Handball-EM: Viele Löwen träumen noch vom Halbfinale
Varazdin. (miwi) Gudjon Valur Sigurdsson war der erste Spieler der Rhein-Neckar Löwen, für den die EM in Kroatien beendet war. Mit den Isländern scheiterte der Linksaußen in der Vorrunde, trotz eines spektakulären Triumphes gleich zu Beginn gegen die Schweden. Die Enttäuschung beim Routinier war groß, einen Grund zur Freude gab es trotzdem: "Goggi" ist jetzt Weltrekordhalter.
Für den Weltrekord sollte alles passen. Zumindest entstand dieser Eindruck, als sich Sigurdsson daran probierte, das 1898. Tor im Nationaltrikot zu erzielen. Zunächst warf er einen Ball aus der eigenen Hälfte am leeren Tor vorbei (sehr einfach), anschließend vergab er einen Gegenstoß (sehr banal), ehe er mit einem ganz feinen Heber (sehr sehenswert) schaffte, was vor ihm niemand gelang und vermutlich auch niemand mehr gelingen wird. Der Isländer hat seit der 22:29-Niederlage der Nordeuropäer gegen Kroatien bei der Europameisterschaft so viele Länderspieltreffer erzielt wie weltweit kein anderer Handballer.
Die Rhein-Neckar Löwen haben also schon einen "Titel" bei der EM gewonnen und die Chancen stehen gut, dass noch ein paar Medaillen hinzukommen. Zehn von elf Akteuren des Tabellenführers der Bundesliga haben die Hauptrunde erreicht und mit Ausnahme von Bogdan Radivojevic, der für Serbien antritt, haben alle zumindest noch theoretische Chancen auf das Halbfinale. Ein Trio ist für Schweden im Einsatz und kann die Finalrunde in Zagreb aus eigener Kraft erreichen. Gewinnen Jerry Tollbring, Mikael Appelgren und Andreas Palicka die verbleibenden Begegnungen gegen Weißrussland und Norwegen, sind sie in jedem Fall im Halbfinale dabei. Das können auch die Norweger und Harald Reinkind schaffen, dafür müssen sie aber deutlich mit mindestens vier Toren Vorsprung gegen die Schweden gewinnen und gleichzeitig darauf hoffen, dass die Kroaten gegen die Franzosen verlieren. Etwas viel Theorie, aber so ist das eben in einem ausgeglichenen Teilnehmerfeld.
Noch spannender geht es in der Hauptrundengruppe in Varazdin zu, wo sich gestern Mads Mensah Larsen sowie Nikolaj Jacobsen mit Dänemark und Hendrik Pekeler sowie Patrick Groetzki mit Deutschland gegenüberstanden. Der Sieger der Partie hat beste Aussichten auf das Halbfinale, ist aber noch nicht sicher qualifiziert. Das liegt daran, dass Mazedonien und Filip Taleski und Spanien mit Gedeon Guardiola ebenfalls noch einen der ersten zwei Plätze belegen können. Taleski und Guardiola standen sich gestern Abend ebenfalls im direkten Vergleich gegenüber. "Im Verein sind wir Freunde, in der Nationalmannschaft aber eben Konkurrenten"; sieht Guardiola das Aufeinandertreffen mit Klubkollegen pragmatisch - schließlich ist es Normalität für ihn. Für 60 Minuten, da sind sich alle Löwen einig, ruhen die Freundschaften, dann wird zu 100 Prozent für das Heimatland gekämpft.
Ein Handballturnier ist übrigens nicht immer nur ein Spaß für die Akteure. Guardiola berichtete von den Tücken, die es auch geben kann. Das Teamhotel für den Spielort Varazdin liegt etwa 25 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, die Straße dorthin ist eng und kurvenreich. "Hier ist es langweilig", sagt der Abwehrrecke, der mit den Spaniern wie viele andere Teams gegen einen Lagerkoller ankämpfen muss. Immerhin, seit ein paar Tagen sind die Deutschen und die Mazedonier im gleichen Komplex untergebracht, so dass sich Guardiola mit ein paar neuen Kollegen aus dem Klub an den spielfreien Tagen zum Kaffee treffen kann.