Während die Welt aufatmet angesichts der Waffenruhe zwischen den USA und Teheran, gehen in einem Land die Angriffe weiter. Im Libanon regnet es Bomben. Seit dem frühen Mittwochmorgen ist Bewegung in die Eskalatinsspirale im Nahen Osten gekommen. Kurz vor Ablauf des Ultimatums, das der amerikanische Präsident dem Mullah-Regime in Teheran gesetzt hatte, lenkten die USA und Israel ein. Es soll nun Verhandlungen geben zwischen den Kriegsparteien. Auch schweigen vorläufig die Waffen, zumindest weitgehend, die schweren Attacken der Allianz der vergangenen Tage wurden eingestellt. Aber nicht überall. Denn für ein Land in der Region geht der Albtraum unvermindert weiter: Libanon . Im Zedernstaat regnete es auch am Mittwoch den ganzen Tag Bomben. Denn dort befindet sich mit der Hisbollah eine radikale, von Teheran finanzierte Terrororganisation, der Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die Auslöschung versprochen hat. Und dieses Versprechen gedenkt er offensichtlich wahrzumachen, Waffenstillstand hin oder her. Die Leidtragenden sind vor allem die Menschen im Libanon. Ungeachtet der Waffenruhe hatte Israels Luftwaffe am Mittwoch überraschend einen Großangriff auf Ziele im Libanon geflogen. Dabei wurden nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums Dutzende Menschen getötet und Hunderte verletzt. Unter anderem bombardierte die israelische Armee mutmaßliche Hisbollah-Stellungen in der Hauptstadt Libanon. Rauchsäulen stiegen auf, wenig später liefen Bilder über die Ticker der Agenturen, darauf zu sehen: Gebäude in Trümmern, brennende Straßenzüge, verletzte Einsatzkräfte, Menschen in Panik. Offenbar galten die Luftangriffe unter anderem dem Hisbollah-Führer Naim Kassim und dessen Entourage. Sowohl in Beirut als auch im Süden des Landes war der Terrorist vermutet worden, weshalb beiderorts Bomben niedergingen. Ziel eines späteren Angriffs – bei dem ein zehnstöckiges Gebäude in Beirut teilweise zerstört wurde – sei offenbar auch Kassims Neffe gewesen. Bestätigt wurde indes der Tod eines Leibwächters des Hisbollah-Chefs. Israel: "Wird im tiefsten Abgrund der Hölle landen" Israels Verteidigungsminister Israel Katz hatte mehrfach deutlich gemacht, dass Kassim ein Angriffsziel sei. Nach Angriffen der Hisbollah auf Israel während des jüdischen Pessach-Fests warnte Katz zuletzt, Kassim werde "im tiefsten Abgrund der Hölle" landen. Das ist der Ton, der inzwischen herrscht. Und es ist nicht so, dass Israels Zorn nur der Hisbollah gilt. Auch die libanesische Führung wurde zuletzt zum Ziel heftiger rhetorischer Angriffe. So rechtfertigte das israelische Außenministerium die massiven Angriffe auf das Nachbarland mit der vermeintlichen Untätigkeit des Libanon, gegen die Terrororganisation vorzugehen. Demnach schäme sich die libanesische Führung nicht, "Israel dafür anzugreifen, dass es genau das tut, was sie selbst hätten tun sollen: gegen die Hisbollah vorzugehen", hieß es in einem Post des Außenministeriums auf der Plattform X. "Nach Tausenden Angriffen auf Israel von ihrem Territorium aus bringen sie keine Entschuldigung – stattdessen stellen sie Forderungen", lautete die Stellungnahme weiter. "Sie haben die Hisbollah nicht entwaffnet. Sie haben es nicht getan und verhindern es auch nicht, dass sie auf Israel schießt." Die libanesische Führung habe überdies "gelogen, als sie behaupteten, das Gebiet bis zum Litani-Fluss entmilitarisiert zu haben". Jetzt müsse Israel es "an ihrer Stelle tun". Türk: "Ausmaß ist schlichtweg entsetzlich" Hisbollah-Minister seien weiterhin in der libanesischen Regierung aktiv, und der iranische Botschafter bleibe in Beirut, hieß es weiter. "Es ist an der Zeit, gegen die Hisbollah vorzugehen. Mit Taten, nicht Worten. Und wenn man dazu nicht fähig ist – dann sollte man zumindest nicht im Weg stehen." Die israelischen Streitkräfte hätten deshalb "einen Überraschungsangriff auf hunderte Hisbollah-Mitglieder ausgeführt", sagte Katz in einer Erklärung per Video. "Dies ist der schwerste Schlag, den die Hisbollah seit der Operation 'Beepers' erlitten hat", sagte er, wobei er sich auf von Israel organisierte Angriffe im Jahr 2024 bezog, bei denen Pager und Walkie-Talkies hunderter Hisbollah-Mitglieder im Libanon explodierten. Die Angriffe lösten ingternational zum Teil Empörung aus. So verurteilte der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, die israelischen Luftangriffe scharf. "Das Ausmaß der Tötungen und Zerstörungen im Libanon heute ist schlichtweg entsetzlich", sagte der österreichische UN-Diplomat laut einer Mitteilung. "Ein solches Blutbad, nur wenige Stunden nach der Vereinbarung eines Waffenstillstands mit dem Iran , ist kaum zu fassen. Es setzt den fragilen Frieden, den die Zivilbevölkerung so dringend braucht, enorm unter Druck", warnte Türk. Auch der französische Präsident Emmanuel Macron sagte, er habe am Mittwochabend mit dem libanesischen Präsidenten und dem Ministerpräsidenten telefoniert. Macron verurteilte die israelischen Angriffe auf den Libanon "auf das Schärfste". Die territoriale Integrität des Libanon müsse gewahrt bleiben, so der Franzose. Ende der Bombardements nicht in Sicht Inzwischen drohen die Angriffe auf den Libanon auch zur Bealstung für das gerade erzielte Waffenstillstandsabkommen zwischen den USA und Israel und Teheran zu werden. Der Iran machte mit Verweis auf die Vereinbarung Druck auf die USA, Israel zur Einstellung der Angriffe im Libanon zu bewegen. "Die Bedingungen für die Waffenruhe zwischen dem Iran und den USA sind klar und eindeutig: Die USA müssen sich entscheiden – entweder Waffenruhe oder Fortsetzung des Krieges via Israel. Sie können nicht beides haben", schrieb Außenminister Abbas Araghtschi auf der Plattform X. Anders als der Iran sieht US-Vizepräsident JD Vance den Libanon nicht in der vereinbarten Waffenruhe inbegriffen. Dass der Iran davon ausgehe, sei ein Missverständnis, sagte Vance in Budapest. "Weder wir noch die Israelis haben gesagt, dass dies Teil der Waffenruhe sein würde." Vance machte deutlich, dass die USA derlei Versprechen nie auch nur angedeutet hätten. "Was wir gesagt haben, ist, dass sich der Waffenstillstand auf den Iran und die Verbündeten der USA konzentrieren würde". Dazu zählen laut Vance neben Israel auch die arabischen Golfstaaten. Ein Ende der Bombardierungen scheint im Libanon vorerst nicht in Sicht. Israel will nach Angaben seines Militärsprechers trotz der Waffenruhe im Iran-Krieg mit aller Macht weiter gegen die Hisbollah-Miliz im Libanon kämpfen. "Im Libanon stoppen wir nicht und haben nicht für einen Moment gestoppt", sagte Sprecher Effie Defrin in einer Videobotschaft. Der Albtraum geht für Menschen im Libanon wohl noch weiter.