Rhein-Neckar-Kreis: Fleißig - vorbildlich - Job los
Von Alexander Albrecht
Rhein-Neckar. Besser kann ein Arbeitszeugnis kaum ausfallen: Der Mitarbeiter habe "stets Eigeninitiative, großen Fleiß und Eifer" gezeigt, immer eine "überdurchschnittliche Arbeitsqualität" abgeliefert und seine Aufgaben durchweg "selbstständig, mit großer Sorgfalt und Genauigkeit" erledigt. Weiter bescheinigt das Schreiben dem Mann, dass Arbeitstempo und Arbeitsmenge "weit über unseren Erwartungen" gelegen hätten. Sein Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kollegen und externen Stellen sei vorbildlich gewesen.
Trotzdem ist nach einem Jahr Schluss. Das Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis beendet am 30. September 2017 das befristete Arbeitsverhältnis "mit Ablauf der vereinbarten Zeit". Man wünsche "diesem engagierten und tüchtigen Mitarbeiter auf seinem weiteren Berufs- und Lebensweg" alles Gute, "weiterhin Erfolg" und bedaure sein Ausscheiden. Der Fairness halber ist zu erwähnen, dass die Tätigkeit des heute 39-Jährigen im Rahmen des Projekts "Soziale Beschäftigung im Rhein-Neckar-Kreis der Sozialen Agenda 2015/2016" auf ein Jahr angelegt war, für sechs Monate vom Jobcenter mit einem Eingliederungszuschuss gefördert.
Dennoch war und ist der Mann enttäuscht, wie er der RNZ mitteilt. Neben dem Arbeitszeugnis verweist er auf zahlreiche Überstunden und dass er nie krank war. Der Job in einem Amt der Behörde und dem Kreisarchiv habe ihm sehr viel Freude bereitet. Er und seine Vorgesetzten hätten den Vertrag gerne verlängert beziehungsweise das Arbeitsverhältnis entfristet. "Trotz mehrerer Nachfragen bei der Amtsleitung hat man mir nie einen Grund genannt, warum das nicht möglich war", sagt der Ex-Verwaltungsangestellte. Bewerbungen auf Stellenausschreibungen im Landkreis seien erfolglos gewesen, seine frühere Stelle wurde anderweitig besetzt. Die Hoffnung auf den sicheren Arbeitsplatz erfüllte sich nicht. Besonders ärgert sich der Mann aber über den Personalrat im Landratsamt. Das Gremium fordert, dass der Rhein-Neckar-Kreis wieder in den Kommunalen Arbeitgeberverband (KAV) im Land eintritt. Und damit die Wochenarbeitszeit der Angestellten und Arbeiter – wie in allen anderen baden-württembergischen Landkreisen – 39 statt 40 Stunden beträgt. Für dieses Ziel hat der Personalrat immerhin die Unterschriften von 1466 der rund 2000 Beschäftigen des Rhein-Neckar-Kreises gesammelt. Ein Argument ist, dass wegen der Ungleichbehandlung bereits sehr gute Mitarbeiter das Landratsamt verlassen hätten. Dies hält der ehemalige Angestellte allerdings nur für bedingt glaubwürdig.
Es gebe keinen Grund dafür, zu einem anderen Arbeitgeber zu wechseln, nur weil dort eine Stunde weniger pro Woche gearbeitet wird. Bis auf die Arbeitszeit richteten sich die Regelungen für die Beschäftigten nach den entsprechenden Tarifverträgen.
Zudem biete der Rhein-Neckar-Kreis Fort- und Weiterbildungen, flexible Arbeitszeitmodelle, ein "Sabbat-Jahr", ein Jobticket, Telearbeit sowie Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf und ein betriebliches Gesundheitsmanagement an. Darüber hinaus sei jeder Mitarbeiter im Rahmen der betrieblichen Alters-, Erwerbsminderungs- und Hinterbliebenenversorgung zusätzlich pflichtversichert.
Das sieht auch Claudia Felden so, die FDP-Fraktionsvorsitzende im Kreistag. "Der Rhein-Neckar-Kreis ist ein sehr attraktiver Arbeitgeber", sagt sie. Die Liberalen, aber auch die CDU- und die Freie-Wähler-Fraktion lehnten 2018 eine Initiative der Grünen und der Linken mit der Forderung nach einer Rückkehr zur 39-Stunden-Woche aber vor allem deshalb ab, weil dafür im Gegenzug ein Mehrbedarf von 26,5 Stellen beziehungsweise knapp 1,3 Millionen Euro errechnet worden war. "Dieser läge heute sicher höher", so Felden. Zudem müssten bei einem Wiedereintritt in den KAV die beim Kreis beschäftigten Beamten zwei Stunden länger arbeiten als ihre Kollegen, also 41 Stunden wöchentlich. FDP, die Freien Wähler und die Christdemokraten wollen in den kommenden Wochen mit dem Personalrat "ergebnisoffen" sprechen.
Die Mitarbeitervertretung hat noch ein weiteres Argument auf ihrer Seite. Der Rhein-Neckar-Kreis hat 21 Millionen Euro mehr in der Kasse, als im Etat für 2020 veranschlagt und kann es sich erlauben, die Kreisumlage – das Geld, das er von seinen 54 Kommunen nach deren jeweiligen Steuerkraft erhält – auf 26,75 Prozentpunkte zu senken. Die Grünen stünden weiter "voll und ganz" hinter dem Wunsch der Beschäftigten, teilt Fraktionschef Ralf Frühwirt der Rhein-Neckar-Zeitung mit. Man sei sehr erfreut darüber, dass sich die Mitarbeiter von dem abgelehnten Antrag 2018 nicht hätten entmutigen lassen.
Unterstützung kommt auch von der SPD und der Linken, deren Fraktionsvorsitzender Edgar Wunder in der "bemerkenswert hohen Zahl der Unterschriften" ein deutliches Signal an die Verwaltung und den Kreistag sieht. SPD, Grüne und Linke kommen im Kreisparlament zusammen auf 41 Sitze, die Mehrheit liegt jedoch bei 51.
Vielleicht bekommt der ehemalige Verwaltungsangestellte auf Zeit eine neue Chance, wenn im Landratsamt mehr Stellen geschaffen werden sollten. Oder es nützt anderen. "Oberste Priorität für jeden Personal- oder Betriebsrat sollte meines Erachtens sein, sich dafür einzusetzen, befristete Arbeitsverträge von gutem Personal zu entfristen beziehungsweise dieses zu erhalten", sagt er.