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Sachbuch Spezial | Floskeln von Venetien

Unser Experte Professor Schütz untersucht Texte über die Suche nach dem Zuhause und ein weltprovinzielles Abendland und studiert die Kunst langweiliger Reiseberichte

Alle Bilder dieses Spezials stammen von der Illustratorin Nadine Kolodziey (siehe Info)
Illustration: Nadine Kolodziey

Es gibt den immer mal wieder aufgewärmten Spruch, alles Unglück der Menschheit rühre daher, dass die Leute ihr Zimmer verließen. Das sagt sich so leicht. „Sich ein Zuhause zu schaffen, ist für viele Menschen, die von der Mehrheit der Gesellschaft ausgeschlossen sind, tatsächlich ein Weg, sich einen Platz in dieser Gesellschaft zu errichten, einen Ort persönlicher Sicherheit“, formuliert, steifer, als er ansonsten schreibt, der Kunstkritiker Daniel Schreiber in seinem Essay über die Suche nach einem Ort, an dem man leben will und kann. Zwar ist darin auch von Heimat die Rede, aber mit dem grundsätzlichen Bewusstsein, dass wir, wenn wir in der Heimat sind, zu Besuch oder in Gedanken sind. „In der Regel gibt es Heimat nur dann, wenn man glaubt, sie verloren zu haben.“ Und: „In Wahrheit sind unsere Geschichten des Zuhauses Geschichten des Sich-Niederlassens, des Aufbruchs und des Sich-erneut-Niederlassens.“

Schreiber erinnert sich an sein Pendeln zwischen London, New York und Berlin, an die Geschichte der Großmutter, die aus Wolhynien vertrieben wurde, und die eigene Ausgrenzung als Kind im mecklenburgischen Hort, weil er den Erzieherinnen zu feminin war. Das alles ohne Larmoyanz, vielmehr mit der Perspektive aufs Gehen, um zu sich zu kommen. Was sein Buch zu bieten hat, ist eine im Persönlichen reflektierte Beglaubigung, dass das Zuhause ein Ort ist, den wir uns zuallererst erarbeiten müssen – draußen ebenso wie drinnen.

Kaum jemand hat sich in den beiden letzten Jahrzehnten so sehr und so hartnäckig den Winkeln mittelosteuropäischer Landschaften gewidmet wie Karl-Markus Gauß. Er fungierte als (Wieder-)Entdecker des vom Westen vergessenen Europas im Osten. Unentwegt bewegte er sich durch diese wie in Zeitkapseln eingeschlossenen, nun durchsuchbaren Regionen jenseits der Transitzonen. Alles Geschichten mit einem unverwechselbaren Ton und einer Stimme für die Ausgegrenzten und Übersehenen.

Nun sind wieder vier Geschichten zu lesen. Diesmal aus Moldawien, Serbien, Kroatien und Bulgarien. Unter Deutschlehrerinnen und Schaffnerinnen erfährt er in Moldawien unendliche Armut und freundlichsten Anstand zugleich, findet den saubersten – und zugleich leersten – Bahnhof Europas und einen Hörsaal, in dem die Russisch oder Rumänisch sprechenden Studierenden sich zwar zivilisiert miteinander verhalten, aber beide Seiten felsenfest vom besonderen Wert gerade ihres Nationalismus überzeugt sind. Er reist zu den Gagausen, deren Sprache dem Türkischen verwandt ist, begegnet wohlhabenden Roma und hochgerüsteten Uniformierten, die die Grenze schützen – zum Wohle der EU, wohin Moldawien strebt. In Serbien besucht er die Batschka, die Heimat der Mutter, die so war, wie er es sich 50 Jahre lang ausgemalt hatte. Er lässt sich vom unendlichen Jammer verwaister serbischer Museen anwehen, erinnert sich mit Schaudern, wie er einst im kroatischen Zagreb aus Respekt vor der Gastfreundschaft eine Lammauge verspeiste, doch zwölf Jahre später die bisherige in der neuen Stadt nicht wiederfand. Geht auf Friedhöfe und ergeht sich in Biografien. In Bulgarien wird er von einem alten, kranken Roma vor die titelgebende Alternative gestellt: Zwanzig Lewa oder tot. Allerdings meint der den eigenen Tod. Und wieder die Donau, auch Blutstrom sondergleichen. Wie hier, so greift Gauß immer wieder in die Geschichte aus, verwebt Gegenwart mit Vergangenheit, wie en passant, doch wohldurchdacht. Texte, deren Sog man sich so wenig entziehen mag, wie man ihre Weisheit missen möchte.

