SKM Heidelberg-Rhein-Neckar: Manchmal kommen die Helfer an ihre Grenzen
Von Marion Gottlob
Heidelberg. Der tiefe Respekt vor dem anderen Menschen steht für Jürgen Hofherr im Mittelpunkt seines Tuns. Das ist für den Sozialarbeiter keine Theorie, sondern er lebt es Tag für Tag. Mit dem Team vom SKM Heidelberg-Rhein-Neckar ist er für die Hilfe für Menschen ohne Wohnsitz zuständig. Mit den meisten Gästen im Karl-Klotz-Haus ist er per Du. Sie sagen: "Der Jürgen ist ein ganz Guter."
In Heidelberg sind rund 100 obdachlose Menschen den Institutionen bekannt, dazu kommt eine Dunkelziffer. Als Ursachen werden manchmal eine unglückliche Kindheit, Arbeitslosigkeit, Scheidung, Krankheit, Alkoholismus und andere Süchte genannt. Doch Hofherr hält davon nicht viel: "Es könnte vielmehr sein, dass es eine Unfähigkeit ist, sich mit Problemen auseinanderzusetzen."
Wer die Tagesstätte in der Kaiserstraße 88-92 betritt, wird so genommen, wie er ist. Hier gibt es werktags ein kostenloses Frühstück, der Kaffee kostet 20 Cent. Im Winter ist das Angebot eingeschränkt, da es das "Frühstück im Winter" der Kirchen gibt. Täglich gibt es ein Mittagessen. Samstags ist geschlossen, weil auch an diesem Tag die Kirchen Angebote machen. Hofherr: "Wir machen uns nicht Konkurrenz."
Das Leben auf der Straße ist anstrengend. Die Menschen sind ohne jeden Schutz, aus Angst vor Diebstählen oder Angriffen sind sie ständig auf der Hut: So läuft Benjamin (alle Namen der Betroffenen geändert) Nacht für Nacht durch Heidelberg, weil er keine Ruhe findet. Im Schutz der Tagesstätte fällt er dann für mehrere Stunden in einen tiefen Schlaf, aus dem man ihn kaum wecken kann.
Neben der Tagesstätte gibt es das SKM-Angebot einer Beratung. Dabei geht es vor allem um die Existenzsicherung. Zunächst hilft man Betroffenen bei der Sichtung der Papiere. Manfred zum Beispiel lebt seit 27 Jahren in Heidelberg auf der Straße: "In drei Jahren feiere ich 30. Jubiläum." Nun wurde er beim Schwarzfahren in der Straßenbahn erwischt und musste daraufhin einen Monat ins Gefängnis. Kaum in der Freiheit hat er seine Papiere verloren. Im Karl-Klotz-Haus fand er Unterstützung.
Wer seine Papiere beisammen hat, der kann beim Job-Center die Hartz-IV-Unterstützung beantragen. Die Berater des SKM sind beim Antrag behilflich. Denn manche Betroffene sind Analphabeten. So war Hartmut das Arbeitslosengeld gekürzt worden, weil er Briefe des Jobcenters nicht lesen konnte und Termine versäumt hatte. "Wir haben das in Ordnung gebracht", sagt Hofherr, "aber besser ist es, wenn es zu solchen Versäumnissen erst gar nicht kommt."
Im SKM können Obdachlose duschen und ihre Wäsche waschen. Hier können sie ihren Wohnsitz anmelden und Post empfangen. Hier können sie ihr Hartz-IV-Geld beziehen, auf Wunsch wochenweise und nicht den vollen Betrag auf einmal. Hofherr betont: "Wir richten uns nach den Wünschen der Betroffenen." Zweimal pro Woche ist eine Krankenschwester zur Sprechstunde da. Mit einer ärztlichen Verordnung kann sie zum Beispiel offene Beine verbinden. Der Arzt Dr. Wolfgang Heide hält einmal pro Woche eine kostenlose Sprechstunde für Obdachlose.
Immer wieder melden Bürger beim SKM obdachlose Menschen. Hofherr nimmt solche Meldungen sehr ernst: "Wir fahren dann zu der Stelle, die uns genannt wurde." Er oder andere SKM-Mitarbeiter sprechen die Person an und stellen das Hilfsangebot vor. "Manchmal erfahren wir, dass dieser Mensch sein Recht in Anspruch nimmt, ohne Hilfe zu leben." Diese Ablehnung müsse man akzeptieren, auch wenn es schwerfalle.
Obdachlose Menschen haben dem Streetworker schon erzählt: "Das ist die beste Zeit meines Lebens." Sie konnten die vielen Pflichten eines bürgerlichen Lebens mit Job, Miete, Versicherungen und so vielem nicht mehr ertragen. Hofherr erinnert sich auch an ein Beispiel aus seiner Anfänger-Zeit: Er wollte damals einem Obdachlosen unbedingt helfen und eilte regelmäßig zu dem Mann, um ihn von der Hilfe zu überzeugen. Da versteckte sich der Mann vor ihm. Hofherr sieht das heute sehr ehrlich: "Mir wurde bewusst, dass sich die Hilfe dem Tempo der Hilfsbedürftigen anpassen sollte."
Das kann gelingen. So hatte Hofherr später einige Zeit Kontakt zu einem alkoholkranken Gast der Tagesstätte. Zwischen den beiden wuchs Vertrauen. Als der Mann plötzlich zum Entzug bereit war, sorgte Hofherr dafür, dass der Alkoholiker innerhalb von zwei Stunden in einer therapeutischen Einrichtung aufgenommen wurde. "Er hat den Entzug durchgehalten."
Neben dem Karl-Klotz-Haus mit seiner Kleiderkammer in der Weststadt gibt es den Frauenraum im Mörgelgewann. Wichtig sind neben den hauptamtlichen Mitarbeitern die ehrenamtlichen Helfer, ohne sie ginge es nicht. Hofherr sagt: "Mit Ehrgeiz kann man wenig oder gar nichts erreichen. Doch wer seine hohen Erwartungen herunterschraubt und jeden Tag kleine Schritte tut, der wird mit Vertrauen und Wertschätzung beschenkt." Und dann kann auch manches, was vorher aussichtslos schien, gelingen.