Waldkatzenbach: Daniela Bergs Öko-Hotel in Nicaragua ist fertig
Von Martina Birkelbach
Eberbach/Waldkatzenbach/Nicaragua. Die Waldkatzenbacherin Daniela Berg hat es geschafft. Ihr Traum ist in Erfüllung gegangen: Ihre Öko-Unterkunft bei Venecia in Nicaragua steht.
Die 30-Jährige hat im Jahr 2008 am Eberbacher Hohenstaufen-Gymnasium ihr Abitur absolviert, danach neben ihrem Geografiestudium mit Masterabschluss in vielen Projekten unter anderem in Laos, Malaysia und Ecuador gearbeitet. Schildkrötenarbeit hat sie damals in Malaysia, in Costa Rica und auf den Kapverden geleistet.
Am 2. Mai 2016 ist die damals 26-jährige Meeresschildkröten- und Naturliebhaberin sowie Öko-Philosophin von Waldkatzenbach nach Nicaragua gestartet, um mit ihrem damaligen Freund Melvin (den sie im Oktober 2017 heiratete) an dem Projekt "Natur-Lodge" zu arbeiten. Im Jahr 2017 fand sie den passenden "Traumstrand" dazu. Nun ist es so weit: Die ersten Gäste können ab Juni kommen.
Frau Berg, Ihre Naturschutz-Lodge in Nicaragua ist fertig. Wie fühlen Sie sich jetzt, wo der Traum in Erfüllung gegangen ist?
Ehrlich gesagt sehr angespannt (lacht). Ich bin so stolz auf alles, was wir erreicht haben, aber jetzt kommt ja der wichtigste Teil: Werden Leute kommen? Haben wir Erfolg? Können wir damit Geld verdienen? Mein Traum, an einem Strand mit Schildkröten zu wohnen, ist schon erfüllt. Aber der Traum, mein Hobby zum Beruf zu machen und davon leben zu können, ist noch nicht ganz erreicht – das wird sich jetzt erst in den kommenden Jahren zeigen.
Wohnen Sie mit Ihrem Ehemann jetzt auch in der Lodge oder noch in der nächst größeren Stadt Chinandega?
Wir wohnen seit Dezember 2019 auf unserem Grundstück in Venecia in einem neu gebauten Haus. Das Haus befindet sich in einer separaten Ecke des Grundstücks, sodass wir zwar 24/7 vor Ort sind, aber den Gästen nicht auf den Füßen rumtreten.
Wann genau können die ersten Gäste in das Öko-Hotel einziehen und gibt es bereits Anmeldungen?
Wir sind gerade erst in die Werbung eingestiegen, also gibt es aktuell noch keine Anmeldungen. In ein paar Wochen würde ich aber schon eine erste Nachricht erwarten. Die ersten Gäste können ab dem 1. Juni kommen. Als "Öko-Hotel" kann man uns übrigens nicht wirklich bezeichnen – beim Wort Hotel denkt man ja meist an geschlossene Zimmer. Wir bieten aktuell einen Campingplatz und bauen jetzt noch eine Holzhütte mit drei bis vier Betten. Da schläft man also quasi inmitten der Natur, mit dem Nötigsten, was man zum Glücklichsein braucht, ohne (überflüssigen) Luxus.
Wir definieren uns eher als ein Freiwilligenprojekt – wir bieten touristische Infrastruktur für Menschen an, die uns bei unserem Umweltschutz-Vorhaben unterstützen wollen. Freiwillige zahlen einen All-inclusive-Preis für Unterkunft, Verpflegung und Unterhaltung. Mit den Einnahmen zahlen wir außerdem sämtliche Ausgaben für den Schildkrötenschutz – denn die Materialien und einheimischen Arbeiter kosten ja nun mal was. So ein Freiwilligenprogramm ist perfekt für Abiturienten, Studenten und alle, die Abenteuer und Natur lieben.
Wo genau liegt das Resort und wie groß ist es?
Memanta liegt auf einer Halbinsel im Norden Nicaraguas, zwischen dem Pazifik und dem Ästuar "Padre Ramos". Wir sind quasi von Strand und Mangroven umgeben. Unser Grundstück ist etwa 28 000 Quadratmeter groß und fast komplett von Wald bedeckt.
Die touristische Infrastruktur umfasst aktuell eine große Hütte mit Küche und Essbereich; hier können die Gäste stundenlang im Schatten verbringen, lesen, in Hängematten chillen usw. Es gibt drei überdachte Zeltplätze und zudem eine Dusche, eine Toilette und einen Outdoor-Waschplatz
Jetzt im Januar beginnen wir mit dem Bau der weiteren Unterkunft, die dann auch richtige Betten haben wird, für alle, die ein klein wenig mehr Komfort wünschen.
Auf was dürfen sich die Gäste freuen?
