Notlagen früh erkennen: KI im Schwimmbad - ein Kollege, der nie müde wird
Künstliche Intelligenz unterstützt Schwimmbäder dabei, Notlagen früh zu erkennen. Wie Kameras und Smartwatches das Personal entlasten – und warum Menschen dennoch unersetzlich bleiben.
Die Smartwatch der Badeaufsicht schlägt Alarm. Ein roter Punkt ist auf dem Display sichtbar: In der Nähe des Sprungturms im Flensburger Campusbad scheint es einen Notfall zu geben. Beherzt springt die Schwimmmeisterin ins Wasser und holt eine junge Frau aus dem Becken, die leblos auf der Wasseroberfläche treibt. Bei dem Vorfall handelt es sich um keinen echten Einsatz, sondern eine Demonstration, wie KI im Zusammenspiel mit Menschen den Schwimmbadaufenthalt sicherer machen kann.
Seit April 2025 läuft das System im normalen Badebetrieb in Flensburg. In Schleswig-Holstein war das Campusbad eigenen Angaben zufolge das erste Bad, das an seinen vier Becken ein vollständig KI-gestütztes System im laufenden Betrieb hat. "Im Campusbad arbeiten wir aktuell mit 22 Kameras", sagt Betriebsleiter Torben Kablau. Über dem Sportbecken sind zwölf, im Freizeitbereich acht und am Außenbecken zwei installiert. "So stellen wir sicher, dass es keine toten Winkel gibt." In Echtzeit wird die Lage analysiert und in kritischen Situationen Alarm geschlagen.
Nur wenige Schwimmbäder im Norden nutzen bisher KI-Systeme
Das Schwimmbad in Preetz (Kreis Plön) hat seit dem 1. Januar dieses Jahres ebenfalls ein KI-System im Regeleinsatz, wie die Stadt mitteilte. Neun Kameras über dem Mehrzweckbecken und drei weitere über dem Lehrschwimmbecken unterstützen seitdem das Personal.
Die meisten anderen Bäder in Schleswig-Holstein und auch Mecklenburg-Vorpommern haben einer nicht repräsentativen Umfrage der dpa zufolge ein solches System nicht im Einsatz.
Auch bundesweit setzt nur ein Bruchteil der Bäder KI-unterstützte Überwachungssysteme ein, wie der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen, Christian Kuhn, sagt. Dies habe auch mit den hohen Investitionskosten zu tun. Diese summierten sich schnell auf mehrere zehntausend Euro. Auch Folgekosten müssten beachtet werden.
Warum der Einsatz von KI?
"Wir sehen seit Jahren drei Entwicklungen", sagt Kablau. "Es gibt immer mehr Menschen mit fehlender oder unsicherer Schwimmfähigkeit, viele sind konditionell deutlich schwächer und gleichzeitig sind Begleitpersonen oft abgelenkt, sei es durch Gespräche oder das Smartphone." Als Badbetreiber habe man die Verantwortung, diese Lücke zu schließen.
Überflüssig werden die Schwimmmeister durch den Einsatz der KI aber nicht. "Nein, ganz im Gegenteil", versichert Kablau. "Ohne ausgebildete Fachkräfte funktioniert kein Bad – mit oder ohne KI." Denn das System könne nur eines tun: die Wasseraufsicht benachrichtigen, wenn es eine potenziell gefährliche Situation erkennt. "Das tatsächliche Retten, die Erstversorgung, das Koordinieren des Notfalls, die Kommunikation mit Rettungsdiensten – all das kann nur der Mensch übernehmen."
"Unsichtbarer Kollege, der nie müde wird"
Aber: "Das System analysiert durchgehend die Bewegungsabläufe im Wasser und meldet Situationen, die in eine Notlage kippen könnten – also zum Beispiel Kinder oder erschöpfte Schwimmer, die Probleme bekommen", sagt Kablau. In solchen Fällen wird die Wasseraufsicht frühzeitig per Smartwatch gewarnt und kann eingreifen, bevor jemand wirklich in Lebensgefahr gerät.
"Das System unterstützt unsere Fachkräfte am Beckenrand – wie ein unsichtbarer Kollege, der nie müde wird und das ganze Becken gleichzeitig im Blick hat."
Damit sich die Wasseraufsicht nicht zu sehr auf das System verlässt, wird in Flensburg deutlich kommuniziert, dass das System ein Assistenzsystem ist. "Die Wasseraufsicht bleibt immer in der Verantwortung", betont Kablau. Der Blick über dem Becken bleibe der Standard, die KI ein zusätzliches Hilfsmittel.
Fachkräfte fehlen auch im Schwimmbad
Verbandschef Kuhn hofft, dass KI künftig so verlässlich und auch rechtssicher eingesetzt werden kann, dass gegebenenfalls weniger Personal eingesetzt werden kann. Nicht um Kosten zu sparen, wie er sagt. Sondern, damit Bäder geöffnet bleiben können. "Momentan merken wir, dass wir Bäder zum Teil schließen müssen, weil uns das Personal fehlt.""Uns fehlen schlichtweg Leute am Beckenrand", sagt Kuhn. Er beziffert die Zahl auf etwa 3.000 Fachkräfte bundesweit.
Ähnliches beobachtet Kablau. Man sei also weit davon entfernt, Menschen zu ersetzen. "Vielmehr sind Betreiber gezwungen, mit aller verfügbaren Unterstützung – inklusive KI – eine sichere Schwimm- und Badeumgebung zu schaffen."
Auch Bäderland Hamburg setzt auf KI
Auch die Bäder in Hamburg sollen nach und nach mit KI-Systemen ausgestattet werden. "Wir haben einen Standort in der Pilotphase", sagt Bäderlandsprecher Michael Dietel. Seit Ende 2024 ist ein KI-System im Billebad im Einsatz. Das System erkennt dabei wichtige Körperpunkte der Schwimmenden wie Gelenke und Gliedmaßen. Das Gesicht sei für die Funktion des Systems nicht relevant.
Mit dem Piloten ist man beim Bäderland zufrieden. Man habe sich entschieden, dass man diese als zusätzliches Sicherheitsnetz auf jeden Fall auch in allen anderen Standorten ausrollen wolle, sagt Dietel. Es sei ein relativ großes Projekt."Wir reden hier über 20 Standorte."
Auch im Billebad hat die KI Alarme ausgelöst. "Das System löst häufig aus", sagt Dietel. Es sei ja auch gut, lieber einmal zu viel auf Situationen aufmerksam zu machen, die vielleicht gar keine Problemfälle seien, als einen kritischen Fall durchrutschen zu lassen. "Es geht ja auch darum, dem Personal doppelten Boden zu geben." Denn auch dieses könne mal abgelenkt sein, etwa durch ganz normale Kundenkommunikation.