Mit Heidelberg verbunden: Georg-Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino wird 75
Von Peter Mohr
Heidelberg. Wilhelm Genazino ist vielfach mit der Rhein-Neckar-Region verbunden. Am 22. Januar 1943 in Mannheim geboren, absolvierte er in der Heidelberger Rhein-Neckar-Zeitung ein Volontariat. Ab 1998 lebte er für sechs Jahre in Heidelberg, wo er im Jahr 2014 der siebzehnte Poetikdozent war.
Genazino hat die melancholischen, zum Selbstmitleid neigenden Flaneure in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur salonfähig gemacht. Immer etwas neurotisch, dem ganz normalen Wahnsinn nahe, jedoch empfindsam, so schickt er seine biederen Alltags-Protagonisten durch leicht elegische Romane.
Der nun 75-jährige Autor passt nicht in den immer schnelllebigeren Literaturbetrieb - weder mit seinen leisen Tönen noch mit seinen unkonventionellen, allen literarischen Moden zuwider laufenden fragilen Werken.
Seit das "Literarische Quartett" im ZDF 2001 seinen Roman "Ein Regenschirm für einen Tag" hoch gelobt hatte, ging es mit der Anerkennung und den Verkaufszahlen bergauf. 2003 erhielt Genazino den Berliner Fontane-Preis, 2004 den Büchner-Preis, 2007 den Kleist-Preis.
Flaneure mit gut geschultem Auge sind häufig die Protagonisten in Genazinos stillen, ausgefeilten Werken mit ihrem Hang zur Melancholie. Von der Ende der 1970er Jahre erschienenen Trilogie um den Angestellten Abschaffel bis hin zum Roman "Außer uns spricht niemand über uns" (2016) stehen liebenswerte Verlierer im Mittelpunkt, deren Lebensträume wie Seifenblasen zerplatzten.
Mithilfe von Alltagsbanalitäten, die einen leicht absurden Touch tragen (ein Fleck, eine Wimper, ein paar Schuhbänder, ein verlorenes Ohr), zeichnet Genazino mit beinahe fotografischer Präzision Veränderungen nach. Diese subtile "Prosa des Auges" nimmt in ihren Auswüchsen nicht selten kafkaeske Züge an.