Das Highlight für viele wird wohl der 13 Kilometer lange, nahezu unberührte Strand sein. Hier ist man meist menschenseelenallein, kann spazieren gehen, in Ruhe baden oder auch surfen! Zwischen Juli und Januar ist Schildkrötensaison – das ist natürlich das andere Highlight. Und das dritte Highlight ist der ursprüngliche Wald auf unserem Grundstück, wo sich unter anderem Vögel ganz herrlich beobachten lassen!
Die Freiwilligen werden sich natürlich eingehend mit dem Thema Schildkröten und Umweltschutz befassen und auch wissenschaftliche Daten sammeln – als eine Art Auslandspraktikum ist das ideal.
Als Freiwilliger wird man aber auch in andere Arbeiten eingebunden. Beispielsweise wollen wir einen organischen Garten aufbauen, kontinuierlich Bäume pflanzen, so viel recyceln wie möglich, mit der Gemeinde zusammenarbeiten, den Strand sauberhalten und vieles mehr. Daneben wird es ein wöchentliches Aktivitätenprogramm geben, wo wir unter anderem Sprachkurse, Kochkurse, kleine Exkursionen, Spiele, Workshops und DIY-Projekte (Do it yourself) machen. Wer möchte, kann bei einheimischen Anbietern Bootsrundfahrten, Reitausflüge und sonstige Aktivitäten dazubuchen, und Zeit zum Ausspannen gibt es ebenfalls! Es ist also eine Kombination aus Urlaub und Freiwilligenarbeit.
Und wie ist das Wetter?
Heiß! Wer Sonne pur haben will, sollte in der Trockenzeit zwischen Dezember und April kommen. Im Mai und April ist es allerdings schon seeeehr heiß. Ab Mai regnet es dann gelegentlich. Die regnerischsten Monate sind September und Oktober – doch das ist auch die Schildkröten-Hochsaison, wo wir am meisten Hilfe brauchen!
Inwieweit werden die Besucher in das Leben vor Ort und vor allem in die Rettung von Meeresschildkröten eingebunden?
Zu 100 Prozent! Die Freiwilligen werden uns jeden Tag mit dem Schutz der Meeresschildkröten helfen. Das heißt konkret: Wir suchen am Strand nach Nestern, bringen diese in unsere "Hatchery", vergraben sie dort wieder im Sand, messen während der kommenden Wochen die Temperatur und stellen sicher, dass die Bedingungen zur Embryoentwick-lung ideal sind, und lassen anschließend die frisch geschlüpften Babys am Strand wieder frei. Es ist wichtig zu erwähnen, dass hier am Strand 100 Prozent der Nester geplündert und für den Verzehr verkauft werden – zurzeit sind wir die Einzigen, die etwas dagegen tun. Wir wollen aber nicht nur die Nester schützen, sondern auch mehr über die Population erfahren. Wie viele Schildkröten kommen jedes Jahr an unseren Strand und werden es tatsächlich immer weniger? Das hat hier noch nie jemand gezählt, weshalb wir täglich den Strand ablaufen und die Nistaktivität protokollieren wollen.
Wenn keine Schildkrötensaison ist (also Februar bis Juni), kümmern wir uns um andere Projekte auf unserem Grundstück und in der näheren Umgebung, sodass es niemals langweilig wird.
Mit der Gemeinde pflegen wir eine sehr gute Beziehung. Deshalb werden die Freiwilligen auch sehen, wie die einheimischen Familien leben, und wer Spanisch sprechen kann, wird sicherlich schnell Freunde dazugewinnen. Hier freuen sich alle, wenn ein neues Gesicht auftaucht!
Wann schlüpfen die nächsten Schildkröten?
Unsere letzten Nester werden jetzt im Januar schlüpfen. Nun ist die Nistsaison erstmal vorbei und beginnt dann im Juli wieder. Im vergangenen Jahr haben Melvin und ich 22 Nester gerettet – das ist natürlich weit unterhalb der Möglichkeiten. Nächstes Jahr peilen wir 150 Nester an! Das wird dann nur mit der Hilfe der Freiwilligen möglich sein. Zu zweit schafft man so etwas kaum. Je mehr Leute kommen, desto mehr Nester können wir retten.
Sie haben jetzt fast vier Jahre an Ihrem Traum der Öko-Lodge gearbeitet. Warum hat es so lange gedauert?
Wir haben erstmal ziemlich lange nach dem richtigen Strand suchen müssen. Melvin und ich haben ganz Nicaragua abgeklappert, bis wir unser kleines Paradies gefunden haben. Dann kamen die Vorbereitungen – ein Unternehmen gründen und unser Haus bauen.
Und schließlich haben wir ein ganzes Jahr für den Bau der touristischen Infrastruktur gebraucht. Ich habe die ganze Zeit noch nebenher als Freelancerin (selbstständige freie Mitarbeiterin) gearbeitet, meist 40 Stunden die Woche – das heißt, Melvin musste den Großteil des Projektaufbaus alleine stemmen. Wir hatten natürlich auch ein paar helfende Hände aus dem Dorf, doch das meiste hat Melvin selbst gemacht.
