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6.000 Tote im Iran bestätigt – was dem Regime jetzt droht

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, ein unsichtbares Band verknüpft drei ungleiche Städte. Es führt von Peking nach Leipzig und weiter bis nach Teheran. In der Geschichte dieser Städte gibt es einen Moment, in dem die Angst und die Gefahr in einem Wort zusammengeflossen sind. Das haben sie gemeinsam. Das Wort lautet Schießbefehl. Sobald der Schießbefehl ergeht, wird es schwer, den Überblick über eine Lage zu behalten. Erst herrscht Panik, dann Terror. Tausende wurden getötet, soviel kann man immerhin sagen, als Chinas Kommunistische Partei Soldaten und Panzer mobilisierte und im Juni 1989 die Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens niederschlug. Wie viele Tausend Tote genau? Man weiß es nicht. Das siegreiche Regime zählte die Leichen, behielt das Ergebnis für sich und erfand eine Zahl, die ihm gefiel. Nur wenige Monate später gingen wieder Menschenmassen auf die Straße, diesmal in Leipzig. 70.000 Demonstranten trotzten am 9. Oktober den Gerüchten, der Schießbefehl sei erteilt, Panzer stünden bereit und in den Krankenhäusern würden sich die Blutkonserven stapeln. Die Leute überwanden die Angst vor Stasi und Staatsgewalt – ein Schlüsselmoment auf dem Weg zum Ende der DDR. Die Tage der Mauer waren ab diesem Zeitpunkt gezählt. Was wohl geschehen wäre, hätte die DDR-Führung das Kommando gegeben, die Demonstranten abzuschlachten? Wir bekommen eine Ahnung davon, denn in diesen Tagen erreichen uns Hinweise auf ein Massaker. Viele Massaker, um genau zu sein. Im nordiranischen Rascht zum Beispiel, einer Stadt von der Größe Düsseldorfs, setzten Schergen des Mullah-Regimes den historischen Basar in Brand, in den Demonstranten geflohen waren. Sie riegelten die Ausgänge ab und eröffneten das Feuer auf diejenigen, die den Flammen zu entkommen versuchten. Vom Basar ist nur noch eine ausgebrannte Ruine übrig. Getötet wurde in iranischen Kleinstädten, Großstädten, in der Provinz und in der Hauptstadt. Seit die staatliche Blockade des Internets bröckelt, werden die Umrisse der Gewalt erkennbar: Videos von bestialischen Misshandlungen, Stiefeltritte ins Gesicht einer am Boden liegenden Frau, Säcke über Säcke vor den Leichenhallen, in denen die entstellten Körper der Opfer liegen; Berichte von Demonstranten, die im Gefängnis gefoltert wurden, Aussagen von Frauen, die von Sicherheitskräften vergewaltigt wurden, Häscherkommandos, Straßensperren, nächtliche Abholungen, Exekutionen in Krankenhäusern. Seit Jahrzehnten hat es immer wieder Proteste im Iran gegeben, immer wieder hat das Regime sie niedergeschlagen. Aber diesmal ist etwas anders als sonst. Das hat unter anderem mit einer Zahl zu tun, die keiner genau kennt. Die Wut aufseiten der Demonstranten war größer als je zuvor und hat auch Teile der Bevölkerung erfasst, die sich der Regierung bisher nicht widersetzt hatten. Die Antwort der Sicherheitskräfte, soviel kann man immerhin sagen, war furchtbar. Wie viele Menschen wirklich gestorben sind, wissen wir nicht, aber eine Menschenrechtsorganisation meldet, mehr als 6.000 Tötungen bereits geprüft und bestätigt zu haben, während Zahlen von bis zu 30.000 Opfern als Schätzungen kursieren. Damit zeichnet sich ab: Was in den vergangenen Wochen im Iran geschehen ist, stellt selbst das Blutbad am Platz des Himmlischen Friedens, ja, sogar das Massaker im bosnischen Srebrenica in den Schatten. Statistiken gibt es keine, Einzelaussagen zuhauf: Da erzählen die Leute, dass fast jeder jemanden kennt, der nicht zurückgekommen ist. Versucht man zu erahnen, wie es nun im Iran weitergeht, liegt es nahe, die Totenstille mit der zerschmetterten Oppositionsbewegung in China zu vergleichen. Dem Verlangen nach Demokratie und Freiheit, das Studenten und Reformer 1989 in Peking auf die Straße trieb, setzte die kommunistische Führung brutal ein Ende. In anderer Hinsicht allerdings ging es in China steil aufwärts: Die Liberalisierung der Wirtschaft setzte einen Boom in Gang, der in der Geschichte der Menschheit seinesgleichen sucht. Mitsprache war zwar tabu, Geldscheffeln aber nicht. Wohlstand gegen Gehorsam lautete der Deal, mit dem die Diktatoren sich Ruhe verschafften, nachdem die Waffen schwiegen. Heute wissen wir: Das hat funktioniert. Die iranische Führung kann sich mit so einem Geschäft keine Gefügigkeit erkaufen. Denn dort regieren Gescheiterte, die nichts zu bieten haben. Ein Teil der Demonstranten ist für mehr