DAI Heidelberg: Am Weltende droht das Weltgericht
Von Heribert Vogt
Heidelberg. Die unmittelbar bevorstehende Gefahr des Weltgerichts am Weltende kündigt sich bereits im Buch Daniel des Alten Testaments an. Sie wird dann stärker im Neuen Testament und ist "allgegenwärtig im Koran, wo ständig von Gericht, Heil und Verdammnis sowie Freunden und Feinden Gottes die Rede ist". Aber diese hochaktuelle Sichtweise gelte es zu überwinden, sagte der Heidelberger Ägyptologe und Kulturtheoretiker Jan Assmann im voll besetzten Deutsch-Amerikanischen Institut am Ende der Vorstellung seines Buches "Totale Religion". Denn wenn Gläubige vor der Entscheidung stehen, sich auf die Seite der Seligen oder der Verdammnis zu schlagen, sehen sie die Chance, durch die Wahl des Martyriums in das Paradies einzugehen.
Der in jüngerer Zeit vielfach geehrte und mit dem Balzan-Preis hochdekorierte Wissenschaftler ging dem möglichen Zusammenhang zwischen Gewaltbereitschaft und absolutem Wahrheitsanspruch der monotheistischen Religionen nach. Zunächst skizzierte er seine Entwicklung und Verstrickung bei diesem Thema, das für Debatten sorgte und ihn seit zwanzig Jahren nicht loslässt.
Es begann mit Assmanns Buch "Moses, der Ägypter" von 1997, in dem er erkannte, dass Moses eigentlich ein Ägypter war, der als Prinz am pharaonischen Hof seine Religion an die Israeliten verriet und mit ihnen nach Palästina auswanderte. Die Idee, dass es in der Bibel nicht um Offenbarung, sondern Übertragung geht, gibt es schon in der Antike. Diese Überlieferung zündete dann im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts, als die These aufkam, die mosaischen Gesetze seien aus hieroglyphischen Riten der Ägypter übersetzt worden.
Assmann erkannte in der Überlieferungslinie von Echnaton über Friedrich Schiller bis Sigmund Freud, dass es darum geht, die zwischen Ägypten und Israel eingezogene Grenze - den Auszug aus Ägypten - einzureißen. Der Ägyptologe bildete den Begriff der mosaischen Un-terscheidung, die Trennung in wahr und falsch, welche es in den alten Religionen nicht gab. Dort spielte eher der Gegensatz von rein und unrein eine Rolle, während wahr und falsch Kategorien der Wissenschaft sind. Ursprünglich waren die Götter in den verschiedenen Kulturen übersetzbar, was die Idee falscher Gottheiten ausschließt. Aber der Gott der Bibel war nicht mehr übersetzbar.
Es stellte sich bei Assmann die Erkenntnis ein, dass die Befürworter der Übertragungsthese den Konflikt zwischen Heidentum und wahrer Religion - zwischen Ägypten sowie Israel - überwinden und damit die antagonistische Kraft, eine andere Religion als falsch zu erklären, dekonstruieren wollten. Sie stellten der Intoleranz des Monotheismus ein pazifistisches Konzept entgegen. Aber mit diesen Thesen hat Assmann "ungeheuer viel Staub aufgewirbelt".
Durch die Terrorakte vom 11. September 2001 bekam das Thema eine ganz neue Aktualität: Da hatte der Monotheismus in Gestalt des Islam zugeschlagen. So Assmann schrieb das Buch "Die mosaische Unterscheidung". Darin wird zwischen primären und sekundären Religionen unterschieden. Während die Ersten tief in die Geschichte zurückreichen, wurden die Zweiten gestiftet und haben ein Datum. Letztere müssen sich vom Vorausgegangenen absetzen, womit es zu einer Abkehr von der eigenen Vergangenheit kommt. Die antagonistische Energie stammt aus dieser Konversion. So geht es in der Bibel nicht um Gewalt gegen andere, sondern gegen Abtrünnige aus den eigenen Reihen. Assmann: "Mit diesem Buch habe ich mich noch unbeliebter gemacht", was bis zum Antisemitismus-Vorwurf reichte.
Das nächste Buch "Monotheismus und die Sprache der Gewalt" ging den Fragen nach, warum der Monotheismus in der Überlieferung mit so viel Gewalt erinnert wird und wann Worte in Taten umschlagen. Assmann nannte dafür frühe Säuberungsaktionen und Kriege. Diese Aktionen erfolgten zwar zumeist aus politischen Zielen, wurden aber durch die Schrift legitimiert. Dazu Assmann: "Man muss aus beiden Richtungen der Gewalt das Wasser abgraben."
Es folgte das nun vorliegende Buch "Totale Religion", angeregt durch den Staatsrechtler und Philosophen Carl Schmitt, dessen Schrift über den "Begriff des Politischen" zwischen Freund und Feind unterscheidet. Assmann las einige Auszüge über den Monotheismus, in dem das ganze Leben Gottesdienst sein soll. Auf diese Weise ist ein totalisierendes Moment in die Kultur gekommen, das bis heute lebendig ist. Einbezogen werden alle Lebensbereiche, wobei auch die Sprache der Gewalt aufkommt. Und Gewalt muss sich der neue Mensch auch selbst antun: Im Islam heißt diese Anstrengung Djihad.
Schmitt zielt auf die Unterscheidung von Freund und Feind. Er definiert das Politische als das Polarisierende, das im normalen Leben verborgen bleibt. Erst im Ernstfall des Krieges enthüllt sich der wahre Charakter des Prinzips, nach dem sich die Menschen verbinden. Schmitt fasst den Staat als Dasein zum Krieg, aus Polarisierung wird dann offene Feindschaft. In diesem Ernstfall sind die Menschen zu allen Opfern bereit, kennen nur noch Freund und Feind. Dagegen machen Modernisierungstheoretiker wie Max Weber auch Gebiete des Unpolitischen aus: Kunst, Wissenschaft, Religion, Recht oder Wirtschaft.
Diese Moderne sieht Schmitt jedoch als Zeitalter der Neutralisierung und Entpolitisierung, das er überwinden will. Das Politische soll kein eigenes Sachgebiet sein, sondern von anderen Sektoren unabhängig und ihnen übergeordnet sein. Gegen das Maßgebende und Totale des Politischen verblassen die anderen Lebensbereiche. In seiner Schrift von 1932 plädiert Schmitt für den totalen Staat. Und ein ähnliches Hegemonialstreben ist für die Religion bezüglich der Verbindung von Weltende sowie Weltgericht festzustellen.
So lassen sich Offenbarungsreligionen als potenziell totale Religionen charakterisieren. Ihre totalisierende Kraft erwächst aus der Allgegenwart des möglichen Weltgerichts. Dabei werden Feindbilder aufgebaut, und die Apokalypse als äußerstes Bedrohungsszenario wird in einer Sprache der Gewalt zur schärfsten Waffe.
Wichtig ist für Assmann daher eine antitotalisierende und humanisierende Strategie, wie sie etwa in der Ringparabel von Gotthold Ephraim Lessings Ideendrama "Nathan der Weise" anzutreffen ist. Toleranz kann den Ausweg aus dem Kampf der Kulturen weisen.
Info: Jan Assmann: "Totale Religion. Ursprünge und Formen puritanischer Verschärfung". Picus Verlag Wien, 2. Auflage 2017. 184 S., 20 Euro.