Wir sind im Nachhinein ganz froh, dass wir uns so viel Zeit genommen haben, da wir im vergangenen Jahr noch einige sehr wichtige Lektionen lernen konnten und jetzt für 2020 auf alle Fälle vorbereitet sind.
Hatten sie auch manchmal Zweifel an dem Projekt?
Zweifel an dem Projekt selbst hatte ich nie. Aber das letzte Jahr war emotional gesehen schwierig. Viel Arbeit, große Enttäuschungen, viele Hürden, viele Ausgaben und Einsamkeit. Mal mit einer guten Freundin ins Café gehen und das Herz ausschütten ist hier nicht. Melvin und ich waren mit unseren Ängsten und Problemen ganz alleine. Wir hatten ja auch keine Ahnung vom Unternehmer-Dasein und mussten viele Erfahrungen sammeln, die uns oft in den letzten Jahren Nerven geraubt haben.
Gibt es noch weitere Pläne für die Naturschutz-Lodge?
Wenn die Nachfrage entsprechend groß ist und wir genug einnehmen, werden wir in den kommenden Jahren noch ein paar weitere Hütten bauen, die dann auch einen höheren Standard bieten und für Familien, Paare und alle Ü40 interessant sein könnten. Melvin möchte außerdem eine kleine Surfschule auf die Beine stellen und eng mit der Gemeinde zusammenarbeiten, sodass die Kinder zu begeisterten Umweltschützern heranwachsen.
Was macht das Leben in Nicaragua aus?
Je nachdem, wo man lebt, kann es ganz unterschiedlich sein. Hier, in unserem einsamen Paradies, ist es die Natur, die Ruhe und die Friedlichkeit. Die Menschen sind außerdem sehr authentisch, niemand verstellt sich. Niemand schaut dich schief an, wenn dein Hemd ein Loch hat oder schon längst aus der Mode gekommen ist. Das finde ich toll! Die Leute hier haben wirklich ganz andere Sorgen, doch irgendwie scheinen sie immer zufrieden und dankbar zu sein. Man fühlt sich freier – weniger gesellschaftliche Zwänge, weniger Regelungen. Viele Ausländer, die hierher kommen, wollen aus der westlichen Konsumgesellschaft ausbrechen und das einfache Leben wieder schätzen lernen, wo noch ganz andere Werte zählen.
Welches sind die größten Unterschiede zwischen Ihrem früheren Leben in Europa und dem in Nicaragua?
In Nicaragua bin ich sesshaft geworden und habe das erste Mal in meinem Leben wirklich hart arbeiten müssen – in Deutschland war ich immer nur Schülerin oder Studentin gewesen und bin viel gereist. Ich bin jetzt plötzlich verantwortlich für ein riesiges Grundstück, ein Unternehmen, die Haushalts-Finanzen, ein Auto, drei Katzen und zwei Hunde … und niemand ist vor Ort, der meine Alltagsprobleme als Auswanderin versteht. Ich versuche, an meinen deutschen Tugenden festzuhalten, doch die äußeren Umstände erschweren solche Dinge wie Pünktlichkeit und Ordnung sehr.
Wenn man sich nicht selbst verrückt machen will, muss man hier vieles gelassen sehen. Der Strom fällt stundenlang aus? Das Internet funktioniert nicht? Eine Kuhherde hält den Straßenverkehr auf? Die Hunde sind krank und der Tierarzt ist zwei Stunden entfernt? Es ist mal wieder was kaputtgegangen? Ein gruseliges Insekt sitzt an der Wand? Diese Dinge bringen mich nicht mehr aus der Ruhe.
Vor fast vier Jahren haben Sie Waldkatzenbach verlassen, haben Sie diesen Schritt jemals bereut?
Nein.
Wie sieht es mit Heimweh aus, was vermissen Sie am meisten an/aus Ihrer Heimat?
Das gute deftige Essen, China-Restaurants und die große Auswahl in den Supermärkten, vor allem Tiefkühlprodukte! Dinge im Internet bestellen zu können. Mit Freundinnen auszugehen. Hohe Schuhe anzuziehen und sich mal hübsch zu machen. Winter! Schnee! Regen! Kuschelige Pullover und Jeans anzuziehen. Mit dem Fahrrad durch die Stadt zu düsen.
Ich vermisse wirklich sehr viel. Aber es gibt eben auch sehr viele Dinge, die ich so gar nicht vermisse.
Würden Sie sich freuen, Menschen aus Ihrer früheren Heimat als Gäste in Nicaragua begrüßen zu können?
Ja natürlich, ich hoffe doch sehr darauf, dass sich jemand mal hierher verirrt! Wer beispielsweise nach dem Abi einen Auslandsaufenthalt plant oder während der Semesterferien mal was anderes ausprobieren will, ist bei uns in besten Händen.
Info: www.memanta.org; mail@memanta.org