Freiheit auf die Straße gegangen. Aber ihre Schlagkraft haben die Proteste erst von den Menschenmassen erhalten, die angesichts steigender Preise, Arbeitslosigkeit und abgestürzter Währung ihre Wut nicht mehr im Zaum halten konnten. In China und in der DDR dominierte der Wunsch nach einem Aufbruch zu neuen Ufern. Im Iran dominiert der Wunsch nach Brot. Die Mullahs können ihr Volk mundtot machen, aber liefern können sie nicht. Denn sie haben ihren Staat heruntergewirtschaftet. Es ist wichtig zu verstehen, wie sehr sich die Situation für die Regierenden in Teheran verändert hat. Nach einem Schießbefehl gibt es kein Zurück. Sollten die Protestierenden durch eine überraschende Wendung der Dinge die Oberhand gewinnen, müssen die Mörder und ihre Befehlshaber, die Schergen, die Helfer und die Helfershelfer zu Recht befürchten, dass mit ihnen abgerechnet wird. Das bedeutet zugleich: Solange das Regime seinen inneren Zusammenhalt nicht verliert, kämpft es bis zum Letzten. Doch was für das Ganze gilt, gilt nicht für seine Teile. Die Fraktionen hinter der scheinbar geschlossenen Fassade, die im Iran ein kompliziertes Geflecht gebildet haben, können flexibler kalkulieren als das Regime insgesamt. Der Druck auf den Iran ist riesig. Jederzeit müssen Mullahs und Militärs mit einem von Donald Trump befohlenen Angriff rechnen. Die amerikanischen Bomben könnten tragende Säulen des Regimes beschädigen, insbesondere die Revolutionsgarden, die seit gestern auch von der EU als Terrororganisation eingestuft werden. Oder wichtige Führungspersonen treffen. Hält der Kitt zwischen den Fraktionen? Wer will abspringen? Und wann? Schon falsches Timing kann in der gespannten Lage tödlich sein. Die Regeln, die den Moment zum Seitenwechsel bestimmen, sind eigentlich gar nicht so kompliziert. Wenn das System vor dem Kollaps steht, wird derjenige, der als Erster zur Opposition überläuft, aller Voraussicht nach wie ein Held gefeiert. Wer es als Letzter tut, wird für die Massaker wahrscheinlich an die Wand gestellt. Klare Sache, klarer Kontrast, brutale Konsequenzen. Die Medaille hat allerdings eine Kehrseite. Wer als Erster dem Regime den Rücken kehrt, ohne dass das Regime anschließend fällt, wird auch an die Wand gestellt (und das nicht nur wahrscheinlich). Dieses Kalkül gilt für alle im System: vom hochrangigen Kommandeur bis zum Polizisten in der vordersten Reihe, der seinen Schlagstock heben, die Waffe zücken oder auf die Seite der Demonstranten wechseln kann. Wer darüber nachdenkt, orientiert sich am Kollegen neben ihm, der eigenen Einheit, Signalen und Zeichen. Das kann schnell kippen. Der Kollaps eines Systems sieht immer so aus, als käme er nie. Und dann ist er da. ÜBERBLICK Termine des Tages In den Niederlanden schließen Linksliberale, Christdemokraten und Rechtsliberale ihre Koalitionsverhandlungen ab. Sie wollen eine Minderheitsregierung bilden, neuer Premier wird voraussichtlich der linksliberale Rob Jetten. In den US kommt die Dokumentation über First Lady Melania Trump in die Kinos. Sie soll so miserabel sein, dass Kritiker mit einem Reinfall rechnen. Deutschlands Handballer sind nur noch einen Sieg vom EM-Finale entfernt. Im Kampf ums Endspiel trifft das Team ab 17.45 Uhr auf Kroatien, das man in diesem Zusammenhang durchaus als Angstgegner bezeichnen darf. Unser Reporter Nils Kögler berichtet, unser Sportteam bestückt auf t-online den Liveticker. Lesetipps Die Welt ist im Umbruch, es wird ungemütlich, erklärt Friedrich Merz seit Tagen. Bei seiner Regierungserklärung betonte der Kanzler aber etwas anderes, berichtet unser Chefreporter Johannes Bebermeier. Artikel lesen Seit Monaten prangern Unionspolitiker das niedrige Arbeitspensum der Deutschen an. Arbeiten die Bundesbürger im internationalen Vergleich wirklich so wenig? Meine Kollegin Christine Holthoff zeigt es Ihnen. Artikel lesen Geld regiert die Welt – aber warum eigentlich? Der Ökonom David McWilliams berichtet im Gespräch mit meinem Kollegen Marc von Lüpke von bemerkenswerten Erkenntnissen. Artikel lesen Das Branchenmagazin "Journalist" hat mich gefragt, was die größte Herausforderung des Journalismus sei. Meine Antwort fällt knapp aus. Artikel lesen Ohrenschmaus Ein lieber Freund ist zu dem Schluss gekommen, dass ich öfter den Klängen von Röyksopp lauschen sollte. Recht hat er. Zum Schluss Ich wünsche Ihnen einen dynamischen Tag. Herzliche Grüße und bis morgen Ihr Florian Harms Chefredakteur t-online Mit Material von dpa.


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