Adrian Heath: Wie eine marokkanische Bande einen englischen Trainer entführte
Ein erfundener Scheich als Vorwand: Der englische Fußball-Trainer Adrian Heath flog in dem Glauben nach Marokko, bald einen neuen Job zu haben – stattdessen wurde er entführt.
Der englische Fußballtrainer Adrian Heath erhielt im Sommer 2024 einen Anruf – und war erst einmal froh darüber. Heath, langjähriger Fußballprofi beim FC Everton im Rang einer Klublegende, hatte viele Jahre in der Major League Soccer als Trainer gearbeitet, doch seit Sommer 2023 war er seinen Job bei Minnesota United los, das er sechs Jahre lang gecoacht hatte. Als ein Fußballagent aus der Heimat anrief und ihm ein lukratives Angebot unterbreitete, war Heath hoffnungsfroh und ließ sich darauf ein. Dass er Opfer eines Verbrechens werden würde, ahnte der damals 63-Jährige nicht.
Heath und seine Ehefrau Jane hatten, nachdem alles überstanden war, zunächst beschlossen, die Geschichte für sich zu behalten. Sie wollten es nicht an die große Glocke hängen. Nur engsten Familienmitgliedern und einigen Freunden berichteten sie von dem traumatischen Geschehen.
Aber ein Jahr später kam erneut ein Anruf – diesmal vom FBI. Der Agent am anderen Ende der Leitung wollte Heath sprechen, weil es einen weiteren Fall gab, in dem ein Fußballtrainer ähnlich abgezockt werden sollte wie in Heaths Fall. Zudem erfuhr er, dass es vor ihm zwei weitere Opfer dieser Masche gegeben habe.
Adrian Heath und Ehefrau wollen an die Öffentlichkeit, um zu warnen
"Als wir den Anruf vom FBI erhielten, dass es wieder passiert war, war ich geschockt", sagte Jane Heath. "Man glaubt, es sei vorbei, aber es wird nie vorbei sein ... und dann der Gedanke, dass eine andere Familie so etwas durchmachen muss." Also entschlossen sich Heath und seine Frau, an die Öffentlichkeit zu gehen, um weitere mögliche Opfer zu warnen, und gaben der "New York Times" ein Interview.
Darin schildert Heath detailreich, welches Martyrium er erlitten hat. Das Angebot eines Klubs in Saudi-Arabien, dass er anderthalb Jahre zuvor erhalten hatte, habe sich seriös angehört. Es sei zwar zunächst wieder auf Eis gelegt worden, weil ein anderer Trainer engagiert worden sei, doch Monate später habe der Agent erneut angerufen: "Adrian, dieser Job ist bald wieder zu haben, und du warst letztes Mal schon ganz nah dran", habe der Agent gesagt. "Möchtest du noch einmal darüber nachdenken?"
Das wollte Heath. Er hatte Lust, wieder als Trainer zu arbeiten. Der Agent zeigte sich am Telefon kenntnisreich und glaubwürdig. Er führte mehrere Gespräche mit dem Mann, seine Frau hörte jedes Mal über Lautsprecher zu. Heath wollte den Job, wenn alles passte. Und das tat es. Sie sprachen über das Gehalt, das Budget für den Trainerstab, über Wohnmöglichkeiten und sogar die Gesundheitsversorgung. Heath rief alte Fußball-Kontakte an, die in Saudi-Arabien arbeiteten, und erkundigte sich über die Liga und den Verein. Sogar Liverpool-Legende Steven Gerrad gab wärmste Empfehlungen ab.
Heath: Alles klang zunächst seriös
Schließlich bat ihn der Agent um ein Treffen mit dem Klubbesitzer, ein Saudi-Scheich, der sich aus geschäftlichen Gründen in Marokko aufhalte. Heath bekam an einem Sonntag ein Flugticket und eine Reservierung für ein Fünf-Sterne-Hotel irgendwo am Mittelmeer. Wenn alles nach Plan laufe, sagte der Agent, könne man am Dienstag in Saudi-Arabien den Vertrag unterzeichnen. Es machte alles einen professionellen Eindruck, so wie Heath und Ehefrau es früheren Vertragsgesprächen kannten. Es gab keine "roten Flaggen".
Am Flughafen in Tanger wurde Heath von zwei Männern mit Blumenstrauß standesgemäß empfangen: Mit dem Auto sollte es dann ins Hotel gehen. Nach 40 Minuten Fahrt bogen sie auf einmal von der Schnellstraße ab, und Heath dachte: "Ach, sie nehmen eine Abkürzung." Nach weiteren 20 Minuten wurde es dunkel und die Straße schmaler, so schildert es Heath. Es war der Moment, in dem er das erste Mal "ein wenig panisch" wurde. Die Fahrt endete in einer "zwielichtigen Gegend in einer kleinen Hafenstadt", und nicht in einem Fünf-Sterne-Hotel am Strand.
