Die Nordische Kombination will weiter olympisch bleiben. Die Athleten beweisen eine klare Haltung – und kämpfen auch für die ausgeschlossenen Frauen. Aus Predazzo und Tesero berichtet Melanie Muschong Als Vinzenz Geiger nach dem Springen von der Normalschanze am Mittwoch in die Mixed Zone zu den Journalisten kam, wirkte der Nordische Kombinierer entspannt. Gedanklich war er wahrscheinlich schon bei den 10 Kilometern, die er am Nachmittag zu bewältigen hatte. Zahlreiche Zuschauer hatten sich am Vormittag auf den Weg zu den Schanzen gemacht, um die Sportler zu unterstützen. Auch unzählige Medienvertreter waren vor Ort, die Stimmung war ausgelassen. Ein wichtiges Signal, vor allem an das Internationale Olympische Komitee (IOC). Das Interesse an der Nordischen Kombination ist zwar groß. Doch ob die Traditionssportart, die die Einzeldisziplinen Skispringen und Skilanglauf kombiniert, auch noch in vier Jahren – also 2030 – bei den Winterspielen dabei sein wird, ist aktuell unklar. Norwegen-Star schieb deutschem Olympiasieger Schuld zu: "Hat den Mund ein bisschen zu weit aufgemacht" Horngacher hört nach der Saison auf: Neuer Skisprung-Bundestrainer? Star-Coach reagiert Schon jetzt dürfen nur die Männer in Italien um Medaillen kämpfen. Die Frauen und Leistungsträgerinnen der Sportart wie die Deutsche Nathalie Armbruster sitzen zu Hause vor dem Fernseher und müssen zusehen. Die Nordische Kombination (NoKo) ist die einzige Sportart, die bei diesen Spielen nur von einem Geschlecht vertreten wird. Armbruster äußerte sich vor den Winterspielen auf Instagram. "Niemandem sollte die Möglichkeit verwehrt werden, seine Träume zu leben – nur weil man eine Frau ist", sagte die DSV-Athletin, die sonst sicher Edelmetallchancen gehabt hätte. Die Frauen sind nicht dabei, weil das IOC der Meinung ist, dass die Damenwettbewerbe noch zu jung seien. Seit der Saison 2020/21 veranstaltet der Internationale Skiverband (Fis) auch Weltcuprennen für die Frauen. Laut IOC hätten die Frauenwettbewerbe jedoch zu wenige Zuschauer. Die Wettbewerbe sind laut IOC nicht so attraktiv und deshalb schwer zu vermarkten. Zudem sei "die Leistungsdichte" laut IOC zu gering, sprich: Es träten nicht genügend Nationen bei den Frauen an. Olympia heute live: So läuft der sechste Tag Ähnliches sagt das IOC auch über die Wettbewerbe der Herren, weshalb die Zukunft der Sportart bei den Olympischen Spielen insgesamt zur Disposition steht. Die Zukunft der Nordischen Kombination hängt aktuell also am seidenen Faden. Es geht dabei allerdings um noch viel mehr. Denn sollte die NoKo in vier Jahren nicht mehr olympisch sein, drohen auch dem Skispringen große Gefahren. t-online hat mit Sportlern vor Ort, aber auch mit DSV-Sportdirektor Horst Hüttel über die aktuelle Situation gesprochen. Frauen durften nicht antreten: "Leider nur die halbe Kombination" Der Kombinierer Johannes Rydzek wertete es als gutes Zeichen, dass am Mittwoch so viele Fans den Weg an die Schanze gefunden hatten: "Sie feiern unsere Sportart. Es ist schön zu sehen, dass es so angenommen wird und wir so viel Unterstützung haben." Der 34-Jährige hob den Reiz der Kombination aus Skispringen und Langlauf hervor. In einem Wettkampf könne "die Action vom Skispringen gesehen werden und dann ein Rennen wie im Langlauf. Ich glaube, das werden die Leute, die hier sind, auch sehen und hoffentlich nach draußen tragen." Rydzeks Teamkollege Julian Schmid sah es ähnlich: "Unsere Sportart hat hier in Europa einen guten Background. Die Leute kommen. Man sieht, dass es wertgeschätzt wird." Eine Wertschätzung, die aus Sicht der Athleten auch das IOC teilen sollte. Immerhin: Präsidentin Kirsty Coventry war vor Ort und fieberte live auf der Tribüne mit. Im Anschluss sprach sie kurz mit Athleten wie Vinzenz Geiger und Schmid. Für Rydzek war der Mittwoch daher ein Tag der "Werbung für unseren Sport". Er kritisierte aber auch, dass bei diesen Spielen "nur die halbe Kombination" zu sehen gewesen sei. "Der andere Teil sitzt leider daheim vor dem Fernseher und drückt uns die Daumen." Dabei hätten die Frauen "es genauso verdient" in Italien zu sein. Zumal sie sich enorm entwickelt hätten, in den vergangenen Jahren: "Und das trotz des Wissens, hier nicht dabei zu sein. Das ist aller Ehren