Internet-Altersgrenze: Diese Verbote machen nicht klüger
Von Dagmar Henn
Zensurmeister Daniel Günther, der schleswig-holsteinische Ministerpräsident und gelegentliche Privatmann, hat wieder einmal nachgelegt und die Debatte um ein Social-Media-Verbot für Jugendliche forciert. So wie ja auch Bundeskanzler Friedrich Merz, dem einst die Offenlegung seiner Nebeneinkünfte als Abgeordneter schon zu weit ging, mit derselben Berufung auf Jugendschutz Klarnamenpflicht im Netz fordert. Wobei selbstverständlich jeder weiß, dass sich jede Sperre technisch umgehen lässt ‒ inzwischen gibt es KI-Bots auf Sticks für zehn Euro...
Was nicht heißt, dass es zu diesem Rauch kein Feuer gäbe. Nur weil die eigentliche Absicht mit dieser Debatte eine noch stärkere Kontrolle über alle Nutzer des Internets ist, ist der Stellenwert, den diese Medien mittlerweile im Alltag von Jugendlichen einnehmen, nicht unproblematisch. Ganz im Gegenteil. Nur sind Alterskontrollen bei der Nutzung bestimmter Dienste keine Lösung, sondern bestenfalls die Vortäuschung derselben. Und es stellt sich durchaus die Frage, ob eine Lösung von den Protagonisten überhaupt gewünscht ist.
Die Diagnose ist an sich zutreffend. Die Aufmerksamkeitsspanne sinkt, weil das Interesse an der Nutzung durch schnelle Aktivierung der Belohnungsmechanismen geweckt wird. Gleiches gilt für die Fähigkeit, unterschiedliche Informationen zu verknüpfen, ja, selbst für die Wahrnehmung unmittelbar erfahrbarer Kausalitäten. Gleichzeitig verliert die soziale Kommunikation an Tiefe und Dauerhaftigkeit.
Aber die Auslöser dafür waren schon lange vor dem Siegeszug dieser Medien gesetzt. Etwa durch das Verschwinden von wirklichen Freiräumen für Jugendliche (damit ist nicht das Abhängen auf öffentlichen Plätzen gemeint). Was letztlich das Verschwinden von originärem sozialem Erleben bedeutet. Wenn Kommunikation über soziale Medien, die immer eine Kommunikation ist, der einige Ebenen realer menschlicher Kommunikation fehlen, attraktiv scheint, dann hat das auch mit einem Mangel an dieser realen Kommunikation zu tun.
So, wie die Attraktivität, gegebenenfalls irgendwelche Wissensschnipsel auf Video zu konsumieren, durch ein Fehlen des Selbermachenkönnens erheblich gesteigert wird. Denn die echte Konkurrenz zum geistigen Fast-Food, das aus den sozialen Medien zu saugen ist, die unmittelbare sinnliche Erfahrung, die Befriedigung, die ein eigenes Begreifen verschafft, tritt gar nicht an.
Das Problem? Die Entwicklung menschlicher Erkenntnisfähigkeit ist kein abstrakter Vorgang, ebenso wenig wie die Entwicklung der sozialen Fähigkeiten. Die eine braucht das Haptische, die Hände und die Sinne, die andere braucht vor allem Menschen, echte, lebende, fleischliche Zeitgenossen. Die letzte Umgebung, in der beides auf altersgemäße Weise meist geboten wird (solange noch nicht durch völlige Auflösung der Gruppen ein Teil des sozialen Lernens auch noch gekappt wird), ist der Kindergarten. In der Grundschule schlägt dann bereits die Konkurrenz zu. Sprache wird zum sozialen Filter, während sie gleichzeitig Träger von Wissen sein soll, das nur noch selten unmittelbar sinnlich ist. Spätestens im letzten Grundschuljahr (sofern nicht ohnehin die Bruchlinien der babylonischen Sprachverwirrung die sozialen Beziehungen dominieren) fräst sich dann die anstehende Aufteilung quer durch die Freundschaftsgefüge.
Was passiert, wenn Bücher und Hefte durch Tablets ersetzt werden und das händische Schreiben immer weiter zurückgedrängt wird? Es verschwindet die Schulung der Feinmotorik, und sie wird auch durch nichts anderes ersetzt. Nur dass die Feinmotorik von der Entwicklung des Gehirns nicht zu trennen ist, was man bei Kleinkindern bestens beobachten kann. Was passiert also, wenn die feinmotorischen Reize weiter reduziert werden? Da ohnehin schon auch all die anderen sensorischen Reize weniger werden?
Ob man eine Frage richtig beantwortet, womöglich ohne das Warum zu verstehen, oder ob man einen Moment wirklicher, eigener Erkenntnis erlebt, das sind zwei Ereignisse unterschiedlicher Qualität. Ersteres bleibt den Reizen, die beispielsweise von entsprechend erstellten Videos ausgehen, immer unterlegen. Aber das Zweite? Wenn man aufreihen wollte, welche Varianten es gibt, etwa vom Verhalten korrespondierender Röhren zu erfahren, dann ist die am wenigsten anregende bestimmt, dass jemand das vorerzählt. Ein kleines Video mit einem Experiment ist da eingängiger. Aber selbst ausprobieren zu können, ist definitiv die beste Version. Und die Befriedigendste. Was aber passiert, wenn es die zweite Version gibt und auf die erste zurückgezwungen wird? Frustration und Zorn, sonst nichts.
Wobei natürlich die beste Variante eine des Selbstausprobierens in einer Gruppe ist, schon allein, weil dann spannendere Ideen entstehen, aber auch, weil ganz nebenbei eben etwas Soziales passiert, was ebenso wichtig ist. Womöglich sogar, dass die einen den anderen helfen. Und sich eine Position auf einem Lehrplan in ein Erlebnis verwandelt, das aus sich selbst heraus im Gedächtnis bleibt.
