Toleranzprobe: indische Arbeiter auf den Straßen
Niedrigere Kasten?
„Keine Sorge, Nachbarn – zum Schneeschaufeln sind Inder im Einsatz, die von Tadschiken beaufsichtigt werden.“ So lautet eine echte Nachricht aus dem Chat einer ganz gewöhnlichen Wohnanlage im Stadtteil Lefortowo, in dem sich Bewohner gegenseitig auf dem Laufenden halten. Dass sich Nachbarn überhaupt zusammenschließen, ist an sich schon erfreulich: In der Regel kennen sich die Menschen im selben Hausflur kaum, tauschen kein Wort und grüßen im Aufzug höchstens widerwillig. Erstaunlich ist hier jedoch etwas anderes – nämlich die Präsenz indischer Arbeitsmigranten auf Moskaus Straßen. Und nicht zu übersehen ist auch die augenzwinkernde „Befüwortung“ zentralasiatischer Kollegen: Die Teilnehmer jenes Chats mögen das anders sehen, doch nicht wenige Moskauer betrachten tadschikische Arbeiter offenbar als „niedere Kaste“.
Auch in Russland: Fachkräftemangel
Zur wachsenden Zahl von Migranten in Russland – und speziell in Moskau – äußerte sich Bürgermeister Sergej Sobjanin im Dezember unmissverständlich: Niemand verdränge Einheimische von Arbeitsplätzen, es mangele schlicht an Arbeitskräften. Dass viele Zugewanderte gering qualifiziert seien, stimme – doch eben diese Tätigkeiten übernähmen sie auch. Und mehr Migranten als zuvor gebe es seiner Ansicht nach nicht.
Vor diesem Hintergrund ist zu beachten, dass zahlreiche russische Regionen in jüngster Zeit Einschränkungen für ausländische Beschäftigte in bestimmten Branchen eingeführt haben – etwa im Taxigewerbe, im öffentlichen Nahverkehr oder in der Gastronomie. Verbote werden oft auf regionaler Ebene umgesetzt. Experten sprachen von einem gewissen Rückgang zentralasiatischer Arbeitsmigranten, also aus Ländern mit visafreiem Zugang nach Russland.
Gleichzeitig wurden jedoch die Kontingente für Arbeitskräfte aus Ländern ohne Visafreiheit in den letzten Jahren deutlich erhöht: Betrug die Quote 2024 noch knapp 156.000 Personen, stieg sie 2025 auf 235.000. Für 2026 ist sie erneut angehoben worden – auf 279.000 Arbeitsmigranten.
Warum ausgerechnet Inder?
Fast ein Drittel der russischen Quote für Arbeitsmigranten aus visapflichtigen Ländern entfiel 2025 auf Staatsbürger Indiens. Das zumindest berichtet das Arbeitsvermittlungsbürо in Delhi, das sich auf Stellen im Ausland spezialisiert hat. Laut dessen Angaben arbeiteten bereits im Dezember des vergangenen Jahres mehr als 70.000 indische Staatsbürger in Russland. Auch 2026 dürfte dieser Trend anhalten – für das laufende Jahr erwartet man weitere 40.000 Inder. Der Grund für diesen Zustrom liegt auf der Hand: der Lohnunterschied. Wie die Expertin des Zentrums für die Entwicklung humanitärer Technologien „Nowaja Era“ Elwira Grezowa im Gespräch mit dem Portal „Runews24“ erklärte, liegt das Monatsgehalt eines Facharbeiters in Indien bei 300 bis 450 US-Dollar, während russische Arbeitgeber 800 bis 1200 Dollar zahlen. Zumindest in Moskau, St. Petersburg und anderen russischen Städten, die dringend Arbeitskräfte suchen, sind solche Gehälter durchaus realistisch. Kein Wunder also, dass Inder gern nach Russland kommen.
Auch russische Arbeitgeber profitieren: Ausländer aus visapflichtigen Ländern sind stärker an einen konkreten Arbeitsplatz gebunden. Dieser ist in ihrer Arbeitserlaubnis festgeschrieben, ein legaler Wechsel zu einem anderen Arbeitgeber gestaltet sich daher kompliziert. Anders als bei Indern können Arbeitsmigranten aus GUS-Staaten ihren Arbeitgeber jederzeit wechseln. Verluste sind also vorprogrammiert. Hinzu kommt: Die befristete Arbeitserlaubnis nach Kontingent wird für ein Jahr erteilt und muss nicht – wie die Patente für Beschäftigte aus GUS-Ländern – laufend verlängert werden.
(Un)überwindbare Barrieren
Russische Arbeitgeber und Personalagenturen haben sich bereits ein Bild von indischen Arbeitsmigranten gemacht. Sie „begreifen schnell, faulenzen nicht und machen genau das, was man ihnen sagt“, so Marija Tjabina, Leiterin der Abteilung für Komplettreinigung bei der Verwaltungsgesellschaft Kolomjaschskoje. Als Vorzüge indischer Arbeitskräfte nennen Personalvermittler körperliche Ausdauer, Disziplin, Englischkenntnisse und moderate Gehaltsvorstellungen.
Doch natürlich ist die Lage nicht so rosig, wie manche Agenturen sie darstellen – insbesondere indische Agenturen. Zwar ist Englischkenntnis zweifellos ein Plus, vor allem bei qualifizierten Tätigkeiten (denn längst nicht alle indischen Arbeitsmigranten landen in den Reihen städtischer Kommunaldienste). Doch mit Russischkenntnissen sieht es bei Indern in der Regel deutlich schlechter aus als bei Bürgern aus GUS-Staaten. Was die körperliche Belastbarkeit angeht, zeigt sich der Unterschied besonders im Winter: An russische Fröste müssen sich Bewohner von Ländern, in denen Schnee unbekannt ist, erst gewöhnen. Auch mit der Disziplin steht es nicht überall zum Besten. Einige Arbeitgeber beklagen, dass indische Arbeitsbrigaden nur dann effizient arbeiten, wenn der Vorgesetzte zuschaut – weicht sein Blick ab, kommt die Arbeit mitunter zum Erliegen. Ob Arbeitnehmer und Arbeitgeber diese kulturellen und verhaltensbedingten Barrieren langfristig überwinden können, lässt sich derzeit noch nicht sagen.
Ängste und Mutmaßungen
Doch die größten Fragen und Ängste der Russen haben weniger mit den beruflichen Fähigkeiten der Inder zu tun. So weist eine Video-Bloggerin darauf hin, dass vor allem junge Männer aus Indien nach Russland kommen – ohne Familien und mit eigenen Vorstellungen von der körperlichen Unversehrtheit von Frauen. Blogger des Kanals „Westnik Umy“ erkennen im gezielten Zuzug indischer Arbeitskräfte eine Diskriminierung von Muslimen (Warum lädt man nicht Arbeiter aus Pakistan ein?). Am meisten beschäftigt die Moskauer jedoch die Frage der Hygiene. Ein Thema, das durchaus Aufmerksamkeit verdient – das aber häufig vor dem Hintergrund offensichtlicher Fakes aufkommt. Millionen Klicks sammeln im Netz Videos, in denen angeblich Inder direkt vor dem Kreml in der Moskwa ihre Wäsche waschen. Empörten Kommentatoren sei gesagt: Im Winter ist das Waschen von Kleidung in der Moskwa praktisch unmöglich. Doch solche KI-generierten Videos, die gezielt Ängste in der Bevölkerung schüren, werden gern geglaubt. Ein weiterer Toleranztest für die Russen.
Igor Beresin
Запись Toleranzprobe: indische Arbeiter auf den Straßen впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.