Der US-Dollar steht unter Druck. Ausgerechnet eine beiläufige Bemerkung von US-Präsident Donald Trump hat die Abwärtsbewegung zuletzt beschleunigt. In der Nacht auf Mittwoch fiel der Dollarkurs zum Euro auf 1,20 Euro – zum Schweizer Franken rutschte er auf 0,7605 Franken und damit auf den tiefsten Stand seit Januar 2015. Neben geopolitischen Spannungen und Spekulationen über mögliche gemeinsame Eingriffe der japanischen und amerikanischen Notenbank zur Stabilisierung des Yen war es vor allem Trumps Kommentar, der die Märkte aufschreckte. Auf die Frage, ob der Dollar zu stark gefallen sei, antwortete er lapidar: "Dem Dollar geht es großartig." An den Finanzmärkten kam diese Gelassenheit schlecht an. Investoren werteten die Aussage als Signal, dass die US-Regierung einen schwächeren Dollar zumindest hinnimmt. "Wenn der Präsident Gleichgültigkeit äußert oder die Bewegung sogar gutheißt, ermutigt das Dollar-Verkäufer, weiter Druck zu machen", sagt Steve Englander, Währungsexperte bei Standard Chartered . Doch warum verliert der Dollar gerade jetzt an Stärke und welche Folgen hat das für Verbraucher, Unternehmen und die Europäische Zentralbank? Warum Leitzinsen den Wechselkurs beeinflussen Ein zentraler Treiber von Wechselkursen sind die Leitzinsen, also die Zinssätze, zu denen sich Banken bei den Zentralbanken Geld leihen können. In den USA legt die Federal Reserve (Fed) diesen Zinssatz fest, in der Eurozone die Europäische Zentralbank (EZB). Der Mechanismus dahinter ist einfach: Höhere Zinsen locken Kapital an. Steigen die Zinsen in den USA, werden US-Staatsanleihen und andere Dollar-Anlagen für internationale Investoren attraktiver. Um diese zu kaufen, müssen sie ihre Euro in Dollar tauschen. Die Nachfrage nach Dollar steigt, der Kurs legt zu. Entscheidend ist dabei nicht nur das absolute Zinsniveau, sondern der Zinsunterschied zwischen den Währungsräumen. Weiten die USA ihren Vorsprung aus, wertet das den Dollar meist auf. Verringert sich der Abstand, gewinnt oft der Euro an Stärke. Risiken befeuern die Rally: Gold springt über 5.000 Dollar: Jetzt zuschlagen? Genau das ist derzeit der Fall. Die Fed hat den Leitzins zuletzt von 4,00 auf 3,75 Prozent gesenkt. Weitere Zinsschritte werden kurzfristig zwar nicht erwartet, doch die Richtung ist klar: Sinkende Zinsen machen Dollar-Anlagen weniger attraktiv und dämpfen die Nachfrage nach der US-Währung. Warum die alte Regel nicht mehr greift Dass der Dollar trotz vergleichsweise hoher Zinsen in den USA schwächelt, zeigt: Die gewohnten Zusammenhänge greifen nicht mehr wie früher. Laut Ipek Ozkardeskaya, Analystin bei Swissquote, liegt das an einer Mischung aus politischen und wirtschaftlichen Faktoren. Sie verweist auf geopolitische Unsicherheiten, die von den USA ausgehen, sowie auf wachsende Zweifel an der "künftigen Unabhängigkeit der US-Notenbank". Hintergrund ist das bevorstehende Ende der Amtszeit von Fed-Chef Jerome Powell im Mai. Hinzu kommt ein rückläufiges Vertrauen der US-Verbraucher. "Das ergibt ein ziemlich trübes Bild für den Greenback", sagt Ozkardeskaya. Bereits im vergangenen Jahr hatte der Dollar angesichts geopolitischer Spannungen und der Debatte um die Fed-Unabhängigkeit deutlich an Wert verloren. Greift die EZB irgendwann ein? Ein dauerhaft stärkerer Euro bleibt nicht ohne Folgen und könnte die EZB unter Handlungsdruck setzen. Der österreichische Notenbankchef Martin Kocher brachte deshalb eine Zinssenkung ins Spiel, falls sich die Euro-Aufwertung fortsetzt. Talsohle erreicht? EZB-Expertin schließt steigende Zinsen 2026 nicht mehr aus "Sollte der Euro in Relation zum Dollar immer stärker werden, könnte dies ab einem gewissen Punkt natürlich eine geldpolitische Reaktion erforderlich machen", sagte Kocher in einem Interview mit der "Financial Times". Ein starker Euro verbilligt zwar Importe, erschwert aber europäischen Unternehmen den Wettbewerb mit US-Konkurrenten, weil ihre Produkte im Ausland teurer werden. Gewinner und Verlierer eines schwachen Dollars Aus Sicht der USA hat die Dollarschwäche durchaus Vorteile. Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, zufolge kommt die Abwertung der US-Regierung offenbar entgegen. Sie verbessert die Wettbewerbsfähigkeit amerikanischer Exporteure. US-Unternehmen können ihre Preise in Euro senken und so Marktanteile in Europa gewinnen – oder die Preise stabil halten und höhere Gewinne erzielen, wenn sie ihre Einnahmen zurück in Dollar tauschen. Währungseffekte: Schwacher Dollar, starker Euro – wer gewinnt, wer verliert? Für Unternehmen aus der Eurozone gilt das Gegenteil. Ein starker Euro verteuert ihre Exporte in Länder außerhalb des Währungsraums. "Der starke Euro ist kein Knockout, aber er frisst sich Stück für Stück in die Marge", sagte Dirk Jandura, Präsident des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), kürzlich der Nachrichtenagentur Reuters. Gerade in stark umkämpften Märkten ließen sich Wechselkursnachteile kaum an Kunden weitergeben. Gitzel warnt jedoch davor, die Dollarschwäche als Selbstläufer zu betrachten. Spekulative Anleger hätten den Dollar bereits stark auf Termin verkauft. "Historisch waren solch hohe Bestände an Terminverkäufen ein zuverlässiger Indikator für eine Dollar-Stärke", so der Ökonom. Warum die EZB vorerst abwartet Historisch betrachtet ist ein Kurs von 1,20 Dollar je Euro noch kein Extremwert. Beim Rekordhoch im Jahr 2009 lag der Euro bei rund 1,60 Dollar. Dennoch ist die Dynamik bemerkenswert: Allein im vergangenen Jahr legte der Euro um etwa 13 Prozent zu – der stärkste Anstieg seit 2017. Eine schnelle Reaktion der EZB gilt dennoch als unwahrscheinlich. Kocher bezeichnete die jüngsten Kursgewinne als "moderat" und sieht keinen akuten Handlungsbedarf. Auch mit Blick auf die anstehende Zinsentscheidung gebe es keine unmittelbare Notwendigkeit für Änderungen. Der Währungsstratege Leon Ferdinand Bost vom Bankhaus Metzler mahnt dennoch zur Vorsicht. Zwar könne sich die negative Stimmung gegenüber dem Dollar zunächst fortsetzen, doch oberhalb von 1,20 werde es schwieriger. Die US-Konjunktur zeige sich weiterhin robust, und die Frage der Fed-Unabhängigkeit werde möglicherweise weniger kritisch bewertet als von manchen Marktteilnehmern angenommen.