Das Bulimie-Lernen, das die Schüler in eine Art dressierter Äffchen transformiert, die nur mit Wissensbruchstücken gefüttert werden, aber keiner Erzählung, in die sie diese einsortieren können, schwächt die Position der Bildung auf Dauer. Die Literatur der Vergangenheit wird selbst in den Gymnasien nur noch gestreift, einzelne Szenen aus Stücken, statt das Stück zu sehen und dann den Text im Detail zu betrachten ‒ dabei ist das eine der einfachsten Methoden, um wahrnehmbar werden zu lassen, wie sehr sich Wahrnehmung und Mentalität im Zeitverlauf ändern können, oder auch, wie groß der Abstand zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten ist, in dem sich üblicherweise die Schauspieler tummeln. Zugegeben, dabei geht es nur partiell darum, Liebe zur Literatur oder zur Geschichte des eigenen Landes zu wecken ‒ ganz nebenbei kann so erlernt werden, Texte in ihren unterschiedlichen Dimensionen wahrzunehmen, was Voraussetzung dafür ist, das, was tagtäglich als Text serviert wird, kritisch betrachten zu können. Aber vielleicht ist ja gerade das nicht gewünscht.
Was man an der aktuellen Zensurmanie durchaus sehen kann. Oder an den Gutachten des Bundesamts für Verfassungsschutz. Weil eben all die Kriterien, die man mindestens dann gelernt haben sollte, wenn man ein Gymnasium aufgesucht hat, nicht angewandt werden. Angefangen mit der Frage, wer Autor und wer Publikum ist, über Fragen der Reichweite, über die Subtexte, die womöglich enthalten sind (das Wort "Schwachkopf" kann auf Habeck zielen, es kann aber auch zärtlich gemeint sein), bis hin zu Veränderungen in Bedeutung und Nutzung von Worten. Das wird durch Moral ersetzt ‒ Götz von Berlichingens "Er aber, sag's ihm, er kann mich im Arsche lecken" wird in diesem Kontext von einem Ausdruck legitimer Rebellion zu einer homophoben Beleidigung, die am besten nicht mehr gespielt werden sollte, ein klarer Fall für Hate Aid.
Es fehlt nicht nur Sinnlichkeit, es fehlt Subtilität. Es fehlt die Wahrnehmung für Widersprüche. Oder dafür, wie verschiedene Bereiche ineinandergreifen. Trigonometrie und das Privateigentum an Grund und Boden beispielsweise. Denn wann muss man Dinge vermessen? Erst, wenn es Streitigkeiten darum geben kann. Die Vereinheitlichung von Maßstäben folgt den Bewegungen des Handels, was sich an den Ellen an mittelalterlichen Rathäusern noch erkennen lässt. Das Messen ist eine ursprünglich soziale Handlung, hat notwendigerweise immer ein Gegenüber, sei es jemand, der denselben Besitz beansprucht, wie im Falle der Vermessung, oder jemand, der einen Tausch vornehmen will, Ware gegen Ware oder Ware gegen Geld.
Es ist etwas völlig anderes, wenn man rund um das Messen diese Informationen erhielte. Wenn Trigonometrie beispielsweise mit dem Ausmessen des Schulgrundstücks verbunden würde. Aber all solche Dinge sind weder beabsichtigt noch möglich. Schließlich gibt es seit vielen Jahren Lehrkräftemangel. Und knappe Budgets. Und außerdem hat eigentlich niemand mehr Erfahrung mit anderen Methoden. Außer vielleicht im Bereich der Berufsschulen.
Dumm nur, dass etwas wirklich Besseres, also ein Bildungsangebot, das in der Konkurrenz mit der bunten Welt hinter den Bildschirmen nicht unterliegt, auch eine soziale Voraussetzung hätte ‒ die Abschaffung der heutigen Form der Konkurrenz und stattdessen eine Betonung all jener Bereiche, in denen etwas gemeinsam getan werden kann, sei es ein Weihnachtsessen zu kochen oder Chorgesang. Weil es ja neben dem geistigen Fast-Food auch noch die vorgetäuschte Gesellschaft gibt, die sich in den sozialen Medien formiert, mit Klatsch und Tratsch. Die nur deshalb derart toxisch wird, weil zum einen der Umfang eigener sozialer Erlebnisse zurückgeht und zum anderen auch die Fähigkeiten, mit Texten und Aussagen kritisch umzugehen, nicht geschult, die Botschaften auf ihre Oberfläche reduziert werden.
Daher nun zur eigentlichen Frage: Wenn die Reaktion auf die ‒ messbare ‒ Verdummung durch diese Angebote und den erkennbaren weiteren Verlust an sozialer Kohärenz eine Alterskontrolle ist, ohne dass sich am gegebenen Mangel etwas ändert, wie glaubwürdig ist das dann? Das Problem selbst ist zweifelsohne ernst, denn im Ergebnis erhöht sich der Anteil leicht Manipulierbarer weiter, aber dafür sind die verfochtenen Verbote keine Lösung. Erst recht nicht bei Jugendlichen, für die naturgemäß das Verbotene attraktiver ist als das Erlaubte, weshalb vermutlich auch das implizite Ziel, die Stellung der Leitmedien etwas zu stärken, nicht erreicht werden dürfte. Etwas anderes als Verbote ist aber nicht geplant.
Während also die wirkliche Frage ohne Antwort bleibt, wird gleichzeitig der Spielraum für Überwachung und Kontrolle allen Internet-Nutzern gegenüber noch einmal deutlich ausgeweitet. Man könnte sagen, je dümmer die Herde, desto höher die Zäune. Mit Jugendschutz hat das aber nichts zu tun.
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