wert. Ich hoffe, dass es gewürdigt wird, dass wir zusammen 2030 dann am Start sind." Das sah auch Schmid so: "Man ist die ganze Zeit im Weltcup-Zirkus mit den Damen unterwegs, und sie sind da schon Teil des Teams seit Jahren. Man hätte sie gerne hier dabeigehabt." "Hoffe, dass ich nicht zum letzten Mal hier bin" Auch Sportler anderer Nationen forderten, die Nordische Kombination als Olympiadisziplin zu erhalten – und zwar mit den Frauen. Der französische Kombinierer Maël Tyrode hoffte, "nicht zum letzten Mal hier" zu sein. Seine Sportart sei die schwierigste bei den Olympischen Spielen, weil im Grunde für zwei trainiert werde. "Auch die Frauen sollten hier ihren Platz haben", sagte er t-online. "Bei Olympia dabei sein müssen, um den Sport groß zu halten" Auch der finnische Bronzemedaillengewinner Eero Hirvonen forderte: "Wir müssen bei den Olympischen Spielen dabei sein, um den Sport großzuhalten." Ohne diese Plattform sei es "nicht möglich, diese Art von Sport und diese Art von Professionalität aufrechtzuerhalten." Auch er hofft, ebenso wie der US-Amerikaner Ben Loomis, dass in Zukunft die Frauen wieder dabei sein werden. Loomis sagte: "Sie leisten hervorragende Arbeit und hätten es verdient, ebenfalls hier zu sein. Hoffentlich können wir die Fahne für sie hochhalten und zeigen, dass die Nordische Kombination ein großartiger Sport ist, damit sie in vier Jahren zu uns stoßen." Unterstützt werden die Sportler auch von Verbänden. Der Sportdirektor des Deutschen Skiverbandes (DSV), Horst Hüttel, glaubt, dass es in vier Jahren "nur mit den Frauen" funktionieren könne. Zumal das Thema Geschlechtergleichberechtigung beim IOC eigentlich hoch priorisiert sei. Dafür setzt sich auch der Internationale Skiverband ein. Fis-Präsident Johan Eliasch, der am Mittwoch mit IOC-Präsidentin Coventry auf der Tribüne saß, erklärte im Anschluss den Journalisten vor Ort: "Es ist kein Szenario möglich, dass Frauen nicht dabei sein werden. Ich garantiere, dass ich um die Sportart kämpfen werde. Wir werden alles Mögliche tun, damit diese Sportart im Kalender bleibt – für eine lange Zeit." Sollte die Nordische Kombination nicht mehr olympisch sein, könnte dies auch gravierende Folgen für das Skispringen haben. Es drohen laut Hüttel "Riesenprobleme" bei der Infrastruktur und den Betriebskosten. Denn Kinder und Jugendliche, die Skispringen und Nordische Kombination ausüben, trainieren in den Vereinen an Landesstützpunkten und Sportinternaten zusammen. "Das würde alles wegbrechen", erklärte Hüttel die möglichen Konsequenzen. Gefahren für das Skispringen drohen Skispringen würde dann an "Power und Energie verlieren". In vier Jahren finden die Olympischen Winterspiele in den französischen Alpen statt. Hüttel sprach kürzlich mit dem Präsidenten des französischen Verbandes über die Spiele dort und über mögliche Wettkampforte. Der Präsident des französischen Verbandes habe Hüttel gesagt, dass bei einem Olympia-Aus der Nordischen Kombination bei den Winterspielen 2030 nur zwei Wettbewerbe statt ungefähr fünf auf der Normalschanze stattfinden würden. Also nur das Einzel der Damen und das Einzel der Herren im Skisprung. Der Kostenvoranschlag, die Normalschanze in Frankreich zu rekonstruieren, liege bei 12 Millionen Euro. "Ich glaube, dass dies dann irgendwann nicht mehr darstellbar ist", so Hüttel weiter. "Die Gefahr sehe nicht nur ich, die sehen viele, auch in der Fis." "Hoffe, dass es ein positives Zeichen für unseren Sport ist" Um dies zu verhindern, brauche es eine Auseinandersetzung im Gesamtkontext. Die Professionalität der NoKo könne nur dann aufrechterhalten werden, wenn alle Nationen in einen Austausch gehen, um die Sportart zu retten, und das IOC dies auch anerkenne, sagte Hüttel. Dazu gehöre dann auch das Bewusstsein, dass das Training der Sportart sehr aufwendig ist und die Athleten viel investieren. Die Kombination punkte zudem durch Nachhaltigkeit, denn die Athleten nutzen die vorhandenen Sportstätten des Skispringens und des Langlaufs. Vinzenz Geiger meinte am Mittwoch, IOC-Präsidentin Coventry habe vor Ort in Tesero positiv geklungen. "Ich hoffe mal, dass es ein positives Zeichen für unseren Sport ist", so der DSV-Star. Das hoffen auch die anderen Kombinierer und die Frauen vor dem Bildschirm.