"Women’s March" Heidelberg: Es gibt viele Gründe, auf die Straße zu gehen
Von Daniela Biehl
"Die Zeit ist um" steht auf einem kleinen, mit Folie umwickelten Plakat, das sich ein junges Mädchen um den Rücken gebunden hat. "Wir haben genug", ruft Jessica Smith-Salzinger. "Genug von frauenverachtender Rhetorik, von ungleicher Bezahlung", sagt sie - da fängt es an, zu regnen. Doch Smith-Salzinger, eine der Organisatorinnen des Heidelberger "Women’s March", fährt ungerührt fort. "Wir kämpfen. Und wir sind viele." Sie meint damit aber nicht nur die rund 500 Frauen, die sich am Samstag auf dem Friedrich-Ebert-Platz versammelten, im letzten Jahr waren es noch 800. Vielmehr will sie anknüpfen an die Proteste in Washington, Chicago, Paris - und auf der ganzen Welt.
Denn der erste "Women’s March" vor einem Jahr war eine globale Protestaktion, eine Reaktion auf Trumps sexistische Äußerungen und seine Wahl zum US-Präsidenten. "Den Geist tragen wir jetzt weiter", sagt Smith-Salzinger und hebt ihr Megafon in die Höhe, um einen Sprechgesang anzustimmen. Es geht um Frieden und Gerechtigkeit in diesen Liedern, man singt gegen Fremdenhass und Frauenfeindlichkeit an. Dass es jetzt in Strömen regnet, stört kaum jemanden. Man spannt Schirme auf, zieht die Kapuze tiefer ins Gesicht, wickelt Plakate in Folien, damit sie nicht nass werden - und marschiert, langsam und von Trommeln begleitet, über die Hauptstraße zum Marktplatz.
Als sich die Demo in Bewegung setzt, trägt die Britin Sophia Edwards ein Foto von Prinzessin Leia aus der Star-Wars-Trilogie vor sich her, darauf mit Handschrift geschrieben: "A woman’s place is in resistance" ("Der Platz der Frau ist im Widerstand"). Ein solches Plakat hatte Edwards auf dem letzten "Women’s March" gesehen und es schon damals gemocht. "Irgendwie ist das wahr", sagt die Wahl-Heidelbergerin. "Frauen sind immer am Kämpfen. Sie kämpfen für Gleichberechtigung, ob in Filmen oder im Alltag." Ihrem einjährigen Sohn hat sie auch ein solches Schild an die Trage geklebt. "Es wäre beängstigend, wenn er groß wird und seine Freundinnen noch immer nicht dieselben Rechte hätten wie er", meint die junge Mutter. Sie sei hier, um etwas dagegen zu tun.
"Women united, can’t be divided" ("Vereinte Frauen kann niemand trennen") rufen die Frauen hinter ihr - wie überhaupt die meisten Transparente und Sprüche auf Englisch sind. Es sind aber längst nicht nur Frauen auf dem "Women’s March" - und längst nicht nur Amerikaner. Auch Männer gibt es durchaus - wenn auch in der Unterzahl. Einer trägt ein Schild mit der Aufschrift: "Men of quality don’t fear equality" ("Männer mit Anspruch haben keine Angst vor Gleichberechtigung"). "Das", sagt Edwards, "ist doch mal ein schönes Motto."
Langsam marschiert der Protestzug durch die Hauptstraße. Am Rande stehen Dutzende und filmen das Spektakel mit dem Handy, ab und zu öffnet ein Altstädter irritiert das Fenster, lauscht der Demo oder reicht, wie ein älterer Herr, einen Regenschirm nach draußen. Am Marktplatz angekommen ist es die Amerikanerin Ann Hesse, die an all das erinnert, was Frauen im letzten Jahr umtrieb: In Island war es der Kampf um gleiche Löhne, in Polen der Protest gegen ein schärferes Abtreibungsgesetz gewesen. Und in Südamerika hatten Kandidatinnen bei der Wahl zur "Miss Peru" enthüllt, wie stark sexuelle Gewalt in ihrem Land vorherrscht, während man in den USA unter dem Schlagwort "Me too" auf sexuelle Übergriffe aufmerksam machte. "Wir sehen", sagt Hesse, "Frauen sind weltweit in Bewegung."
Auch in Deutschland sei das bitter nötig, meinen Martina Weihrauch und Johannah Illgner. Sie sprechen von zu wenigen Frauen in Führungspositionen, von Altersarmut - und von Frauen, die auf Grund von partnerschaftlicher Gewalt getötet werden. Illgner zitiert Zahlen aus dem Jahr 2016, da kamen in Deutschland 357 Frauen aus diesem Grund ums Leben. "Das ist fast eine Frau pro Tag!"