Nach außen jubelt die AfD über ihr gutes Ergebnis im Südwesten. Innen aber rumort es. Erhebliche Kritik gibt es an Spitzenkandidat Frohnmaier. Der habe Prozente gekostet. In Teilen der AfD ist der Unmut groß. Ein an sich hervorragendes Wahlergebnis hat die Partei in Baden-Württemberg eingefahren. 18,8 Prozent, so viel hat noch kein West-Verband bei einer Landtagswahl geholt. Das ist doppelt so viel wie 2021, bei den Arbeitern ist sie mit Abstand stärkste Partei und wird inzwischen offenbar als kompetent wahrgenommen auch im Themenfeld Wirtschaft, das für die Baden-Württemberger das wichtigste war. Nur: Mit ihrem Spitzenkandidaten Markus Frohnmaier hat dieses Ergebnis wenig zu tun, so sehen es viele in der Partei, die sich mit Wahlkampf gut auskennen. Im Gegenteil sogar. Aus dem Umfeld des Bundesvorstands ist die These zu hören: Bis zu vier Prozent mehr wären drin gewesen wären, hätte sich der Spitzenkandidat anders verhalten. Von einem "Napoleon-Komplex" ist in der AfD mit Blick auf den recht klein gewachsenen Frohnmaier die Rede. Ein geschickter Strippenzieher sei er, sichere sich auf allen Ebenen Mehrheiten, häufe so immer mehr Ämter und Macht an. Das aber geschehe nicht zum Wohle der Partei, sondern allein für den eigenen Vorteil. Im Wahlkampf habe er sich zum Nachteil der AfD dann erheblich verzettelt zwischen seinen ganzen Zuständigkeiten, den falschen Fokus gesetzt und schwere Fehler begangen. Doch nicht nur daran übt man in der Partei Kritik. Man stellt sich auch ganz grundsätzliche Fragen. Der Unmut wegen US-Reise im Wahlkampf-Endspurt ist groß Frohnmaiers Parteikollegen nennen vor allem zwei Punkte, gefragt nach dessen Fehlern im Wahlkampf. Erstens: seine USA-Reise im Wahlkampf-Endspurt. Frohnmaier nämlich schwänzte mehrere Tage in der Woche direkt vor der Wahl, inklusive des Wahlkampf-Abschlusses. Die Bundesvorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla standen in Rottweil allein auf der Bühne. Ihr Spitzenkandidat tourte derweil statt durch Baden-Württemberg durch die USA . Frohnmaier ist seit Beginn der neuen Legislatur im Bundestag auch außenpolitischer Sprecher der Fraktion und gilt als erpicht darauf, in Washington als erster Ansprechpartner für die AfD wahrgenommen zu werden. Außer einer Konferenz und einem Termin aber blieb sein Terminkalender dort leer, wie "Politico" berichtete. Ein "unmögliches" und "unverantwortliches" Timing attestieren sie ihm in der Partei unter der Hand. Und ziehen nach dem "Politico"-Text die Bilanz: für nichts und wieder nichts. Frohnmaiers Verwandten-Affäre Zweitens steht Frohnmaier wegen der Vetternwirtschaft-Affäre in der Kritik – außerhalb wie innerhalb der Partei. Wie t-online exklusiv berichtete, sind Frohnmaiers Vater sowie seine Ehefrau bei Parteikollegen von ihm beschäftigt. Diese sind beide erst im Jahr 2025 in den Bundestag eingezogen, stammen aus Baden-Württemberg und wurden unter Frohnmaier, der im Südwesten auch noch Co-Chef des Landesverbands ist, auf gute Listenplätze gesetzt. Damit aber nicht genug. Frohnmaiers Ehefrau soll allein in den letzten zwölf Monaten Verträge bei noch zwei anderen AfD-Abgeordneten im Bundestag gehabt haben, wie "The Pioneer" berichtete. Auch diese beiden Abgeordneten stammen aus Baden-Württemberg, auch sie sind neu in den Bundestag eingezogen. Die Anstellungen folgen damit einem System, das sich wie ein roter Faden durch die Vetternwirtschaft-Affäre der AfD zieht: Ältere und hierarchisch einflussreichere Funktionäre bringen offenbar Verwandte oder Ehefrauen bei ganz frischen Abgeordneten unter, die ihre Plätze ihnen zu verdanken haben. Frohnmaier weist das von sich. Auf einer Pressekonferenz zur Wahlnachlese in Stuttgart am Montag beteuerte er, er könne als Landeschef nicht einfach "mit dem Finger schnippen". Die Kandidaten auf der Landesliste würden von den Delegierten der Partei auf einem Parteitag ordentlich gewählt. t-online aber liegen zahlreiche Belege vor, die zeigen: Zu der Landesliste für die Bundestagswahl hat es in Baden-Württemberg im Vorfeld in WhatsApp-Gruppen und persönlichen Gesprächen mit Delegierten und Kreisvorständen sehr genaue Absprachen zur Aufstellung gegeben. Dirigiert von ganz oben. Sorge mit Blick auf das so wichtige Sachsen-Anhalt Es ist ein Problem, dass man in der AfD nicht nur in Baden-Württemberg sieht, sondern auch im für die Partei noch wichtigeren Bundesland Sachsen-Anhalt. Dort wird im September gewählt, man