Die Männer führten ihn in ein Mietshaus. Die Wohnung war spärlich möbliert, vor den Fenstern hingen dicke Vorhänge. In einem Zimmer, warteten drei Männer. Einer um die 50, einer in den Dreißigern Jahren und ein etwa 20-Jähriger, wohl der jüngere Bruder des 30-Jährigen. Sie sagten zunächst nichts, tranken und rauchten.
Entführer waren bestens informiert
Nach einer Stunde fiel der Satz: "Ihnen ist natürlich klar, dass das nicht das ist, was Sie erwartet haben", sagte der Mann in den Dreißigern zu Heath. "Es wird so laufen: Sie werden uns Geld schicken. Und wenn du das nicht tust, wirst du deine Frau nie wieder sehen. Du wirst deine beiden Kinder und deine Enkelkinder nie wieder sehen." Die Entführer waren über seine Familienverhältnisse gut informiert. Heath geriet in Panik.
Hinzu kam: Seine Frau rief ihn auf dem Handy an, weil sie sich Sorgen machte. Normalerweise telefonierten sie, wenn er im Hotel angekommen war. Diesmal hatte Heath zunächst nur knappe, fehlerhafte Textnachrichten geschickt, was Jane Heath stutzig machte. Also rief sie ihn später an. Die Entführer hielten ihm das Handy vors Gesicht. Heath klang anders, antwortete nur kurz. "Wir sprechen morgen wieder", sagte er. Danach presste ihm einer der Entführer ein Messer an den Hals. "Hör zu", sagte der, "Du hast jetzt ein paar Stunden, Dir alles in Ruhe zu überlegen." Heath hatte Zeit gewonnen, weil er den Entführern erzählt hatte, dass die Banken in den USA jetzt geschlossen hätten.
Die Nacht auf der Couch war das Schlimmste. Er stellte sich schlafend, grübelte aber die ganze Zeit darüber, wie er alles gesund überstehen könnte. "Ich dachte mir, dass es das jetzt wohl gewesen sein könnte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich von hier aus noch nach Hause komme."
Ehefrau und Kind des Entführers kommen ins Zimmer
Am nächsten Morgen eine Überraschung: Die Frau des 30-jährigen Entführers sei in das Zimmer gekommen, zusammen mit dem Kleinkind. Der Kleine schaute ein wenig Fernsehen, später wurde er offensichtlich zur Schule gebracht und Heath rief seine Frau an mit der knappen Bitte, sie möge eine sechsstellige Summe überweisen. Jane ließ sich zunächst eine Notlüge einfallen, um Zeit zu gewinnen. Angeblich hätte sie keinen Zugriff auf das Konto, weil sie es auf seinen Namen umgeschrieben hätten, erzählte sie. Sie könne ohne ihn kein Geld abheben.
Es kam zu Streit und Verhandlungen mit den Entführern, die auf ihr Lösegeld bestanden. Sie verringerten die Summe. Jane log weiter und informierte zwischendurch ihren Sohn Harrison. Der rief seinen Vater ebenfalls an. Aber Heath konnte nicht sprechen: "Harrison, hör mir zu, verdammt nochmal, ich kann nicht", sagte er zu seinem Sohn am Handy.
Dann folgte die unglaubliche Rettung. Die Entführer hatten Heath zwar das Handy abgenommen, aber sie hatten vergessen, die Handyortung auszuschalten.
In den USA saß die Familie zusammen und beriet. Sohn Harrison rief umgehend den Agenten an, der das Treffen in Marokko arrangiert hatte. Er wollte wissen, was los sei. Schließlich hatte die Schwiegertochter Kaylyn Kyle die rettende Idee: Vielleicht konnten sie den Standort über eine Suchapp orten – und siehe da: Es funktionierte. Harrison schickte den Screenshot sofort an den Agenten – und plötzlich ging alles sehr schnell.
Heath wurde von seinen Entführern wieder ins Auto verfrachtet und zum Flughafen gefahren. Dort nahm er den nächsten Flieger, egal wohin. Also flog er nach Madrid. 24 Stunden war er in der Hand seiner Kidnapper gewesen. Am Mittwoch landete er in Minneapolis, wo er dem FBI alles erzählte. Die hätten ihm gesagt: "Sie haben sehr, sehr großes Glück gehabt, dass Sie wieder zurück sind."
Quellen: "New York Times", "11Freunde"