„Gutherzigkeit ersetzt nicht Politik“, sagte Christoph Dieckmann im Sommer 2016 in einer Predigt auf der Wartburg und wurde dann doch noch recht pastoral. Nun ist es ohnehin besser, wenn weder Pastoren noch Journalisten Politiker sind. Dennoch ist, was Dieckmann zu seinem Abendland zu sagen hat, durchaus nicht unpolitisch. Geschichten deutscher Herkunft lautet der Untertitel seines Buchs Mein Abendland. Gern nimmt man dafür ein paar Predigteinlagen hin. Ende August 2001 auf der Fähre nach Marseille, in der Morgendämmerung: „Wir werden leben, heute wie für immer. Und den Krieg nicht kennen.“ Um diese längst zertrümmerte, sehnsüchtige Illusion dreht sich insgeheim das Buch, das zur Hälfte aus einem langen, wechselvollen Bericht, zur anderen aus Zeit-Reportagen der jüngsten Jahre besteht. „Ich verbürge, was ich erfuhr. Ich erzähle von meiner Weltprovinz und ihrer Geschichte. Global ist die Kunst.“

Ja, er kann pathetisch sein, seine Herkunftsgeschichten führen den Pastorensohn in Zeiten der Lutherjubilarien in den Osten, nach Halle, Potsdam, Rostock. Sie führen ihn ins ostwestfälische Espelkamp, nach Lübeck, nach Malta, Vukovar, Istanbul, Teheran, Usbekistan. Immer wieder geht es um die Verstörungen des Kriegs, um alltäglichen Fanatismus und jene Menschlichkeit, die für ihn aus den Religionen kommt, solange sie auf Respekt und Toleranz gründen. „Unreligiöse Menschen empfinde ich als meinesgleichen, Fundamentalisten nicht.“ Er folgt den Brüdern Grimm, Rosa Luxemburg und Willy Brandt. Bei so viel Geschichtskenntnis hat die „Lügenpresse“ keine Chance.

Und nun zu uns. Ach, gäbe es sie doch noch, die gefürchteten Dia-Abende! Stattdessen wird man von Reiserückkehrern um ein spiegelndes Tablet oder auch nur Handy versammelt, auf denen die Fotos in Überblendungen abschnurren, während man sich darüber verrenkt, als hinge man an einer indischen Eisenbahn. Welch letzterer Vergleich naturgemäß ein Zeichen für Reiseweltläufigkeit ist. Wir reisen viel und zu vielen. Denn, sagt Edward Dahlberg: „Wer feststellt, dass sein Leben wertlos ist, begeht entweder Selbstmord oder geht auf Reisen.“

So recht wertlos wird das Reisen wiederum durch seine Inflation. Alle reisen ständig. Und alle berichten permanent in allen sogenannten sozialen Medien in Wort und Bild von den Vorbereitungen, von unterwegs, von der Heimkehr – und von den Berichten. Wie man sich in alledem noch Gehör, Aufmerksamkeit, ja, Furcht und Schrecken verschafft, wie man mit offenbaren Geheimtipps um sich wirft, welche Floskeln man niemals vermeiden darf, wie man mit Vorurteilen auf Vorurteile repliziert, durch Abkürzungen oder Venedig-Vergleiche Kennerschaft simuliert und durch all das so einsam wird, wie man es an keinem noch so einsamen Ort der Welt werden könnte, verhandelt Matthias Debureaux ebenso lustvoll wie grimmig in seinem einschlägigen Ratgeber. Damit bei der Lektüre nicht der nämliche Reisebericht-Effekt eintritt, sollte man sie dort absolvieren, wo man ohnehin portioniert und einsam zu lesen pflegt.

Info

Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen Daniel Schreiber Hanser 2017, 144 S., 18 €

Zwanzig Lewa oder tot. Vier Reisen Karl-Markus Gauß Zsolnay 2017, 208 S., 22 €

Mein Abendland. Geschichten deutscher Herkunft Christoph Dieckmann Ch. Links 2017, 272 S., 20 €

Die Kunst, andere mit seinen Reiseberichten zu langweilen Matthias Debureaux Patricia Klobusiczky (Übers.), Nagel & Kimche 2017, 112 S., 12 €

Die Bilder des SPezials

Nadine Kolodziey, Jahrgang 1988, zählt zu Deutschlands talentiertesten Illustratorinnen. Ihre Perspektive ist laut, grell und rätselhaft: „Ich mag es, wenn meine Arbeiten einen schmutzigen, leicht punkigen Stil haben“, sagte die Grafikdesignerin dem Magazin Page. Für Salto Magazine bereist Kolodziey in jeder Ausgabe eine neue Stadt und dokumentiert ihre Beobachtungen grafisch und mit Texten. Dabei legt sie nicht nur die Zeichnung in vielen Ebenen übereinander – auch der Text der Kurzgeschichten ist zur Hälfte in Deutsch, zur Hälfte in Englisch gehalten und kann einzeln wie zusammen gelesen werden. Erschienen, in limitierter Auflage, sind: Salto #1 Berlin und Salto #2 Tokyo. Für das kommende Salto #3 ging es nach Osaka. Mehr Informationen auf nadinekolodziey.com

Erhard Schütz war bis 2011 Professor für Neue Deutsche Literatur an der Berliner Humboldt-Universität. Für den Freitag schreibt er einmal im Monat die Kolumne Sachlich richtig, eine konsequent verknappte, höchst subjektive Auswahl von Sachbüchern, die man unbedingt lesen sollte

Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.




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