Tituli wie "Gern - aber nie geseh’n" und "Kurztreter von Pinguinien" - sollen humoristisch überspitzt die Gier nach schmückenden Titeln ins Absurde treiben. Weltweit gibt es mittlerweile über 10.000 Schlaraffen, die daran ihren Spaß haben.
"Es ist eine Tradition, das muss weitergehen", erklärt Ercik: "Die haben mir deutsche Kultur beigebracht". Der 24-Jährige kam vor drei Jahren aus der Türkei nach Deutschland und ist nun schon seit einem Jahr bei der Schlaraffia. "Als ich hierher kam, konnte ich so wenig Deutsch", erinnert er sich. Die regelmäßigen Treffen hätten ihm beim Lernen der Sprache extrem geholfen, und auch Ritter Hackteufel hat für ihn eine besondere Stellung bekommen: "Er ist für mich wie ein Papa geworden. Wenn ich Probleme habe, weiß ich, dass ich zu ihm gehen kann", freut sich Ercik.
Und so feiert er als Knappe 405 mit den anderen Rittern, Pilgern und Prüflingen, lauscht den "Fechsungen", die mal spaßig, mal ernst sind und zum Sinnieren einladen. Eins ist Rabl aber doch wichtig zu betonen: "Schlaraffia ist weder Loge, noch Geheimgesellschaft, weder Karnevalsverein noch Kegelclub. Die Schlaraffen spielen ein Spiel, ohne Drehbuch, jedoch mit Dramaturgie."