hofft auf die absolute Mehrheit und die erste Alleinregierung. Der Landesverband aber war der erste, der von der Verwandtschaft-Affäre durch Hinweise aus der Partei heraus erschüttert wurde. Und er hat besonders krasse Fälle aufzuweisen. Verwandte von Spitzenfunktionären, auch von Spitzenkandidat Ulrich Siegmund, sind reihenweise bei Kollegen beschäftigt. Nach demselben Muster, das man auch bei Frohnmaier sieht. Schwer einzuschätzen sei, welche Auswirkungen die Affäre im Südwesten auf das Ergebnis gehabt habe, heißt es aus der Partei. Doch man vermutet: Gerade bei den Schwaben in Baden-Württemberg, denen traditionell große Sparsamkeit nachgesagt wird, dürfte der Verdacht von Vetternwirtschaft und Steuergeldverschwendung geschadet haben. Wie man das Problem insgesamt, aber auch mit Blick auf Sachsen-Anhalt, lösen wolle, sei fraglich. Der Bundesvorstand jedenfalls mache insgesamt wenig Anstalten, tatsächlich aufzuräumen. Tatsächlich ist vor Kurzem zur Aufklärung eine sogenannte "Vertrauensgruppe" eingesetzt worden – die aber soll sich allein auf die Fälle in Niedersachsen konzentrieren. Warum eigentlich nicht Alice Weidel? Als Geburtsfehler sieht mancher inzwischen überhaupt das Aufstellen von Frohnmaier als Spitzenkandidat. Freilich gilt dabei die Regel: Hinterher ist man immer schlauer. Als Problem aber wird gesehen, dass Frohnmaier zwar eine steile Parteikarriere, aber weder einen Berufs- noch einen Studienabschluss im echten Leben vorzuweisen hat. In der AfD war Berufserfahrung außerhalb der Politik früher ein hohes Gut, lange sogar eine Pflichtvoraussetzung für die Bewerbung auf Mandate. Schon bei Frohnmaiers Wahl zum Vorsitzenden des Arbeitskreises Außen und damit zum außenpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktion äußerten ältere Kollegen deswegen heftig ihren Unmut. Schwerwiegender noch: Frohnmaier hatte nie das Ziel, von Berlin nach Stuttgart zu wechseln. Er ließ sich – im Gegensatz zu all seinen Kollegen, die die Spitzenkandidatur in anderen Ländern ausfüllen – weder im Wahlkreis noch auf der Landesliste aufstellen. Seine Kandidatur blieb eine reine Show-Kandidatur. Kritik richtet ein Bundestagsabgeordneter, der nicht namentlich genannt werden will, deswegen auch in Richtung der Parteichefin Alice Weidel. Die stammt wie Frohnmaier nämlich aus dem Landesverband Baden-Württemberg. "Wenn man schon einen Kandidaten aufstellt, der eh nicht die Absicht hat, von der Bundespolitik in die Landespolitik zu wechseln, dann hätte man das bekannteste Gesicht nehmen müssen", sagt er im Gespräch mit t-online. "Und das ist nun mal Weidel." Tatsächlich ist diese Möglichkeit auch in der Presseberichterstattung vollkommen untergegangen. Zur letzten Landtagswahl in Sachsen und mit Blick auf den aus Sachsen stammenden Bundeschef Tino Chrupalla ist die Frage, ob Chrupalla es nicht machen müsse, hingegen breit in der Öffentlichkeit diskutiert worden. Ein Novum: Bundeschefs meiden Spitzenkandidaten Die Bundesspitze geht eingehenden kritischen Fragen zum Baden-Württemberg-Ergebnis und ihrem Spitzenkandidaten lieber aus dem Weg. Die sonst bei der AfD übliche gemeinsame Wahlnachlese von Landes- und Bundesspitze sagte man kurzfristig ab. Nach Einschätzungen aus der Partei ist das ein Novum. Die Frage nach dem Grund der Absage wollte t-online in der Pressestelle der Partei niemand offiziell beantworten. Frohnmaier begründete diesen Schritt in der Pressekonferenz am Montag, die er dann mit seinem Co-Chef Emil Sänze allein bestreiten musste, unter anderem mit Raumproblemen. Der sonst für die Wahlnachlese oft genutzte Raum in der Bundespressekonferenz in Berlin sei nicht mehr so leicht verfügbar. Eine absurde Argumentation – schließlich war der Termin mit Weidel und Chrupalla ohnehin in Stuttgart angekündigt. Ob es zu einer ehrlichen Aufarbeitung des Wahlkampfs kommt und so Besserung in Sicht ist, bezweifelt man in der Partei. Vermutlich laufe es wie immer, heißt es: Es werde einfach weitergemacht wie bisher, Strategie nicht weiter besprochen. Der Bundesvorstand wird sich dem Thema Landtagswahl in Baden-Württemberg in seiner Sitzung am nächsten Montag widmen. Eine Erstanalyse zur Wahl liegt der Bundesspitze vor, auch t-online hat das Papier. Darin aber wird nur das – insgesamt ja gute – Ergebnis und die Performance der Partei ausgeleuchtet. Der Spitzenkandidat spielt darin kaum eine Rolle, Vetternwirtschaft und US-Reise werden gar nicht erwähnt.